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Montag, 1. September 2025

Allgäubilderbuch

Oberstdorf, 23.08.- 29.08.2025
 
Radeln

Radeln kann man in und um Oberstdorf ganz hervorragend. Die Wanderwege im Tal sind gleichzeitig Radwege, so dass man nur ganz selten mit Autofahrern in Konflikt kommt. Mit E-Bike und Packtaschen für den Einkauf haben wir mehrere Tage problemlos unser Auto stehen lassen können. Sportlichere kommen mit Gravel Bikes oder Mountain Bikes auf ihre Kosten, wobei man allerdings sagen muss, dass die Gemeinde Oberstdorf dem Naturschutz den Vorzug vor spektakulären Downhill- Strecken gibt. Gelegentlich kreuzen sich Wander- und Radwege mit der ca. 7 km langen Rollerbahn für Fahrer von Inlineskates, Cross-Rollern und Skirollern (so ähnlich wie Skilanglaufen, nur eben mit Rollen). Dabei ist zu beachten, dass die Rollerbahn Vorfahrt hat, was auch richtig so ist, denn die Skiroller sind richtig schnell und haben einen sehr langen Bremsweg.

 
Wandern 

Auch das geht hier ganz wunderbar. Vom leichten Weg, den man mit Kinderwagen oder Rollstuhl bewältigen kann, bis zum Klettersteig gibt es eigentlich alles. Die meisten Wege sind gut befestigt und so ausgeschildert, dass man sich einfach zurechtfinden kann. Die Zeitangaben auf den Schildern sind einigermaßen realistisch. Im Sommer sind die Fellhornbahn und die Nebelhornbahn in Betrieb, so dass auch Ungeübte die Gipfelhöhen geniessen können. Das Nebelhorn ist 2224 m, das Fellhorn 2038 m hoch, sie gehören also nicht zu den höchsten Bergen der Alpen. Wir sind am ersten Tag auf dem Nebelhorn gewesen: die eigentliche Herausforderung für mich war es, Panikattacken in der Gondelbahn zu unterdrücken (ich hab‘s nicht so mit der Höhe).

Wenn deutsche Urlauber Aktivitäten angehen, dann sind sie auf jeden Fall gut ausgerüstet. Auch wenn man eher einen längeren Spaziergang macht als eine mehrtägige Wanderung im hochalpinen Bereich, das Outfit ist in der Regel für jede erdenkliche Naturkatastrophe geeignet. Vom Nebelhorn starten die Paraglider in Tal, was ich ebenfalls niemals tun würde. 

Kultur

Kultur gibt es natürlich, aber deswegen fährt man nicht nach Oberstdorf und Umgebung. In Oberstdorf finden sich drei nebeneinander liegende Wallfahrtskapellen: die Appachkapelle von 1493, die Kapelle Maria Loretto von 1657 und die Josephskapelle 1671. Alle drei sind ganz wundervoll ausgestattet und wirklich sehenswert. Besonders anrührend ist die Mischung aus sakraler Kunst und regionalem Bezug, die in den Votivbildern zum Ausdruck kommt. 

Möchte man noch mehr sehen, lohnt sich auf jeden Fall ein Besuch in Kempten. Außerhalb des Zentrums befindet sich der archäologische Park Cambodunum. Das ist der Name der römischen Ursprungssiedlung, aus der Kempten hervorgegangen ist. Eine Besonderheit ist der gallo-römische Umgangstempel, der sich hier erhalten hat. 

In der Altstadt von Kempten kann man die Residenz und die Basilika St. Lorenz bewundern. Die Residenz war die erste barocke Klosteranlage, die nach dem Dreißigjährigen Krieg gebaut wurde, heute sind die Prunkräume ein Genuss für Menschen mit Freude an Vergoldungen. Die Basilika wird als Pfarrkirche genutzt, auch sie ist wirklich sehr schön anzusehen.

Viehzeug

Kühe könnten hier als Wahrzeichen gelten. Auf den Almen haben im Sommer Kühe das beste aller möglichen Tierleben, sie müssen dafür lediglich Milch abgeben, aus dem verschiedene sehr leckere Käse hergestellt werden. 

Auf dem Fellhorn zum Beispiel hat sich aus einer Sennhütte eine florierende Bergwirtschaft entwickelt, wo man sich im Rahmen seiner Wanderungen mit Produkten aus Eigenherstellung stärken kann. Der Sound der Berge ist ohnehin das Kluhglockengebimmel. In Oberstdorf habe ich nur eine Kuhherde gesehen, die keine Glocken um den Hals, sondern GPS- Tracker an einem Vorderlauf hatten: was für ein Frevel.


 

Kulinarik

Neben dem vielfältigen Käseangebot gibt es natürlich überall Metzgereien mit Heißer Theke, der traditionellen Bezugsquelle für Leberkässemmeln. Für Selbstversorger bekommt man regionales Gemüse im Supermarkt in hervorragender Qualität. 


Bei unserem Besuch in Kempten war Wochenmarkt vor der Residenz: was es da an Obst und Gemüse bekam, trieb uns die Tränen in die Augen! Der Markt war sehr gut besucht, es herrschte eine entspannte Ferienstimmung im Sonnenschein. Viele junge Eltern genossen zum Beispiel ein Picknick auf der Wiese vor der Residenz mit musikalischer Untermalung durch ein Straßenmusikerpaar.

Auch in den vielen Cafés und kleinen Läden in der Altstadt war eine Menge los. Eine beliebte Besonderheit im Allgäu sind Imbisswagen mit Kässpatzn To Go, die in unterschiedlichen Variationen in Pappbechern verkauft werden. In den Wagen haben alle, die dort arbeiten, überall Käsefäden, sie sehen ein bisschen aus wie die Teilnehmer der Fondue- Orgie in „Asterix bei den Schweizern“. 

 

Sofasport

Oberstdorf ist weltweit bekannt als einer der Austragungsorte der Vier-Schanzen-Tournee. Im Sommer finden hier auf den Schanzen unter dem Nebelhorn Sommerspringen statt, die Rollerbahn wird für eine sommerliche Variante des Skilanglaufs benutzt. Ein echte Attraktion die die Heini- Klopfer- Skiflugschanze, die man auch besichtigen kann. Steht man davor, wird einem erst so richtig bewusst, wie wahnsinnig die Sportler tatsächlich sind, die dort herunterspringen. Geplant wurde die Schanze durch Heini Klopfer, der nicht nur selbst Skispringer, sondern auch Architekt war. Ihm gelang 1950 ein Sprung von 107 m, als er die neue Schanze vor ihrer Eröffnung testen wollte. Der aktuelle Schanzenrekord wird von Domen Prevc seit 2022 gehalten: er flog 242,50 m weit. 


 

Undsonstnochso...

