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Sonntag, 12. Oktober 2025

Backgroundmusic: Damals in der Stammkneipe

  

You know, one of the tragedies of real life is that there is no background music.

(A. Proulx)

 

Meiner Erfahrung nach stimmt das eigentlich nicht, denn ich habe zu vielen Momenten in meinem Leben auch einen passenden Song, der mich begleitet hat. Von zwei dieser Songs, November Rain und Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht, möchte ich euch heute erzählen.

 

Und das kam so: 

In den späten Neunzigern hatte Mario (der im übrigen mit mir in der Grundschule gewesen war) die Kneipe Klimperkiste übernommen. Da er eher einen rustikalen Geschmack hatte, riss er die gesamte Inneneinrichtung heraus und ließ eigentlich nur den Tresen stehen. im Rest des Raums standen eher zufällig ein paar Tische, Stühle und ein Billardtisch herum, die Wanddeko beschränkte sich auf Poster von Metalbands. Voilà, fertig war das neue Richrather. (Auch der Name zeugte nicht unbedingt von Phantasie, die Kneipe lag eben an der Richrather Straße).

Das Gastrokonzept war ebenso einfach: Bier, Tequila, Jägermeister und billiger Sekt, falls jemand eine Frau mit Kultiviertheit beeindrucken wollte. Wer Hunger bekam, konnte in der Pizzabude nebenan eine Pizza kaufen und mit der Schachtel ins Richrather kommen, um da zu essen. Besteck gab es allerdings nicht. Es lief ohne Pause irgendwelcher Metal oder Punk in ohrenbetäubender Lautstärke, so dass man sich beim Saufen auch nicht groß unterhalten musste.

Der Laden war ein Bombenerfolg. Hier wurden Epen gelebt und Legenden geboren, es gab Abende, die man im Leben nicht vergisst. 

Als der Kellner volltrunken mit einem Stehtisch, einem großen Tablett voller Tequilagläser und mehreren Gästen zu Boden ging,... 

als wir meine Schwägerin, die wir zur Brautentführung hergebracht hatten, mit Handschellen an den Tresen gekettet beinahe vergessen hätten,...

als Karneval einer der Herren auf dem Billardtisch strippte, während Marios Frau mit einer sehr großen Schere vor ihm stand und ihm die Kronjuwelen abschneiden wollte,... 

als der Jägermeister aus war und Mario einen seiner Gäste mit Geld für zwei neue Flaschen über die Straße zur Tankstelle gegenüber schickte, der Gast aber so betrunken war, dass er angefahren wurde, so dass Mario sich gezwungen sah,  den nächsten Gast loszuschicken, ...

Dieser großartigen Kneipe verdanke ich die beiden Songs aus meiner Backgroundmusicliste.

Der erste ist November Rain von Guns'n Roses. Es gab einen Jackpot bei der Fernsehlotterie von mehreren Millionen, ganz Deutschland hatte Tippscheine gekauft. Als die Zahlen im Fernsehen gezogen wurden, machte Mario den Fernseher an, ließ aber die Musik einfach weiterlaufen. Ausnahmslos jeder machte sein Portemonnaie auf und holte seinen Lottoschein heraus. Niemand gewann. Während Axl Rose seiner Ex lautstark hinterherjammerte, wurden die Scheine in der Mitte durchgerissen und kommentarlos das nächste Bier bestellt. Das war so lakonisch wie in Ostfriesland, und ich bin vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der bei November Rain an die Deutsche Fernsehlotterie denkt. 

Das zweite Lied ist Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht von den Lassie Singers. Der Musikstil, so ein Indie-Pop-Dings, paßte eigentlich überhaupt nicht ins Richrather, aber wie der Zufall es so wollte, hatten gerade eine Menge der ständigen Thekenbewohner Probleme mit ihren Beziehungen, was natürlich nie an ihnen, sondern immer an ihren blöden Freundinnen lag, die ihnen den Laufpass gegeben hatten. Jedenfalls lief der Song mindestens zwei Mal am Abend, und es wurde jedesmal lauthals mitgesungen. Ich war später sogar bei einem Konzert der Lassie Singers in Monheim, da ging es auch hoch her. Über dieses Konzert singen sie auf ihrem zweiten Album in dem Stück Hamburg ("...Links ist ein Baggersee...wo ist das Ex und Pop von Monheim...?"). 

Das Richrather musste dann nach ein paar Jahren schließen, weil Mario alles über den Kopf wuchs. Seine Ehe ging in die Brüche, und er hatte wie so viele Kneipeninhaber ein Alkoholproblem. 

Heute ist da eine Sisha- Bar. 

 

Sonntag, 29. Juni 2025

Farbe am Südpark

Seit ich in Düsseldorf arbeite, sehe ich morgens an der Straßenbahnhaltestelle Südpark eigentlich immer die gleichen Leute. Da gibt es die ziegige Rothaarige, die immer stur geradeaus sieht, der Typ mit den Arbeitshosen, der Langzeitstudent, der seine Vans so dermaßen ablatscht, dass sie beinahe keine Sohle mehr haben, und so weiter und so fort.

Am liebsten habe ich aber diese Frau:

 

Jeden Tag trägt sie farblich perfekt aufeinander abgestimmte Kleidung, roten Lippenstift, High Heels und immer diese riesige blaue Handtasche. Sie ist sehr klein und dünn, die Schuhe sind meistens etwas zu gross. Die Kleidung ist nicht unbedingt von guter Qualitär, aber sie hat so viele verschiedene Kleidungsstücke in den leuchtendsten Farben, dass ich mir sicher bin: sie muss den größten Kleiderschrank Düsseldorfs haben.

Obwohl sie alles andere als schön ist, sticht sie Jede und Jeden an der Haltstelle Südpark aus. Ich mag es, wie durchdacht ihre Outfits immer sind. An jedem Tag sich selbst neu zu erfinden, sich aber dabei trotzdem immer treu bleiben, und aus jedem Morgen ein für sich ein Modefest zu machen, das ist toll. 

Kann man sich als Vorbild nehmen, finde ich!,


 

Sonntag, 8. Juni 2025

 Da bin ich wieder!

 

Mein letzter Post ist, wie ich zu meiner Schande feststellen musste, tatsächlich aus dem Jahr 2020. Danach habe ich nur noch auf Instagram laut gegeben, weil es einfacher war und so  kunterbunt und überhaupt... na ja!

Nicht, dass ich da nicht schöne Sachen gemacht hätte wie z.B. das #SketchABC2024 von @derherrlehrer und @c_freimann, und ich habe auch jede Menge toller Seiten gefunden, die mich wirklich inspiriert haben, gerade was das Zeichnen angeht: doch im letzten halben Jahr hat Freund Zuckerberg wieder am Algorhythmus herumgepfuscht. Seitdem sieht man viel mehr Werbung, und die Seiten kleiner User werden seltener angezeigt. Man muss mehr Zeit investieren, um seine Leute zu finden, und dafür kriegt man noch mehr Werbung zu sehen, damit der gute Mark sich vielleicht auch irgendwann eine Weltraummission für seine Lieben leisten kann. Manche kriegen eben den Hals nicht voll.

Außerdem hat mir da immer das Schreiben gefehlt. Die Untertitel zu den Fotos auf dem Handy zu tippen gehört zusammen mit dem Erfinden von Hashtags zu den wirklich nervtötenden Dingen, die ich nie gerne gemacht habe. Also habe ich mich entschlossen, meinen schönen alten Blog zu reaktivieren.

Gestern habe ich mir meine alten Posts angesehen. Ich habe wirklich viel über mich und mein Umfeld geschrieben, und offensichtlich bin ich nicht interessant genug, dass mir das je geschadet hätte, shitstormmäßig und so. Das macht doch Hoffnung.

Um diejenigen, die sich meine Beiträge früher angesehen haben, mal auf den neuesten Stand zu bringen, fasse ich die letzten viereinhalb Jahre mal kurz zusammen:

Nähen/ Stricken: Mache ich kaum noch. Ich habe da so einen grünen Schal, an dem stricke ich seit beinahe zwei Jahren, vermutlich wird er noch später fertig als die Sanierung der Deutzer Brücke, und das will etwas heißen. Zwei Patchworkdecken (ich würde das jetzt nicht großspurig Quilts nennen) habe ich aus Stoffresten produziert, die letzte während meines vorletzten Urlaubs. Ich finde, diese Decken strahlen so etwas Tröstliches aus, und die Stoffrestehalde im Keller baue ich auf diese Weise auch ab.

 

Fotografie: Kurz nachdem ich wieder in Vollzeit gearbeitet habe, konnte ich mir eine wunderbare Digitalkamera leisten, die ich schon immer haben wollte, und nachdem ich sie gekauft hatte, habe ich praktisch mit dem Fotografieren aufgehört. 

Zeichnen: Das hat sich sehr positiv entwickelt. Ich fülle Skizzenbuch um Skizzenbuch mit meinen Beobachtungen, und so langsam gefallen mir die Sachen auch selbst. Mittlerweile traue ich mich auch, die Zeichnerei beruflich zu nutzen, das habe ich vorher fast nie gemacht. Hat was damit zu tun, dass meine Eltern immer von brotloser Kunst geredet haben und ich demzufolge fest überzeugt war, ziemlich talentlos zu sein.

 

Beruf: Im Jahr 2019 habe ich eine Stelle als Architektin bei der Berufsfeuerwehr Köln angetreten. Ich bin da so ein bißchen naiv rangegangen ("Ich werd' eben ab und an eine Dusche sanieren."), es hat sich aber herausgestellt, dass viel mehr dahinter steckte. Bereits einen Monat nach Dienstantritt war ich mitten in der Planung um ein Covid- Behandlungszentrum in der Messe Köln, das gottseidank nie gebaut werden musste, und so ging es Schlag auf Schlag weiter. Leider war dieser ständige Rummel aber so anstrengend, dass ich immer häufiger mit Streßsymptomen krank wurde. Also habe ich Ende 2024 zur Feuerwehr nach Düsseldorf gewechselt, wo ich jetzt die Bauherrenvertretung bei Neubauprojekten mache, was ziemlich interessant ist (und nicht so nervenaufreibend, zumindest bis jetzt).

Familie: Meine Mutter hat den Krebs mit einem Alphawurf auf den Rücken geworfen, es geht ihr heute wieder gut. Sie wird in diesem Jahr 80 und hadert sehr damit, weil sie nun beim besten Willen nicht mehr als "junge Dame" durchgeht. Die Mädels haben beide ein Studium angefangen. Die Ältere hat sich während der Corona- Zeit durch die Tücken eines Studiums aus der Ferne gekämpft, was sie wirklich sehr stark belastet hat. Seit diesem Monat ist sie Bachelor of Arts, das betont sie gerade immer wieder gerne. Der nächste Schritt wird vielleicht der Master in Archäologie sein, wir werden sehen. Die Jüngere ist ausgezogen, um Architektur zu studieren. Warum sie dieses Studium gewählt hat, will mir bis heute nicht in den Kopf: ich habe ihr jedenfalls nicht dazu geraten. Sie möchte im nächsten Semester den Bachelor of Science angehen. Der GöGa buddelt immer noch in den Straßen der näheren Umgebung herum, da ist wenigstens alles beim Alten geblieben. 