Nette Restaurants,

zwei Freibäder (Freibergsee und das Moorschwimmbad),

Outdoorläden an jeder Straßenecke, 

Kurkonzerte (wenn man so etwas mag) 

und sehr nette Menschen.

 



Samstag, 9. August 2025

Das lächelnde Monster

Am letzten Wochenende haben wir meine Tochter in Kiel besucht, die hier ein dreimonatiges Praktikum bei einem Radiosender macht. Bei unserem Stadtrundgang entdeckte ich zu meinem Erstaunen die Silhouetten von riesigen Kreuzfahrtschiffen über den Dächern der Innenstadt. So etwas hatte ich noch nie von nahem gesehen, also wollte ich unbedingt in den Hafen.

Als ich vor diesen schwimmenden Kleinstädten stand, war ich sprachlos. Dass solche Ungetüme sich überhaupt über Wasser halten konnten! Ich sah nur Decks über Decks, es nahm überhaupt kein Ende. Gestalterisch war das Ensemble so anspruchsvoll wie Köln Chorweiler, und es wirkte auch genauso ansprechend. Auf den Dächern konnte ich Hallenbäder mit Aussenrutschen erkennen, wie sie sich viele Kommunen mittlerweile nicht mehr leisten können. Meine Tochter erzählte, dass sie in ihrer Wohnung in Friedrichsort, das immerhin ca. 10 Kilometer vom Kieler Hafen entfernt liegt, bei geschlossenem Fenster die Sirenen der Kreuzfahtrschiffe hören kann. Abends machten wir ein Picknick am Falckensteiner Strand und konnten dort mehrere Schiffe beobachten, die durch die Kieler Förde ausliefen, unter anderem die AIDA Nova. Im Vergleich zu diesem ... ich nenne sie jetzt ein Schiff, auch wenn das irgendwie nicht die richtige Bezeichnung zu sein scheint,...sahen alle anderen Wasserfahrzeuge wie Spielzeuge aus. Es war in seiner Undimensioniertheit verstörend!

Zu Hause habe ich mich dann ein wenig belesen, weil mich das Thema nicht losliess. Die AIDA Nova zum Beispiel ist ca. 380 m lang und verfügt über ca. 2.600 Gästekabinen. Es gibt Theater (Mehrzahl), Kinos, Speisesäle, Shopping Malls und was man sonst so braucht, um mehr als 5.000 Menschen auf See bei Laune zu halten. Eine Kreuzfahrt in Richtung Nordsee kostet pro Person ca. 1.100 € in einer Innenkabine. Während dieser Woche enstehen für den Urlaub dieser Person ca. 1,9 to CO2, das entspricht dem Ausstoss, den die Person ein Jahr mit ihrem Auto verursachen würde. Die AIDA Nova wird im Gegensatz zu vielen älteren Schiffen mit Flüssiggas betrieben, hat aber einen zusätzlichen Dieselmotor für Notfälle oder Hafenaufenthalte. Seit 2021 werden auf ihr Brennstoffzellen getestet. In Häfen, die damit ausgestattet sind, kann sie den Betrieb mit Landstrom weiter fahren, also die Erhaltung von Licht, Gastronomie, Klimaanlagen etc. sicher stellen. Kiel, Hamburg und Rostock z.B. können Landstrom zur Verfügung stellen.

Das ist auch gut so. In Städten, in denen die Kreuzfahrtschiffe im Hafen mit dem laufenden Dieselmotor angelegen müssen, ist die Belastung der Luft mit Schwefeloxid extrem hoch. Hamburg und Kiel zählten jahrelang zu den Städten mit der schlechtesten Luft in Europa. Seit Venedig keine Kreuzfahrtschiffe mehr in seinen Hafen lässt, ist hier die Schwefeloxidbelastung um 80 % gesunken.

Aber nicht nur der Antrieb ist ein Problem. Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht 1.000- 2.000 l Wasser am Tag. Dieses Wasser wird dem Meer entnommen, gefiltert und der Verwendung zugeführt. Das meiste Abwasser kann aufbereitet und wieder ins Meer geleitet werden. Aber Abwasser aus Duschen z.B. kann nicht aufbereitet werden und wird daher als Müll im Schiff gelagert. Da Lagerflächen in Schiffen knapp sind, wird das Wasser im nächsten Hafen entsorgt. Die Kreuzfahrtgesellschaft muss keine Rechenschaft darüber ablegen, wohin das Abwasser schlussendlich gelangt. Ähnliches gilt für anfallenden Müll, bis auf die Speisereste. Die meisten Kreuzfahrtschiffe bieten All-inclusive- Reisen an, was dazu führt, dass die Leute sich mehr auf den Teller schaufeln, als sie essen können. Die dadurch in großen Mengen enstehenden Lebensmittelabfälle werden geschreddert und dürfen ins Meer abgelassen werden. Was das für ein Ökosystem bedeutet, kann man sich leicht vorstellen.

Viele Kreuzfahrtschiffe werden "ausgeflaggt", was bedeutet, dass sie unter der Flagge von Statten wie Malta oder Liberia fahren. Das spart nicht nur Steuern, sonder hebelt auch Arbeitsschutzgesetze aus. Arbeitszeiten von 14 Stunden am Tag bei bescheidener Bezahlung sind keine Seltenheit. Wie man sieht, gibt es deutlich nachhaltigere Möglichkeiten zu verreisen. Trotzdem hat sich der Anteil von Kreuzfahrten am Tourismusaufkommen in den letzten drei Jahren verdoppelt.

Für mich ist die Kreuzfahrtindustrie eine vollkommen absurde Parallelwelt, da kann dieses Monster von Schiff noch so falsch lächeln. David Foster Wallace hat eine Kreuzfahrt in seinem Buch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" sehr schön beschrieben. Der Text ist zwar schon älter, aber immer noch lesenwert.

Apropos Empfehlungen für Kreuzfahrtfeinde: Wer sich einen Begriff davon machen möchte, wie sich die Absurdität noch steigern kann, dem empfehle ich die Netflix- Doku "Trainwreck: The Poop Cruise". In 2013 fielen durch einen Brand im Maschinenraum auf einem amerikanischen Kreuzfahrtschiff nicht nur Licht und Klimaanlage aus, sondern auch die Toiletten waren nicht mehr benutzbar. Mehr als 4.000 Menschen mussten fünf Tage unter diesen Bedingungen ausharren, bis das Schiff in einen Hafen gezogen werden konnte. Was für eine hygienische Apokalypse!


  

Sonntag, 8. Juni 2025

 Da bin ich wieder!

 

Mein letzter Post ist, wie ich zu meiner Schande feststellen musste, tatsächlich aus dem Jahr 2020. Danach habe ich nur noch auf Instagram laut gegeben, weil es einfacher war und so  kunterbunt und überhaupt... na ja!