Hund: Das ist jetzt das traurige Kapitel. Rosi musste Ende Oktober 2022 aus Altersgründen eingeschläfert werden, es wurde einfach Zeit. Ich bin bei ihr geblieben und habe geweint wie seit Kindertagen nicht mehr. Nach einer gewissen Karenzzeit haben wir es dann ohne Hund nicht mehr ausgehalten, es war einfach zu kalt in der Wohnung. Am 23. Dezember 2022 zog bei uns ein Tibetterrierwelpe namens Kirsei-Kra Namaratna ein, den wir aus verständlichen Gründen umbenennen mussten. Frida, wie sie jetzt hieß, hielt uns von Anfang an auf Trab. Sie war wild, fröhlich, störrisch, übergriffig, liebevoll und einfach nur ein toller kleiner Hund mit einem fürchterlichen Fell, das permanent verfilzte und ihr in den Augen hing. Vor ca. einem Monat begann sie, ihr Fressen zu verweigern. Es stellte sich heraus, dass ihre Leber volkommen zerstört war. Wir liessen sie sehr schweren Herzens gehen. Wir möchten wieder einen Hund bei uns haben, müssen uns aber noch etwas von dem Schock erholen, so einen jungen Hund viel zu früh verloren zu haben.

Tja, das war jetzt das Update. Vielleicht hat der eine oder andere Lust auf mehr, mal sehen, wie sich das so entwickelt.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

 

Familiengottesdienst am Heiligabend

 


Wir sind Einmalimjahrindiekirchegeher, außer es heiratet jemand oder einer ist gestorben. Wir nutzen die Kirche als Dienstleistungsunternehmen, aber Hand auf's Herz: wie viele von Euch tun das auch?
Das eine Mal Kirche ist natürlich an Heligabend. Früher waren wir mit den Kindern, die zufällig einen katholischen Kindergarten besucht haben, im Kleinkindgottesdient in der kleinen Kirche, die neben dem Kindergarten war. Dann gab es eine Zeit, da waren wir Weihnachten nie zu Hause, sondern im Skirurlaub, aber seit ein paar Jahren werden die Eltern gebrechlich, da bleiben wir eben da.
Da ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, als ich achtzehn wahr (hatte feministische Gründe und wurde durch einen Besuch im Petersdom untermauert), mein Mann und die Kinder aber evangelisch sind, entschieden wir uns, in die Erlöserkirche in unserer Nähe zu gehen. Als Ex- Katholikin lernte ich eine andere Art von Gottesdienst kennen, manchmal fand ich das schon etwas eigenartig. 
Eine Pfarrerin zum Beispiel bastelte das ganze Jahr über an einem gesichtslosen Engel, über den sie dann am Heiligabend redete und der so gruselig aussah, dass die kleinen Kinder Angst vor ihm hatten. Letztes Jahr gab es ein Krippenspiel über Josef, aufgeführt von engagierten Mitgliedern der Gemeinde. Der Darsteller von Balthasar hatte einen starken rheinischen Akzent, das war einfach großartig. Immer mit dabei ist die Kantorin Frau Kim, eine sehr gute Musikerin, die sich auch um den Kirchenchor und kleine Konzerte kümmert.
Dieses Jahr allerdings hat die Gemeinde allerdings den Vogel abgeschossen, was den Unterhaltungswert des Familiengottesdienstes angeht.
Wir trafen uns mit meiner Mutter, die sich in ihre schönste Perücke geschmissen hatte, um drei Uhr in der Kirche auf der Empore, denn da kann man am besten sehen. Den Anfang machte Frau Kim mit zwei Mädchen, die Feliz Navidad sangen. Eine von den beiden hatte deutliche Ambitionen zu einem Auftritt in einer Casting- Show, die andere war unauffälliger. Aber ganz ehrlich: wer sich mit 14 in einer rappelvollen Kirche hinstellt und mit Mikrofon singt, kann einfach nur eine Heldin sein.
Danach übernahm der Organist die musikalische Leitung, und der Mann ist schlicht der Hammer! Er bringt es grundsätzlich fertig, sehr lange Intros zu spielen, so dass nie einer weiß, wann er zu singen anfangen kann. Schon bei "O du fröhliche" kam es deswegen zu einem unfreiwilligen dreistimmigen Kanon. Der Pfarrer trat auf und ließ Kindergartenkinder mit dem Licht von Bethlehem die Altarkerzen entzünden. Trotz Unterstützung durch zwei Mütter klappte das bei einem Kind nur, als es auf dem Altar stand, was der Pfarrer nur mit einem milden "Das ist jetzt für mich auch neu!" kommentierte. Die ganze Gemeinde machte "Aaaah" wie beim Käpt'nsdinner auf einem Kreuzfahrtschiff, als das Licht anging, das war auch schön.
Dann war wieder der Organist dran. Diesmal wußten wir mit dem Intro Bescheid, aber in der zweiten Strophe von "Ihr Kinderlein kommet" begann er, irgendwie jazzige Variationen in die Melodie einzubauen, also hörten wir wieder verwirrt auf zu singen. 
Dabei fiel dem Kleinkind von gegenüber der Schnuller aus dem Mund, der über den Rand der Empore eine Etage tiefer stürzte und einen älteren Herrn am Kopf traf. Während zwei junge Frauen abwechselnd die Weihnachtsgeschichte vorlasen, brachte seine Frau den Schnuller wieder nach oben. So bekam sie leider nicht mit, wie eine der beiden Erzählerinnen den Faden verlor, hektisch in den Blättern am Lesepult kramte, und dabei murmelte: "Wo kam der nochmal her?.. Äh...Bethlehem..." und dann weiter vorlas.
Jetzt stimmte der Organist das nächste Lied an, und wir dachten schon, diesmal ginge alles gut, da entdeckte er in der triumphalen dritten Strophe von "Stern über Bethlehem" irgendeinen Special-Effects-Schalter an der Orgel. Der Sound änderte sich von Kirchenorgel zu düsterer Orgel im U-Boot des wahnsinnigen Kapitän Nemo. Für mich war es vorbei: ich konnte nicht mehr mitsingen, weil ich so lachen mußte. 
Als nächstes durften sich alle Kinder Kekse aus zwei riesigen goldenen Blechschachteln unter dem Christbaum holen, was weitere Unruhe in den Gottesdienst brachte. Nachdem sich alle wieder gesetzt hatten, wollte der Pfarrer wenigstens zusammen das "Vaterunser" sprechen, hatte aber die Rechnung ohne ein tollkühnes Windelkind gemacht, dass sich langsam, wackelig, aber unaufhaltsam an ihm vorbei zu den Keksdosen neben dem Altar schlich, sich dort einen Zimtstern stibitzte und dann mit einem Gesicht wie ein echter Sieger von seiner Großmutter einfangen ließ. Der Organist versuchte ein letztes Mal, es mit "Stille Nacht, Heilige Nacht" so richtig krachen zu lassen, aber jetzt hatten die Gottesdienstbesucher genug von seinen Mätzchen und sangen einfach an ihm vorbei. Als wir das Gotteshaus verließen, warteten für das Krippenspiel schon die Laiendarsteller in den Kostümen römischer Legionäre auf ihren Auftritt.
Ich kann nur sagen, ich hatte selten so einen Spaß in der Kirche (Ausnahme vielleicht, als unser damals schon sehr betagter Pastor mit seiner Greisenstimme an den hohen Tönen von "Gloria in Excelsis Deo" scheiterte). Ich finde es einfach ganz phantastisch, wie engagiert die Mitwirkenden sind, und ich kann den Pfarrer nur für seine Gelassenheit bewundern. 
Nächstes Jahr sind wir wieder da, versprochen!