Nicht, dass ich da nicht schöne Sachen gemacht hätte wie z.B. das #SketchABC2024 von @derherrlehrer und @c_freimann, und ich habe auch jede Menge toller Seiten gefunden, die mich wirklich inspiriert haben, gerade was das Zeichnen angeht: doch im letzten halben Jahr hat Freund Zuckerberg wieder am Algorhythmus herumgepfuscht. Seitdem sieht man viel mehr Werbung, und die Seiten kleiner User werden seltener angezeigt. Man muss mehr Zeit investieren, um seine Leute zu finden, und dafür kriegt man noch mehr Werbung zu sehen, damit der gute Mark sich vielleicht auch irgendwann eine Weltraummission für seine Lieben leisten kann. Manche kriegen eben den Hals nicht voll.

Außerdem hat mir da immer das Schreiben gefehlt. Die Untertitel zu den Fotos auf dem Handy zu tippen gehört zusammen mit dem Erfinden von Hashtags zu den wirklich nervtötenden Dingen, die ich nie gerne gemacht habe. Also habe ich mich entschlossen, meinen schönen alten Blog zu reaktivieren.

Gestern habe ich mir meine alten Posts angesehen. Ich habe wirklich viel über mich und mein Umfeld geschrieben, und offensichtlich bin ich nicht interessant genug, dass mir das je geschadet hätte, shitstormmäßig und so. Das macht doch Hoffnung.

Um diejenigen, die sich meine Beiträge früher angesehen haben, mal auf den neuesten Stand zu bringen, fasse ich die letzten viereinhalb Jahre mal kurz zusammen:

Nähen/ Stricken: Mache ich kaum noch. Ich habe da so einen grünen Schal, an dem stricke ich seit beinahe zwei Jahren, vermutlich wird er noch später fertig als die Sanierung der Deutzer Brücke, und das will etwas heißen. Zwei Patchworkdecken (ich würde das jetzt nicht großspurig Quilts nennen) habe ich aus Stoffresten produziert, die letzte während meines vorletzten Urlaubs. Ich finde, diese Decken strahlen so etwas Tröstliches aus, und die Stoffrestehalde im Keller baue ich auf diese Weise auch ab.

 

Fotografie: Kurz nachdem ich wieder in Vollzeit gearbeitet habe, konnte ich mir eine wunderbare Digitalkamera leisten, die ich schon immer haben wollte, und nachdem ich sie gekauft hatte, habe ich praktisch mit dem Fotografieren aufgehört. 

Zeichnen: Das hat sich sehr positiv entwickelt. Ich fülle Skizzenbuch um Skizzenbuch mit meinen Beobachtungen, und so langsam gefallen mir die Sachen auch selbst. Mittlerweile traue ich mich auch, die Zeichnerei beruflich zu nutzen, das habe ich vorher fast nie gemacht. Hat was damit zu tun, dass meine Eltern immer von brotloser Kunst geredet haben und ich demzufolge fest überzeugt war, ziemlich talentlos zu sein.

 

Beruf: Im Jahr 2019 habe ich eine Stelle als Architektin bei der Berufsfeuerwehr Köln angetreten. Ich bin da so ein bißchen naiv rangegangen ("Ich werd' eben ab und an eine Dusche sanieren."), es hat sich aber herausgestellt, dass viel mehr dahinter steckte. Bereits einen Monat nach Dienstantritt war ich mitten in der Planung um ein Covid- Behandlungszentrum in der Messe Köln, das gottseidank nie gebaut werden musste, und so ging es Schlag auf Schlag weiter. Leider war dieser ständige Rummel aber so anstrengend, dass ich immer häufiger mit Streßsymptomen krank wurde. Also habe ich Ende 2024 zur Feuerwehr nach Düsseldorf gewechselt, wo ich jetzt die Bauherrenvertretung bei Neubauprojekten mache, was ziemlich interessant ist (und nicht so nervenaufreibend, zumindest bis jetzt).

Familie: Meine Mutter hat den Krebs mit einem Alphawurf auf den Rücken geworfen, es geht ihr heute wieder gut. Sie wird in diesem Jahr 80 und hadert sehr damit, weil sie nun beim besten Willen nicht mehr als "junge Dame" durchgeht. Die Mädels haben beide ein Studium angefangen. Die Ältere hat sich während der Corona- Zeit durch die Tücken eines Studiums aus der Ferne gekämpft, was sie wirklich sehr stark belastet hat. Seit diesem Monat ist sie Bachelor of Arts, das betont sie gerade immer wieder gerne. Der nächste Schritt wird vielleicht der Master in Archäologie sein, wir werden sehen. Die Jüngere ist ausgezogen, um Architektur zu studieren. Warum sie dieses Studium gewählt hat, will mir bis heute nicht in den Kopf: ich habe ihr jedenfalls nicht dazu geraten. Sie möchte im nächsten Semester den Bachelor of Science angehen. Der GöGa buddelt immer noch in den Straßen der näheren Umgebung herum, da ist wenigstens alles beim Alten geblieben. 

Hund: Das ist jetzt das traurige Kapitel. Rosi musste Ende Oktober 2022 aus Altersgründen eingeschläfert werden, es wurde einfach Zeit. Ich bin bei ihr geblieben und habe geweint wie seit Kindertagen nicht mehr. Nach einer gewissen Karenzzeit haben wir es dann ohne Hund nicht mehr ausgehalten, es war einfach zu kalt in der Wohnung. Am 23. Dezember 2022 zog bei uns ein Tibetterrierwelpe namens Kirsei-Kra Namaratna ein, den wir aus verständlichen Gründen umbenennen mussten. Frida, wie sie jetzt hieß, hielt uns von Anfang an auf Trab. Sie war wild, fröhlich, störrisch, übergriffig, liebevoll und einfach nur ein toller kleiner Hund mit einem fürchterlichen Fell, das permanent verfilzte und ihr in den Augen hing. Vor ca. einem Monat begann sie, ihr Fressen zu verweigern. Es stellte sich heraus, dass ihre Leber volkommen zerstört war. Wir liessen sie sehr schweren Herzens gehen. Wir möchten wieder einen Hund bei uns haben, müssen uns aber noch etwas von dem Schock erholen, so einen jungen Hund viel zu früh verloren zu haben.

Tja, das war jetzt das Update. Vielleicht hat der eine oder andere Lust auf mehr, mal sehen, wie sich das so entwickelt.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

 

Familiengottesdienst am Heiligabend

 


Wir sind Einmalimjahrindiekirchegeher, außer es heiratet jemand oder einer ist gestorben. Wir nutzen die Kirche als Dienstleistungsunternehmen, aber Hand auf's Herz: wie viele von Euch tun das auch?
Das eine Mal Kirche ist natürlich an Heligabend. Früher waren wir mit den Kindern, die zufällig einen katholischen Kindergarten besucht haben, im Kleinkindgottesdient in der kleinen Kirche, die neben dem Kindergarten war. Dann gab es eine Zeit, da waren wir Weihnachten nie zu Hause, sondern im Skirurlaub, aber seit ein paar Jahren werden die Eltern gebrechlich, da bleiben wir eben da.
Da ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, als ich achtzehn wahr (hatte feministische Gründe und wurde durch einen Besuch im Petersdom untermauert), mein Mann und die Kinder aber evangelisch sind, entschieden wir uns, in die Erlöserkirche in unserer Nähe zu gehen. Als Ex- Katholikin lernte ich eine andere Art von Gottesdienst kennen, manchmal fand ich das schon etwas eigenartig. 
Eine Pfarrerin zum Beispiel bastelte das ganze Jahr über an einem gesichtslosen Engel, über den sie dann am Heiligabend redete und der so gruselig aussah, dass die kleinen Kinder Angst vor ihm hatten. Letztes Jahr gab es ein Krippenspiel über Josef, aufgeführt von engagierten Mitgliedern der Gemeinde. Der Darsteller von Balthasar hatte einen starken rheinischen Akzent, das war einfach großartig. Immer mit dabei ist die Kantorin Frau Kim, eine sehr gute Musikerin, die sich auch um den Kirchenchor und kleine Konzerte kümmert.
Dieses Jahr allerdings hat die Gemeinde allerdings den Vogel abgeschossen, was den Unterhaltungswert des Familiengottesdienstes angeht.
Wir trafen uns mit meiner Mutter, die sich in ihre schönste Perücke geschmissen hatte, um drei Uhr in der Kirche auf der Empore, denn da kann man am besten sehen. Den Anfang machte Frau Kim mit zwei Mädchen, die Feliz Navidad sangen. Eine von den beiden hatte deutliche Ambitionen zu einem Auftritt in einer Casting- Show, die andere war unauffälliger. Aber ganz ehrlich: wer sich mit 14 in einer rappelvollen Kirche hinstellt und mit Mikrofon singt, kann einfach nur eine Heldin sein.
Danach übernahm der Organist die musikalische Leitung, und der Mann ist schlicht der Hammer! Er bringt es grundsätzlich fertig, sehr lange Intros zu spielen, so dass nie einer weiß, wann er zu singen anfangen kann. Schon bei "O du fröhliche" kam es deswegen zu einem unfreiwilligen dreistimmigen Kanon. Der Pfarrer trat auf und ließ Kindergartenkinder mit dem Licht von Bethlehem die Altarkerzen entzünden. Trotz Unterstützung durch zwei Mütter klappte das bei einem Kind nur, als es auf dem Altar stand, was der Pfarrer nur mit einem milden "Das ist jetzt für mich auch neu!" kommentierte. Die ganze Gemeinde machte "Aaaah" wie beim Käpt'nsdinner auf einem Kreuzfahrtschiff, als das Licht anging, das war auch schön.
Dann war wieder der Organist dran. Diesmal wußten wir mit dem Intro Bescheid, aber in der zweiten Strophe von "Ihr Kinderlein kommet" begann er, irgendwie jazzige Variationen in die Melodie einzubauen, also hörten wir wieder verwirrt auf zu singen. 
Dabei fiel dem Kleinkind von gegenüber der Schnuller aus dem Mund, der über den Rand der Empore eine Etage tiefer stürzte und einen älteren Herrn am Kopf traf. Während zwei junge Frauen abwechselnd die Weihnachtsgeschichte vorlasen, brachte seine Frau den Schnuller wieder nach oben. So bekam sie leider nicht mit, wie eine der beiden Erzählerinnen den Faden verlor, hektisch in den Blättern am Lesepult kramte, und dabei murmelte: "Wo kam der nochmal her?.. Äh...Bethlehem..." und dann weiter vorlas.
Jetzt stimmte der Organist das nächste Lied an, und wir dachten schon, diesmal ginge alles gut, da entdeckte er in der triumphalen dritten Strophe von "Stern über Bethlehem" irgendeinen Special-Effects-Schalter an der Orgel. Der Sound änderte sich von Kirchenorgel zu düsterer Orgel im U-Boot des wahnsinnigen Kapitän Nemo. Für mich war es vorbei: ich konnte nicht mehr mitsingen, weil ich so lachen mußte. 
Als nächstes durften sich alle Kinder Kekse aus zwei riesigen goldenen Blechschachteln unter dem Christbaum holen, was weitere Unruhe in den Gottesdienst brachte. Nachdem sich alle wieder gesetzt hatten, wollte der Pfarrer wenigstens zusammen das "Vaterunser" sprechen, hatte aber die Rechnung ohne ein tollkühnes Windelkind gemacht, dass sich langsam, wackelig, aber unaufhaltsam an ihm vorbei zu den Keksdosen neben dem Altar schlich, sich dort einen Zimtstern stibitzte und dann mit einem Gesicht wie ein echter Sieger von seiner Großmutter einfangen ließ. Der Organist versuchte ein letztes Mal, es mit "Stille Nacht, Heilige Nacht" so richtig krachen zu lassen, aber jetzt hatten die Gottesdienstbesucher genug von seinen Mätzchen und sangen einfach an ihm vorbei. Als wir das Gotteshaus verließen, warteten für das Krippenspiel schon die Laiendarsteller in den Kostümen römischer Legionäre auf ihren Auftritt.
Ich kann nur sagen, ich hatte selten so einen Spaß in der Kirche (Ausnahme vielleicht, als unser damals schon sehr betagter Pastor mit seiner Greisenstimme an den hohen Tönen von "Gloria in Excelsis Deo" scheiterte). Ich finde es einfach ganz phantastisch, wie engagiert die Mitwirkenden sind, und ich kann den Pfarrer nur für seine Gelassenheit bewundern. 
Nächstes Jahr sind wir wieder da, versprochen!

Dienstag, 10. September 2019


Perücke und Käppchen

 