Dienstag, 10. September 2019


Perücke und Käppchen

 


Im vorletzten Post hatte ich über die Brustkrebserkrankung meiner Mutter erzählt, und wie sie nach der Operation damit konfrontiert wurde, dass sie entgegen der ersten Prognosen eine Chemotherapie machen sollte.
Der nächste Schritt war das Einsetzen eines Ports, durch den die Medikamente während der Behandlung fliessen sollen. Dieser Eingriff wurde ambulant gemacht und tat höllisch weh. Am nächsten Tag war die Wunde angeschwollen. Meine Mutter geriet in Panik und rief mich an, während ich im Supermarkt an der Kasse stand. Ich schmiß meine Einkäufe in die Packtaschen, radelte wie Jan Ullrich nach Hause, brüllte meinem Mann zu, dass er kochen müßte, wenn er etwas zu Essen haben wolle, sprang erst in das erste Auto, das keinen Sprit mehr hatte und dann in das zweite, dass wenigstens nur gerade auf Reserve stand, um zu meiner Mutter zu rasen. Die Wunde sah wirklich nicht schön aus, das fand ich auch. Also fuhren wir in die Ambulanz, denn beim letzten Mal - man erinnert sich vielleicht- endete eine ähnliche Situation mit einem blauen Auge und einer zweiten Operation.
Der Ambulanzarzt kannte meine Mutter noch aus der Chirurgie. Er sah sich das an und konnte sie beruhigen: die Wunde sah völlig o.k. aus. Er war sogar so taktvoll, uns beide nicht wie totale Hysterikerinnen aussehen zu lassen. 
Während ich in der nächsten Woche im Urlaub auf Rügen war, absolvierte meine Mutter noch zwei CTs und eine Knochenmarksuntersuchung. Zu der Besprechung der Chemo konnte sie sogar zum ersten Mal wieder mit ihrem Auto fahren. Dort unterschrieb sie eine solche Menge an Formularen, Einverständniserklärungen und Datenschutzbestimmungen, dass sie danach eine taube Hand hatte. Sie bekam einen Taxischein für die Behandlungen und - ein Rezept für eine Perücke.
Meine Mutter liebt ihre Haare, sie hegt und pflegt sie und gibt Unsummen beim Friseur aus. Die Gewißheit, dass sie ihre Haare tatsächlich verlieren würde, war wieder so ein Schlag.
Mittlerweile hat sie angefangen, ihren Freunden und Bekannten zu erzählen, was sie hat. Erstaunlich, wie viele ihr erzählen, dass sie genau die gleiche Krankheit überstanden haben. Außerdem bekommt sie wahnsinnig viel freundliche Unterstützung und Zuspruch. An dem Tag, als sie mit dem Perückenrezept nach Hause kam, stand zufällig eine Nachbarin spontan mit einem Sonnenblumenstrauß vor der Tür.
Letzten Freitag war ich mit Mama im Perückenladen und erweiterte meinen Horizont darüber, welche Perücken es gibt, wie teuer sie sind, wie sie geknüpft werden, dass Echthaar nicht unbedingt das Maß aller Dinge, weil unfaßbar pflegeintensiv ist, dass man einen Perückenständer und keinen Styroporkopf braucht, weil der "Fiffi" auslüften muss undsoweiterunsofort. Außerdem erfuhr ich, dass die Krankenkassen unterschiedliche Zuschüsse zu den Perücken geben. Bei meiner Mutter sind es 500 €, was wohl gutes Mittelmaß ist. Merke also: wenn du vorhast, dir Brustkrebs zuzulegen, sieh dir das Kleingedruckte bei deiner Kasse an.
Schließlich hatten wir (zwei nette Frauen im Perückenladen, meine Mutter und ich) uns für ein Modell entschieden. Das wird nun passend bestellt und dann noch passender zurechtfrisiert. Außerdem hat Mama jetzt ein nahtloses Baumwollkäppchen für daheim, standesgemäß in Schwarz, damit es zu ihren Sachen passt. Danach waren wir noch opulent italienisch Essen; meine Mutter muss noch ein bißchen zunehmen, weil damit zu rechnen ist, dass sie während der Behandlung abnimmt.

Nächste Woche geht es dann los mit der ersten Chemo. 

Montag, 2. September 2019


Kino ist Magie

 


In meinem letzten Post habe ich erzählt, dass ich alte Filme mag. Das war schon immer so. Darauf gebracht hat mich meine Mutter: als ich klein war, habe ich mit ihr alle möglichen Filmklassiker gesehen. Von Hitchcock bis John Wayne, der Rote Korsar mit Burt Lancaster oder die Schwarze Tulpe mit Alain Delon... Ich war irgendwann ein richtiges Filmlexikon, vor allem, als wir einen VHS- Videorekorder (!) anschafften..