Im vorletzten Post hatte ich über die Brustkrebserkrankung meiner Mutter erzählt, und wie sie nach der Operation damit konfrontiert wurde, dass sie entgegen der ersten Prognosen eine Chemotherapie machen sollte.
Der nächste Schritt war das Einsetzen eines Ports, durch den die Medikamente während der Behandlung fliessen sollen. Dieser Eingriff wurde ambulant gemacht und tat höllisch weh. Am nächsten Tag war die Wunde angeschwollen. Meine Mutter geriet in Panik und rief mich an, während ich im Supermarkt an der Kasse stand. Ich schmiß meine Einkäufe in die Packtaschen, radelte wie Jan Ullrich nach Hause, brüllte meinem Mann zu, dass er kochen müßte, wenn er etwas zu Essen haben wolle, sprang erst in das erste Auto, das keinen Sprit mehr hatte und dann in das zweite, dass wenigstens nur gerade auf Reserve stand, um zu meiner Mutter zu rasen. Die Wunde sah wirklich nicht schön aus, das fand ich auch. Also fuhren wir in die Ambulanz, denn beim letzten Mal - man erinnert sich vielleicht- endete eine ähnliche Situation mit einem blauen Auge und einer zweiten Operation.
Der Ambulanzarzt kannte meine Mutter noch aus der Chirurgie. Er sah sich das an und konnte sie beruhigen: die Wunde sah völlig o.k. aus. Er war sogar so taktvoll, uns beide nicht wie totale Hysterikerinnen aussehen zu lassen. 
Während ich in der nächsten Woche im Urlaub auf Rügen war, absolvierte meine Mutter noch zwei CTs und eine Knochenmarksuntersuchung. Zu der Besprechung der Chemo konnte sie sogar zum ersten Mal wieder mit ihrem Auto fahren. Dort unterschrieb sie eine solche Menge an Formularen, Einverständniserklärungen und Datenschutzbestimmungen, dass sie danach eine taube Hand hatte. Sie bekam einen Taxischein für die Behandlungen und - ein Rezept für eine Perücke.
Meine Mutter liebt ihre Haare, sie hegt und pflegt sie und gibt Unsummen beim Friseur aus. Die Gewißheit, dass sie ihre Haare tatsächlich verlieren würde, war wieder so ein Schlag.
Mittlerweile hat sie angefangen, ihren Freunden und Bekannten zu erzählen, was sie hat. Erstaunlich, wie viele ihr erzählen, dass sie genau die gleiche Krankheit überstanden haben. Außerdem bekommt sie wahnsinnig viel freundliche Unterstützung und Zuspruch. An dem Tag, als sie mit dem Perückenrezept nach Hause kam, stand zufällig eine Nachbarin spontan mit einem Sonnenblumenstrauß vor der Tür.
Letzten Freitag war ich mit Mama im Perückenladen und erweiterte meinen Horizont darüber, welche Perücken es gibt, wie teuer sie sind, wie sie geknüpft werden, dass Echthaar nicht unbedingt das Maß aller Dinge, weil unfaßbar pflegeintensiv ist, dass man einen Perückenständer und keinen Styroporkopf braucht, weil der "Fiffi" auslüften muss undsoweiterunsofort. Außerdem erfuhr ich, dass die Krankenkassen unterschiedliche Zuschüsse zu den Perücken geben. Bei meiner Mutter sind es 500 €, was wohl gutes Mittelmaß ist. Merke also: wenn du vorhast, dir Brustkrebs zuzulegen, sieh dir das Kleingedruckte bei deiner Kasse an.
Schließlich hatten wir (zwei nette Frauen im Perückenladen, meine Mutter und ich) uns für ein Modell entschieden. Das wird nun passend bestellt und dann noch passender zurechtfrisiert. Außerdem hat Mama jetzt ein nahtloses Baumwollkäppchen für daheim, standesgemäß in Schwarz, damit es zu ihren Sachen passt. Danach waren wir noch opulent italienisch Essen; meine Mutter muss noch ein bißchen zunehmen, weil damit zu rechnen ist, dass sie während der Behandlung abnimmt.

Nächste Woche geht es dann los mit der ersten Chemo. 

Montag, 2. September 2019


Kino ist Magie

 


In meinem letzten Post habe ich erzählt, dass ich alte Filme mag. Das war schon immer so. Darauf gebracht hat mich meine Mutter: als ich klein war, habe ich mit ihr alle möglichen Filmklassiker gesehen. Von Hitchcock bis John Wayne, der Rote Korsar mit Burt Lancaster oder die Schwarze Tulpe mit Alain Delon... Ich war irgendwann ein richtiges Filmlexikon, vor allem, als wir einen VHS- Videorekorder (!) anschafften..




Als ich mir letzte Woche noch einmal einen Film mit Fred Astaire angesehen habe, kam diese Szene hier. Astaire stellt fest, dass er zum ersten Mal richtig verliebt ist, und natürlich beginnt er zu tanzen. Aber nicht nur auf dem Fußboden, sondern an den Wänden entlang und unter der Decke. Ich habe keine Ahnung, wie das gemacht wurde, CGI gab es schließlich noch nicht. Letztendlich ist das aber egal.



Filme bringen den Zuschauer zum Staunen, zum Lachen, zum Weinen und zum Träumen. Der Mund soll uns offen stehen vor Verblüffung. Ob das mit einer guten Geschichte oder einem beeindruckenden Bild geschieht, liegt an dem Künstlern, die den Fim entstehen lassen. Ich bin übrigens vollkommen vorurteilsfrei, ich sehe mir Marvel- Filme genauso gerne an wie einen Film von Jim Jarmusch.


Am liebsten schleppe ich im Sommer das Laptop und den Beamer nach draußen und lasse mich im Liegestuhl im Garten verzaubern. Oder ich gehe mit meinen Töchtern Sonntagmorgens in eine Kinovorstellung im Cineplex, um Nachos und Popcorn zu frühstücken. Oder ich besuche unser Kleinstadtkino mit dem ewig mürrischen Besitzer (Solidarität ist alles). Oder ich mache im Wohnzimmer das Licht aus, zünde Kerzen an und heule mich bei einem Liebesfilm so richtig aus.





Die Magie des Kinos wirkt bei mir eigentlich immer.

Samstag, 13. Juli 2019

Das Malheur beim Friseur

 

Ich habe schon ein paar Mal angedeutet, dass Haare schneiden für mich eine diffizile Angelegenheit ist. Ich habe ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie der Schnitt aussehen soll, meine wilden Zeiten in der Experimentierküche von Farben und Formen sind definitiv vorbei.
Nun hat sich aber herausgestellt, dass die meisten Friseure aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund der Ansicht sind, sie müßten mir etwas anderes aufschwatzen. Dabei ist es ganz einfach: ich möchte die Haare gleichlang etwa auf Höhe der Ohrläppchen haben, was im Genick ist, soll bitte ganz kurz sein (das ergibt eine sichtbare Kante, das weiß ich) und ich mag meine in Ehren ergraute Haarfarbe. Ich will keine schnuckelige Blondine, keine rassige Rothaarige und auch keine adrette Brünette sein, Strähnchen möchte ich auch nicht. Klingt nicht schwer, finde ich.

 

Leider scheint es das aber doch zu sein. Immer wieder meint so ein/e Stylist/-in, da gehörten irgendwelche Stufen rein, damit die Haare weicher fallen oder was auch immer, und ich sehe nach zwei Wochen aus wie etwas Zerzaustes, das die Katze mit reingebracht hat. Oder es wird eine ordentliche Schräge hineingebracht, so dass ich Hundeohren habe. 
Bei meinem vorletzten Frieseurbesuch bin ich auf eine junge Dame gestoßen, der es egal war, ob mir meine Frisur schmeichelt oder nicht. Sie schnitt mir die Matte einfach ab, wie ich das wollte, und so waren die vermaledeiten Stufen, die mir ihre Vorgängerinnen auf den Kopf gehext hatten, beinahe raus. Priml, dachte ich mir, da gehe ich beim nächsten Mal wieder hin, danach sehe ich wieder so aus, wie ich mir das vorgestellt habe.
Und was war? Der Salon hatte den Besitzer gewechselt, die willfährige junge Dame war nicht mehr da. Aber der neue Chef nahm sich meiner an. Ich weiß noch genau, dass ich lediglich "Nachschneiden" verlangt habe. Der Friseur- nennen wir ihn bei seinem Namen, nämlich Mike-, begann, nachdem er mir die Haare gewaschen hatte, mit beiden Händen in meinem Haupthaar zu wühlen und dabei ein nachdenkliches Gesicht zu machen. Das hätte mich aufstören sollen, aber ich hatte die Brille nicht an, deswegen schätzte ich die Situation falsch ein. 

"Warst du beim letzten Mal auch hier?" fragte er.
"Ja."
"Und wer hat dir die Haare geschnitten?"
"Weiß nicht, nette junge Frau, hab den Namen vergessen."
"Hm."

Das Gewühle fing wieder von vorne an.

"Warst du zufrieden?" 
"Ja."
"Bist du mit dem Schnitt zurechtgekommen?"
"Alles prima."
"Hm."

Mike stellte das Wühlen ein und begann, mit der Schere zu klappern. Ich lehnte mich entspannt zurück, in dem naiven Wahn, die wichigen Fragen geklärt zu haben.
Tja, und was dann in Mikes Kopf vorgegangen ist, das kann ich nur erahnen. Er drehte mir die Haare oben auf dem Kopf zusammen wie bei Jon Schnee in den letzten Staffeln von Game of Thones und jagte beherzt die Schere hinein. Ich dachte noch, was für eine komische Methode, aber man weiß ja nie, wo die Burschen gelernt haben. Jedenfalls ging der Ehrgeiz mit Mike durch. Er schnipselte und schnapselte, wühlte und kämmte, und irgendwann föhnte er auch. Als ich meine Brille aufsetzte, traf mich beinahe der Schlag: Ich hatte wieder schmeichelhafte Stufen, und die Haare vorne, die kinnlang gewesen waren, gingen nun gerade bis zur Nase. Ich konnte sie noch nicht einmal mehr hinter die Ohren klemmen.
Wie gesagt, Mikes Gedankengänge finde ich jetzt noch rätselhaft. Die Kundin ist zufrieden mit ihrer Frisur? Ja super, da probiere ich doch mal was ganz anderes aus! Das wollen wir doch mal sehen, ob ich der Schrulle hier nicht den Glamour einer Tagesschausprecherin verleihen kann!
Auf jeden Fall war Mike stolz wie Bolle auf seine Leistung. Er sah mich an stolz wie ein Welpe, der den ersten Knochen seines Lebens gefunden hat. Eigentlich hätte ich ihn mit seiner Schere durch den Laden jagen sollen, aber wer tritt schon nach Welpen? Also nickte ich leicht benommen und bezahlte.

Klar, Haare wachsen wieder, aber ich muß mir schon wieder einen neuen Friseursalon suchen.
Vielleicht mache ich es aber auch wie Samson und lasse die Matte einfach wuchern.


Samstag, 4. Mai 2019

Garmisch und Partenkirchen

Eine Liebesgeschichte in 5 Akten 

 



1. Akt

Garmisch- Partenkirchen dürfte der bekannteste Wintersportort Deutschlands sein. Sie haben das Abfahrtsrennen auf der Kandahar und das Neujahrsschispringen am Gudiberg. Als Sahnehäubchen können sie auch noch mit der Zugsptze aufwarten, Deutschlands höchsten Berg. 
Und genau aus diesen Gründen sind wir vor ein paar Jahren zum ersten Mal mit den Kindern dorthin gefahren. Wir erwarteten ein Super- Schigebiet, ein bisschen Après- Ski, einen netten Ort und etwas Aufregung wegen des Schispringens, das genau zu diesem Zeitpunkt dort stattfand.
Das Schispringen war tatsächlich da. Die Schispringer sind klein und unfassbar dünn, wenn sie vor dem Hotel herumstehen und auf den Mannschaftsbus warten, man möchte ihnen eine Decke und etwas Warmes zu trinken reichen. Während der Veranstaltung ist der Ort voller Menschen und ohne Parkplätze, und direkt am nächsten Tag ist alles so vollständig vorbei, als habe es den Vortag nie gegeben.


Après- Schi gibt es nur in Maßen, was ich in Ordnung finde, weil ich für's Komasaufen zu alt bin- ich muss meine Gehirnzellen zusammenhalten. Garmisch als Ort ist auch nett, es gibt alles, was man so braucht oder eventuell brauchen könnte. Wenn einem das Wetter einen Streich spielt, kann man in der großen Eissporthalle Schlittschuhlaufen gehen, in der auch der SC Riessersee Eishockey spielt
Aber das Schigebiet ist eine Katastrophe. Der Teil mit der Kandahar nennt sich Garmisch Classic und ist so dermaßen verbaut und veraltet, dass man sich fragt, ob die Garmischer einfach keine Skitouristen mögen und lieber unter sich bleiben wollen. Überall steht man an, die Pistenführung als verworren zu bezeichnen ist ein Euphemismus. Dafür ist es so teuer wie in der Schweiz. 
Die Zugspitze hat ein eigenes Schiareal. Damals konnte man es nur mit einem Bummelzug, der den größten Teil durch Tunnel fährt, oder von Österreich aus erreichen. Auf den Gipfel selbst musste man mit einer weiteren kleinen Gondel fahren. Obwohl die Pisten sehr schön sind, wird die Zugspitze nur an ausgewählten Tagen genutzt: entweder es ist zu kalt, nebelig oder so warm, dass man ab Mittag in der Matsche steht. Als wir da waren, nebelte es oben praktisch ohne Pause.


Gewohnt haben wir in Farchant, einem Vorort von Garmisch- Partenkirchen, bei sehr netten, sehr alten Leuten in einer Wohnung mit einer riesigen Badewanne, die sogar nach Fichtennadelbadezusatz roch. In Farchant habe ich vor dem Fernseher wieder angefangen zu häkeln. Das war die Zeit mit den MyBoshi- Mützen; nur dass ich die Wolle in einem winzigen Laden in Partenkirchen gekauft hatte, in der die alte Dame, der das Geschäft gehörte, von jungen, handarbeitsunerfahrenen Frauen umlagert und ausgefragt wurde wie weiland Bhagwan von seinen Jüngern.