Als ich mir letzte Woche noch einmal einen Film mit Fred Astaire angesehen habe, kam diese Szene hier. Astaire stellt fest, dass er zum ersten Mal richtig verliebt ist, und natürlich beginnt er zu tanzen. Aber nicht nur auf dem Fußboden, sondern an den Wänden entlang und unter der Decke. Ich habe keine Ahnung, wie das gemacht wurde, CGI gab es schließlich noch nicht. Letztendlich ist das aber egal.



Filme bringen den Zuschauer zum Staunen, zum Lachen, zum Weinen und zum Träumen. Der Mund soll uns offen stehen vor Verblüffung. Ob das mit einer guten Geschichte oder einem beeindruckenden Bild geschieht, liegt an dem Künstlern, die den Fim entstehen lassen. Ich bin übrigens vollkommen vorurteilsfrei, ich sehe mir Marvel- Filme genauso gerne an wie einen Film von Jim Jarmusch.


Am liebsten schleppe ich im Sommer das Laptop und den Beamer nach draußen und lasse mich im Liegestuhl im Garten verzaubern. Oder ich gehe mit meinen Töchtern Sonntagmorgens in eine Kinovorstellung im Cineplex, um Nachos und Popcorn zu frühstücken. Oder ich besuche unser Kleinstadtkino mit dem ewig mürrischen Besitzer (Solidarität ist alles). Oder ich mache im Wohnzimmer das Licht aus, zünde Kerzen an und heule mich bei einem Liebesfilm so richtig aus.





Die Magie des Kinos wirkt bei mir eigentlich immer.

Freitag, 16. August 2019


Das Krebskissen



Ende Mai wurde bei meiner Mutter bei einer Routineuntersuchung ein kleiner Knoten in der rechten Brust gefunden. Sie bekam sofort einen Termin zur Biopsie, wo sich zweifelsfrei herausstellte, dass es sich um einen kleinen Krebstumor handelte.
Meine Mutter ist seit vier Jahren siebzig, eine aktive, sportliche und für ihr Alter sehr attraktive Frau. Seit der Scheidung von meinem Vater in den Neunzigern lebt sie allein. Sie ist also darauf eingerichtet, selbstständig und kontaktfreudig zu sein. Das ergibt sich so, wenn man in ihrem Alter nicht einsam nur von Katzen umgegeben herumvegitieren möchte. Aber mit dieser Diagnose kam sie nicht alleine zurecht. Wer tut das schon?
Der Operationstermin war schon zwei Wochen später. Ihre Ärztin im Krankenhaus sagte ihr bei der Vorbesprechung, der Tumor sei wirklich sehr klein, deswegen würde die OP kein Problem darstellen. Warscheinlich wäre danach keine Chemotherapie nötig, Bestrahlung müßte ausreichen. Entsprechend optimistisch packte meine Mutter ihre Tasche ud ließ sich von mir ins Krankenhaus fahren.
Direkt an ihrem ersten Tag, den sie mit allen möglichen Untersuchungen und dem Ausfüllen von zig Formularen verbrachte, tauchte eine Frau von einer Brustkrebsselbsthilfegruppe auf und brachte ihr ein handgenähtes herzförmiges Kissen. Das solle sie daran erinnern, dass sie nicht allein sei, und außerdem sei es als Nackenstütze und als Unterstützung für den Arm nach der OP geeignet. Danach kam noch der Typ vom psychosozialen Dienst, um sich vorzustellen.
Als meine Mutter das Krebskissen entgegen nahm, ahnte sie, dass sie eine neue Welt betreten hatte, nämlich die der Krebspatienten. Vorher war sie jemand, dem eine Operation bevorstand, jetzt hatte sie Krebs. Sie könnte tatsächlich daran sterben. Das war ein ziemlicher Schock. Und eigentlich fing damit alles richtig an.
Die Operation verlief zunächst gut, aber am nächsten Tag hatte sich in der Wunde Blut angesammelt. Meine Mutter kippte auf der Toilette um und schlug sich am Waschbecken ein blaues Auge. Sie mußte erneut operiert werden, danach ging es besser. Der Tumor und ein Teil des Lymphdrüsengewebes waren entfernt, allerdings hatte sie ständig viel zu hohen Blutdruck, weswegen sie länger bleiben mußte. Erst nach einem Herzecho konnte sie nach Hause. Allerdings durfte sie praktisch nichts. Sie konnte nicht autofahren, sie durfte nichts Schweres heben, sie durfte sich nur daheim langweilen. Wir tauschten eine Menge DVDs aus (wir teilen die Vorliebe für Filmklassiker aus den Fünfzigern und Sechzigern).
Eine Woche später war der Nachsorgetermin im Krankenhaus. Die Ergebnisse der Gewebeuntersuchung waren nicht so gut, wie gedacht. Der Tumor war doch etwas größer gewesen, und das umgebende Gewebe sah auch nicht optimal aus. Die Ärztin schlug meiner Mutter einen Test vor, der von einem Labor in Trier durchgeführt wird. Sinn der Sache ist es, zu überprüfen, ob eine Chemotherapie wirklich nötig ist. Da dieser Test noch relativ neu ist, kann es sein, dass die Krankenkasse die Kosten zunächst einmal ablehnt. Deswegen überträgt man das Widerspruchsrecht auf das Trierer Labor, die sich dann mit der Kasse auseinandersetzen. Vernünftigerweise gab meine Mutter die Erlaubnis zu diesem Test. Jetzt hieß es wieder warten.
Wieder eine Woche später waren die Testergebnisse da. Als wir in das Sprechzimmer der behandelnden Ärztin kamen, konnte ich es an ihrem Gesicht schon sehen (Pokerspielerin sollte sie besser nicht werden): Meine Mutter muss eine Chemotherapie machen. Das dauert ein halbes Jahr, dann kommt die Bestrahlung, und danach wird sie Hormone nehmen müssen.
Für meine Mutter ist damit der blanke Horror eingetreten. Sie wird lange krank sein, sie muss ihr Leben verändern, sie wird ihren Freunden endlich erzählen müssen, was sie hat. Sie wird ihre Haare verlieren. Es kommt jetzt darauf an, dass sie eine Einstellung zum Krebs entwickelt, damit sie ihre Behandlung annehmen kann. Denn Krebs ist eben nicht einfach eine Krankheit wie andere.