Dass in Farchant die älteren Leute sämtlich ohne Ausnahme Autos mit Automatikgetriebe fuhren, fand ich schrullig. Die Erklärung dafür bekam ich später daheim. Ein Freund meines Mannes, der aus Farchant kommt, erzählte uns, dass es dort nur einen Fahrlehrer gab, und der hatte im Krieg ein Bein verloren. Weil aber niemand es übers Herz brachte, seinen Führerschein woanders zu machen, lernten sie eben auf Automatik. Wovon hätte der arme Mann denn sonst auch leben sollen? dachten sich die Farchanter.

Wegen des Schigebietes und seiner Macken wollten wir trotzdem nie wieder nach Garmisch, Punkt.


2. Akt (Intermezzo)


Nach einigen Reisen in Orte mit riesigen Schigebieten wie Sölden oder Ischgl hatten wir die Nase voll von Megapisten und Großraumgondeln. Mein Mann, der bei uns der Winterplaner ist, kam eines Tages mit dem Vorschlag Lermoos um die Ecke. In Tirol, direkt hinter der deutschen Grenze, gibt es ein paar kleine Wintersportorte, die mit Familienfreundlichkeit werben. Für uns klang das gut.
Um das hier nicht ausufern zu lassen sei nur soviel gesagt, dass diese Orte Lermoos, Ehrwald oder Biberwier wirklich familienfreundlich sind. Für kleine Kinder gibt es nette Schischulen mit freundlichen Lehrern, Größere kann man auch mal alleine auf die Pisten loslassen: die gehen da nicht verloren. Und man fällt nicht ab 14 Uhr an jeder Ecke über Betrunkene!
Im Rahmen dieses Urlaubs ergab sich für den besten Ehemann von allen und meine ältere Tochter die Gelegenheit, von der österreichischen Seite aus bei schönem Wetter zum ersten Mal auf die Zugspitze zu fahren. Sie kamen begeistert mit leuchtenden Augen wieder. So schöööön, und einen leichten Sonnenbrand hatten sie auch.
Dann ging den Kindern der Lesestoff aus (ein im Urlaub häufig auftauchendes Problem), und weil die kleinen Orte in Tirol keine Buchhandlungen hatten, fuhren wir zum Einkaufen nach Garmisch. Dort wurden wir fündig, es gibt nämlich nicht nur einen, sondern mehrere Literaturdealer da. Außerdem fanden wir ein Geschäft, dass die damals unentbehrlichen Drachenfiguren hatte, und ein tolles Café, dass noch unentbehrlicheren guten Kaffee verkaufte.

Garmisch- Partenkirchen machte Boden wett.


3. Akt

Unsere Lebensumstände änderten sich. Zunächst einmal wollte meine jüngere Tochter pubertätsbedingt plötzlich auf keinen Fall mehr aus die Schi. Dann stellte sich heraus, dass wir unseren Hund nicht mehr bei den Schwiegereltern lassen konnten, wenn wir wegfahren wollten. Mein Schwiegervater hatte sich beim Spaziergang mit Hund mehrmals spektakulär auf die Klappe gelegt, und meine Schwiegermutter bekam nach den künstlichen Hüften als nächstes ein neues Knie.


Wir suchten also für die Weihnachtsferien nach einem Ort, den es eigentlich nicht gibt: Für Hunderunden, Schifahren und Teenagerunterhaltung gerüstet, außerdem groß genug, um einen Biosupermarkt zu haben, denn die beiden Mädels waren Vegetarier geworden. Wir kamen noch einmal auf Garmisch- Partenkirchen.
Diesmal wohnten wir bei einer freundlichen Dame in Grainau, die auch einen Hund hatte, der wie der "Kini" Ludwig hieß und sich auch so divenhaft benahm. Grainau liegt sozusagen hinter Garmisch- Partenkirchen, von hier aus fährt die Zugspitzbahn los. Natürlich fuhren mein Mann und die Ältere noch einmal Garmisch- Classic, und selbstverständlich kamen sie fluchend wieder. Aber sonst wurde Zugspitze oder eins der Tiroler Schigebiete gefahren!


Weil ich viel mit dem Hund unterwegs war, lernte ich die Umgebung deutlich besser kennen. Im Winter kann man wunderbar wandern, man teilt sich den Platz mit den Langläufern sozusagen. Die Partnachklamm, eine wirklich wilde Schlucht in der Nähe, ist im Winter meist wegen Eisbruch gesperrt.


In dem Jahr lagen zudem noch ein paar riesige Baumstämme quer, die im Herbst in die Klamm gerutscht und nur schwer zu entfernen waren. Ganz Garmisch- Partenkirchen regte sich darüber auf, der Bürgermeister mußte bei einer Bürgerversammlung einen Terminplan für die Sanierung vorlegen. Von der Partnachalm geht am 6. Januar das Hornschlittenrennen los, eine Höllengaudi für die ganz Wagemutigen. Hornschlitten wurden früher benutzt, um Holz aus dem Wald ins Tal zu befördern; sie sind riesig und praktisch unlenkbar.


Um das trotzende jüngere Kind glücklich zu machen, fuhren wir einen Tag nach München. Man braucht mit dem Auto etwa eine Stunde dahin, und es lohnt sich. Wir machten Sightseeing und gingen ein wenig shoppen: für die Mädels ein Secondhand- Laden gigantischen Ausmaßes, und für mich die Musikabteilung unterm Dach im Kaufhaus Beck. Es gibt nur Jazz und Klassik, aber vom Allerfeinsten; ich könnte Stunden da verbringen. Außerdem waren wir gefühlt in jeder barocken Kirche, die Bayerns Landeshauptstadt zu bieten hat: die Asamkirche, die Theatinerkirche usw usw.





Diesmal waren wir von Garmisch- Partenkirchen sehr angetan.


4. Akt

Im selben Jahr hatten wir unverhofft die Möglichkeit, Ostern noch einmal zusammen in den Urlaub zu fahren. Bevor wir unsere üblichen Endlosdiskussionen über das Reiseziel anfangen konnten, hatte mein GöGa schon eine Ferienwohnung in Garmisch- Partenkirchen gemietet. Es stellte sich heraus, dass die Wohnung unmittelbar im Stadtzentrum direkt an der Partnach lag. Man konnte also genauso schnell ins Städtchen wie ins Grüne. Zu unserer Freude war es so warm und sonnig wie im Frühsommer.


An der Partnach entlang führt ein Weg direkt zum Olympiastadion, dem Schauplatz der Schisprungwettbewerbe. Das Stadion ist eigens für die Winterspiele 1936 erbaut worden, dementsprechend sieht es auch aus. Anläßlich dieses Ereignisses wurde -nicht unbedingt freiwillig- aus den Orten Garmisch und Partenkirchen, die seit der Römerzeit autonom gewesen waren, die Marktgemeinde Garmisch- Partenkirchen. Darüber freut man sich sich bis heute nicht so richtig, und das mag auch ein Grund für die Ablehung erneuter Olympischer Spiele gewesen sein.




Die moderne Sprungschanze von 2007 sieht beeindruckend aus. Ich kann mir von unten schon nicht vorstellen, da herunter zu fahren; vom Richterturm, zu dem man hinaufklettern kann, erscheint einem so ein Vorhaben selbstmörderisch. Ich wollte ein paar super Fotos machen, aber leider gab das Objektiv meiner Kamera den Geist auf. Am nächsten Tag, als ich mit den Mädels nach München fuhr, brachte mein Mann den Patienten in ein Fotogeschäft nach Garmisch, wo sich der netteste Fotograf der westlichen Hemisphäre ein Bein ausriss, um uns weiterzuhelfen.


In München waren wir diesmal in der Alten Pinakothek. Weil sie umgebaut wurde, durften wir umsonst hinein. Meine "Kleine" erneuerte ihre Begeisterung für Rubens, und ich stand plötzlich ganz nah vor dem Selbstporträt von Albrecht Dürer und fiel beinahe vor Ehrfurcht auf die Knie.



In diesem Jahr wurde die neue Zugspitzbahn eröffnet. Sie saust mit nur einer Zwischenstütze von einer hochmodernen Talstation bis unmittelbar ans Gipfelkreuz. Das ist nicht unbedingt etwas für Höhenphobiker, beeindruckend ist es aber allemal. Man kann spektakulär auf den leuchtend grünblauen Eibsee heruntergucken (um den herum gibt es einen ganz wunderbaren Wanderweg, unser Hund hat das sehr genossen). Für kleine Kinder sollten Eltern einen Kaugummi oder Ähnliches parat haben, die Geschwindigkeit, mit der die Zugspitzbahn Höhenmeter überwindet, macht ziemlichen Druck auf den Ohren.



Wir fanden Garmisch- Partenkirchen super.


5. Akt

Neues Ostern, neues Glück! In diesem Jahr war Ostern so spät, dass eigentlich an Schifahren kaum noch zu denken war. Und was macht man da? Genau: man fährt nach Garmisch- Partenkirchen!
Unsere Wohnung lag einmal nicht in Garmisch, sondern in Partenkirchen. Das ist ein himmelweiter Unterschied. Partenkirchen hieß bei den Römern "Parthanum", wurde 1361 Markt und steinreich, weil die Handelsstraße von Augsburg über Mittelwald nach Italien hier durch führte. Garmisch dagegen wurde erst 802 als "Germarisgave" erwähnt und gehörte von 1294 zu Werdenfels, das dem Bischof von Freising unterstand. Partenkirchen ist also älter und war eigentlich erfolgreicher, das änderte sich erst mit der vermaledeiten Zwangszusammenführung 1935.


Heute ist Partenkirchen immer noch deutlich ursprünglicher als Garmisch, man könnte auch sagen, es ist bayrischer. Die meisten Häuser tragen wunderschöne Lüftlmalerereien, die auch richtig alt sind. Der letzte Lüftlmaler, der noch "al fresco" arbeitete (d.h. er malte seine Motive direkt in den feuchten Putz statt auf die trockene Wand), hieß Gerhard Ester und kam hierher, er ist 2018 verstorben.
Wir fuhren diesmal zwar auch Schi (meine jüngere Tochter fährt übrigens wieder), unternahmen aber mehr Ausflüge in die Umgebung.


Wir waren im Kloster Ettal, das zwischen Garmisch- Partenkirchen und Oberammergau liegt, Barock gucken. Das Kloster ist immer noch im Besitz des Benediktinerordens, es gibt ein Gymnasium, Landwirtschaft, einen Kunstverlag, eine Brauerei und eine Destillerie. Die Mönche stellen einen eigenen Gin her, zu dem man im Klosterladen ein Buch über den perfekten Gin Tonic haben kann. Da soll mal einer sagen, die Patres seien weltfremd!



Nicht weit davon entfernt liegt Schloß Linderhof, wieder so ein Königschlößchen des überhaupt nicht verrückten Ludwig II. Das ist zwar nicht barock, tut aber so. Das Schloß ist klein (bekannt ist das Tischlein-deck-dich: ein Eßtisch, der aus dem Boden gefahren kam und Ludwigs Gäste zu Tode erschreckte), dafür ist der Garten riesig. Direkt vor dem Gebäude befindet sich ein Wasserbassin mit einer goldenen Flora- Statue darin. Jede halbe Stunde haut das Bassin eine dreißig Meter hohe Wasserfontäne heraus, das ist so unverhältnismäßig zum Rest der Anlage, dass man es einfach lieben muss.




In München waren wir natürlich auch, das hat ja mittlerweile Tradition. Diesmal waren wir in der Pinakothek der Moderne, Kunst ab dem Blauen Reiter bis zu Beuys bewundern. Neben dem außergewöhnlichen Museumsbau beeindruckte uns eine Sonderausstellung über das graphische Werk der amerikanischen Künstlerin Kiki Smith- von den Eindrücken zehre ich heute noch, hach! Das hier bin ich vor einem Gemälde von Georg Baselitz:


Wenn der Rest meiner Familie im Schnee herumtobte -was übrigens teilweise noch möglich war-, gammelte ich mit dem Hund in Partenkirchen herum. Auf der Ludwigstrasse, der belebtesten Einkaufsstrasse, herrscht eine Atmosphäre irgendwo zwischen Italien und tiefstem Bayern. Bei schönem Wetter sitzen sofort alle draußen, sogar der Kurator des Heimatmuseums Werdenberg steht die halbe Zeit auf der Strasse und begrüßt seine Bekannten.


Wenn man Richtung Wank wandert, kommt man durch den Philosophenpark (auf den Bänken sind Zitate bekannter Schriftsteller angebracht), über einen Kreuzweg zur Wallfahrtskirche St. Anton. Anhand der Leidensstationen erklären die Partenkirchener Väter ihren Kindern beim Karfreitagsspaziergang ziemlich gekonnt die Passionsgeschichte.



Als wir dieses Mal nach Hause mußten, waren wir verliebt in Garmisch- Partenkirchen.


Und was folgt nun daraus:
Es gibt Orte, die begeistern sofort, und es gibt andere Orte, mit denen braucht man, um warm zu werden.
Garmisch- Partenkirchen ist vollkommen ungeeignet als reiner Wintersportort, dabei bleibe ich. Aber als Mittelpunkt für Unternehmungen in alle Richtungen ist es ideal.


Aber vor allem habe ich noch nie so viele so nette Leute getroffen wie hier. Ob ich beim Metzger eine Diskussion darüber hatte, dass ich dem Hund keine eigene Leberkässemmel kaufen wollte, ob es um den Klimawandel, den besten Weg zum Gardasee oder die Vor- und Nachteile des Auswanderns nach Australien ging: immer habe ich mich lange und freundlich mit Garmischern und Partenkirchenern unterhalten. Die Menschen hier sind unglaublich entspannt.


Das kann man aber auch sein, wenn man in einer so tollen Gegend wohnt.