Das hatte ihr das Krebskissen schon am ersten Tag gesagt.

Samstag, 13. Juli 2019

Das Malheur beim Friseur

 

Ich habe schon ein paar Mal angedeutet, dass Haare schneiden für mich eine diffizile Angelegenheit ist. Ich habe ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie der Schnitt aussehen soll, meine wilden Zeiten in der Experimentierküche von Farben und Formen sind definitiv vorbei.
Nun hat sich aber herausgestellt, dass die meisten Friseure aus irgendeinem mir nicht ersichtlichen Grund der Ansicht sind, sie müßten mir etwas anderes aufschwatzen. Dabei ist es ganz einfach: ich möchte die Haare gleichlang etwa auf Höhe der Ohrläppchen haben, was im Genick ist, soll bitte ganz kurz sein (das ergibt eine sichtbare Kante, das weiß ich) und ich mag meine in Ehren ergraute Haarfarbe. Ich will keine schnuckelige Blondine, keine rassige Rothaarige und auch keine adrette Brünette sein, Strähnchen möchte ich auch nicht. Klingt nicht schwer, finde ich.

 

Leider scheint es das aber doch zu sein. Immer wieder meint so ein/e Stylist/-in, da gehörten irgendwelche Stufen rein, damit die Haare weicher fallen oder was auch immer, und ich sehe nach zwei Wochen aus wie etwas Zerzaustes, das die Katze mit reingebracht hat. Oder es wird eine ordentliche Schräge hineingebracht, so dass ich Hundeohren habe. 
Bei meinem vorletzten Frieseurbesuch bin ich auf eine junge Dame gestoßen, der es egal war, ob mir meine Frisur schmeichelt oder nicht. Sie schnitt mir die Matte einfach ab, wie ich das wollte, und so waren die vermaledeiten Stufen, die mir ihre Vorgängerinnen auf den Kopf gehext hatten, beinahe raus. Priml, dachte ich mir, da gehe ich beim nächsten Mal wieder hin, danach sehe ich wieder so aus, wie ich mir das vorgestellt habe.
Und was war? Der Salon hatte den Besitzer gewechselt, die willfährige junge Dame war nicht mehr da. Aber der neue Chef nahm sich meiner an. Ich weiß noch genau, dass ich lediglich "Nachschneiden" verlangt habe. Der Friseur- nennen wir ihn bei seinem Namen, nämlich Mike-, begann, nachdem er mir die Haare gewaschen hatte, mit beiden Händen in meinem Haupthaar zu wühlen und dabei ein nachdenkliches Gesicht zu machen. Das hätte mich aufstören sollen, aber ich hatte die Brille nicht an, deswegen schätzte ich die Situation falsch ein. 

"Warst du beim letzten Mal auch hier?" fragte er.
"Ja."
"Und wer hat dir die Haare geschnitten?"
"Weiß nicht, nette junge Frau, hab den Namen vergessen."
"Hm."

Das Gewühle fing wieder von vorne an.

"Warst du zufrieden?" 
"Ja."
"Bist du mit dem Schnitt zurechtgekommen?"
"Alles prima."
"Hm."

Mike stellte das Wühlen ein und begann, mit der Schere zu klappern. Ich lehnte mich entspannt zurück, in dem naiven Wahn, die wichigen Fragen geklärt zu haben.
Tja, und was dann in Mikes Kopf vorgegangen ist, das kann ich nur erahnen. Er drehte mir die Haare oben auf dem Kopf zusammen wie bei Jon Schnee in den letzten Staffeln von Game of Thones und jagte beherzt die Schere hinein. Ich dachte noch, was für eine komische Methode, aber man weiß ja nie, wo die Burschen gelernt haben. Jedenfalls ging der Ehrgeiz mit Mike durch. Er schnipselte und schnapselte, wühlte und kämmte, und irgendwann föhnte er auch. Als ich meine Brille aufsetzte, traf mich beinahe der Schlag: Ich hatte wieder schmeichelhafte Stufen, und die Haare vorne, die kinnlang gewesen waren, gingen nun gerade bis zur Nase. Ich konnte sie noch nicht einmal mehr hinter die Ohren klemmen.
Wie gesagt, Mikes Gedankengänge finde ich jetzt noch rätselhaft. Die Kundin ist zufrieden mit ihrer Frisur? Ja super, da probiere ich doch mal was ganz anderes aus! Das wollen wir doch mal sehen, ob ich der Schrulle hier nicht den Glamour einer Tagesschausprecherin verleihen kann!
Auf jeden Fall war Mike stolz wie Bolle auf seine Leistung. Er sah mich an stolz wie ein Welpe, der den ersten Knochen seines Lebens gefunden hat. Eigentlich hätte ich ihn mit seiner Schere durch den Laden jagen sollen, aber wer tritt schon nach Welpen? Also nickte ich leicht benommen und bezahlte.

Klar, Haare wachsen wieder, aber ich muß mir schon wieder einen neuen Friseursalon suchen.
Vielleicht mache ich es aber auch wie Samson und lasse die Matte einfach wuchern.


Sonntag, 7. Juli 2019

 

Keine Feier ohne Meier

Der Wahnsinn mit den Schulabschlussfeiern

 

Wer hier ein bißchen mitliest, hat vielleicht mitbekommen, dass ich zwei Töchter habe. Eine von beiden hat in diesem Frühjahr ihr Abitur bestanden; das eine tolle Leistung und sollte entsprechend gewürdigt werden. So weit, so gut.
Als ich Abitur gemacht habe, hatten wir es eine kleine Feier in der Aula unserer Schule. Es gab ein überschaubares Rahmenprogramm mit einem klavierspielenden Mitschüler, einer unfassbar peinlichen Tanzeinlage von vier Mädels aus dem Französisch- LK (unvergessen!) und einer einschläfernden Rede des Direktors. Anschließend bekam ich mein Zeugnis, ging mit meinen Eltern italienisch essen und setzte mich mit meinen Mitschülern wie verabredet in die ortsansässige In- Kneipe ab, um unsere Noten angemessen zu begießen. Auch hier: so weit, so gut. 

Auf dem Weg zu Abiball


Als die Ältere vor zwei Jahren ihre ZP 10- Feier hatte, wurde ich zum ersten Mal mit der aktuellen Praxis konfrontiert. Seit den Weihnachtsferien existierte eine Whatsapp- Gruppe, in der die Mädels Fotos ihrer Kleider posteten, damit es kein doppeltes Outfit gab. Und es ging um lange Kleider! 
Ich war gründlich irritiert. Ballkleider? Echt jetzt? 
Natürlich hatten trotzdem zwei Mädels das gleiche Kleid, es gab einen Riesenskandal und Bitchfights epischen Ausmaßes. Die Feier war am Ende ziemlich langweilig, aber wenigstens hatten alle ihre Zeugnisse.
In diesem Jahr war dann der Abiball dran. Schon am Ende der 12. Klasse begann die Organisiererei. Zur Ehrenrettung der Schule muß man sagen, dass die Schüler jede Menge Kommitees bildeten, um das Heft selbst in der Hand zu behalten. Vor allem das Finanzkonzept hatte wirklich Hand und Fuss, den beiden Mathe- LKs sei Dank. Im Ergebnis kosteten die Karten für den Ball 25 Euro pro Stück. Andere Abiturienten/-inneneltern (tolles Wort, oder?) werden bestätigen können, dass das ein Sensationspreis ist.

Challenge: Kleid aussuchen


Aber dann kam sie wieder, die Mädchen- Kleider- Aufbrezel- Frage. Lange Ballkleider, hohe Schuhe, gelockte Betonfrisuren aus Pinterest- Tutorials oder direkt vom Friseur, Makeup wie die späte Elisabeth Taylor; danach ein zweites Outfit für die After- Show- Party... Mir wurde richtig schwindelig. Aber es herrscht natürlich Gruppenzwang, also mußte auch meine Tochter da durch.
Eines schönen Morgens machten wir uns auf den Weg nach Düsseldorf, ein Kleid kaufen. Ein großes Bekleidungsgeschäft hatte eine halbe Etage (!) voll mit Ballkleidern in jeder Farbe und Größe. Und da war was los! Nur Mütter mit ihren Töchtern, eine komplett männerfreie Zone: das war wie im Frauencafé mit sehr viel Glitzer. Und nicht nur die Mädels probierten bodenlangen Tüll, die Mütter waren ebenfalls euphorisch. Irgendwie waren alle im amerkanischen Cinderella- Traum gefangen.
Ich war ehrlich gesagt ziemlich erschrocken. Woher kommt das plötzlich? fragte ich mich. Nichts gegen die Idee, hübsch aussehen zu wollen, wenn man sein Abizeugnis überreicht bekommt, aber warum muß man sich wie eine Barbie verkleiden? Und was machen die Mädchen, die anders schön sind als die Barbies? 
Es ist wirklich kein Spaß, heute eine junge Frau zu sein. Du mußt nämlich im Idealfall nicht nur das 1,0- Abitur gemacht haben, damit du Medizin studieren kannst, du mußt auch noch aussehen wie die Ballkönigin aus einem unsäglichen Teenie- Film. 
Eine Rede halten auf der Feier, weil du die Beste bist. 
Geehrt werden, weil du soziales Engagement gezeigt hast, dass Mutter Theresa neben dir wie ein Gangsta- Rapper wirkt. 
Anschliessend auf der Party sexy und lustig sein und natürlich nicht zu viel trinken, denn du sollst ja deinem Vater, der dich abholt, nicht in den Firmenwagen spucken! 

Könnte es sein, dass die Fifties zurück sind?



Es ist auffällig, dass die Mädchen bis auf drei Ausnahmen erwartungskonform erschienen, die Jungs aber ein breites Potpourri aus Anzügen, Hemden mit akzeptabler Hose und normalem Outfit boten. Einer glänzte mit einen Zylinder, einer hatte sich ein weißes Dinnerjackett auf dem Trödelmarkt gegönnt. Keiner trug unbequeme Schuhe.

Am nächsten Tag: auf dem Weg ins Freibad!

Ich frage mich, wer diese Art von Ball eigentlich möchte. 
Es ist immerhin auch ziemlich teuer, wenn die ganze Familie mitfeiern will. Ist das wirklich nötig, dass Leute mit weniger Einkommen gezwungen sind, dafür so richtig das Konto zu überziehen? 
Sind das wirklich die Abiturienten/- innen, oder sind es die einige Eltern, die hier ihre vielleicht letzte Chance sehen, das Handeln ihrer Kinder bestimmen zu können? 
Ich fühle mich jedenfalls nicht wohl dabei. Ich würde mir wünschen, der offizielle Teil wäre wieder wie bei meiner Abifeier, und die Party für diejenigen, die wirklich Grund zum Feiern haben, wäre dafür länger, lauter und bunter.

Und ohne Schönheitsterror für alle!



Mittwoch, 6. Februar 2019

 

Der erste Öko

 

Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur

von Andrea Wulf

 

Trommelwirbel: Ich habe noch mal ein gutes Buch gelesen (Tusch und Applaus!) Das ist insofern bemerkenswert weil ich in den letzten Monaten eigentlich nur Mist verschlungen habe, weil ich beim Lesen nicht denken wollte. Ich habe das manchmal, in der Regel ist das ein Syptom für Übermüdung.


Letztes Wochenende war ich mit meiner Tochter in einer Buchhandlung, um ihr dabei zuzusehen, wie sie sich nicht entscheiden kann, was sie sich von ihrem Geburtstagsgutschein kaufen soll. Dabei fiel mir die Taschenbuchausgabe der Biografie über Alexander von Humboldt in die Hände. 
Ich hatte schon mit der gebundenen Ausgabe geliebäugelt, aber erstens war mir die zu teuer und zweitens zu dick. Wenn so ein Buch nämlich langweilig ist, was bei Biografien häufig vorkommt, schlafe ich beim Lesen ein, und dann fällt mir das schwere Buch auf die Nase und ich tue mir weh.
Während meine Tochter also die hundertste Runde an den Regalen vorbei drehte, entschloß ich mich, das Risiko einzugehen und das Buch mitzunehmen, schließlich stand "Spiegel- Bestseller" auf dem Titelblatt.
Alexander von Humboldt war einer der großen Naturforscher Europas, die sich im 18. und 19. Jahrhundert aufmachten, die Welt zu entdecken, ausgerüstet mit beinahe modernen Meßinstrumenten, Botanisiertrommeln, Dutzenden von Notiz- und Skizzenbüchern und ihrem aufgeklärten Verstand. 
Er wurde 1769 als Sohn einer preußischen Adelsfamilie geboren. Sein Bruder war Wilhelm von Humboldt, der später zum Erfinder des modernen Schulwesens in Preußen wurde: die Humboldt- Universität in Berlin ist nach Wilhelm, nicht nach Alexander benannt. Die Brüder erhielten auf Betreiben seiner Mutter (die sie nicht leiden konnten) eine hervorragende Ausbildung, und von beiden wurde erwartet, sich im preußischen Staatsdienst auszuzeichnen. Während Wilhelm in den diplomatischen Dienst eintrat, versuchte Alexander sich als Assesor im Bergbau, aber seine eigentliche Leidenschaft lag woanders.
Er interessierte sich für die Wissenschaften, die Natur und die Literatur. Durch seinen Bruder und dessen Frau Caroline lernte er Goethe kennen, er ihm ein Freund fürs Leben wurde. Als Alexanders Mutter 1796 starb, erbte er 50.000 Gulden, die es ihm endlich ermöglichten, sich auf die lange ersehnte Reise zu begeben. Weil Europa in die Revolutionskriege verstrickt war, konnte er erst 1799 mit einer Erlaubnis des spanischen Königs nach Südamerika aufbrechen. 
Auf seiner Reise, die mehr als fünf Jahre dauerte, besuchte er Kuba, Peru, Mexiko, Venezuela und Kolumbien, auf dem Rückweg bekam er die Gelegenheit, den amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson in Washington kennenzulernen. Er bestieg Vulkane und holte sich die Höhenkrankheit, er wurde beinahe von einem Krokodil gefressen und verzweifelte an Moskitos, aber er sammelte Informationen wie ein Bessener. Mit dem Material, das er in dieser Zeit zusammentrug, schrieb er den Rest seines Lebens seine Bücher, die ihn zum bekanntesten Gelehrten der Welt machten. Wer sich ein Bild seiner Reisen machen möchte, sollte sich den Film "Die Vermessung der Welt" ansehen.
Was ihn so besonders macht, ist seine Einstellung zur Umwelt. Er war fest davon überzeugt, dass alles zusammenhängt. Stört man einen Bestandteil, stört man gleich das Ganze. Er erkannte weit vor der industriellen Revolution, welchen Schaden der schonungslose Abbau von Ressourcen tatsächlich anrichtet. Weil er in die Schönheit der Natur verliebt war, konnte er sich kein höheres Ziel denken, als sie zu erhalten. Mit dieser Haltung beeinflußte er den Evolutionsforscher Darwin ebensosehr wie den Dichter Thoreau. Beide hatten, wie viele Reisende zu dieser Zeit, Werke von Humboldt als Inspiration dabei.
Alexander selbst konnte erst 1829 im Alter von immerhin 60 Jahren erneut aufbrechen. Nachdem seine Versuche, nach Asien zu gelangen, durch einen jahrelangen Kleinkrieg mit der Ostindien- Kompanie vereitelt worden waren, hatte er durch eine Einladung des russischen Zaren Nikolai I. die Gelegenheit, wenigstens Sibirien und die Mongolei kennenzulernen. Auch wenn diese Reise mit seiner ersten nicht zu vergleichen war, kam er noch im selben Jahr überglücklich nach Preußen zurück, wieder beladen mit Proben und Informationen. 
Den Rest seines Lebens verbrachte er hochgeehrt in seiner mit Büchern und Korrespondenz vollgestopften Wohnung in Berlin. Er verfaßte sein vierbändiges Hauptwerk, das er den "Kosmos" nannte und das ihn endgültig zur Legende machte. Er schrieb Briefe an beinahe jeden führenden Wissenschaftler der Welt, förderte junge Talente und hielt Vorlesungen an der Universität. Er blieb bis zu seinem Lebensende neugierig und wissendurstig, z.B. verfolgte er sehnsüchtig die Entwicklung des Telegrafen, der es ihm ermöglicht hätte, sich noch intensiver mit  klugen Köpfen auszutauschen.  Er wurde neunzig Jahre alt.
Andrea Wulf kann schreiben, das macht das Lesen der Biografie interessant und kurzweilig. Bei der Beschreibung der Schriftsteller und Wissenschaftler, die durch Humboldt beeinflußt wurden, wird sie manchmal etwas weitschweifig, dafür fand ich ihre Reisebeschreibungen einfach großartig. Ausserdem bringt sie es fertig, Alexander von Humboldt als Menschen lebendig werden zu lassen, ohne zu literarisch zu werden.

Ich jedenfalls fühle mich gerade sehr inspiriert.
Vielleicht fange ich jetzt auch an, Käfer zu sammeln. 



Andrea Wulf,
Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur
Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10211-3


Sonntag, 30. September 2018

 

Warum ich Frauen in grauen Flanellröcken vertraue

 


Dieser Tage habe ich am Bahnhof eine Frau beobachtet, die einen grauen, wadenlangen Flanellrock an hatte. Ich wette, Ihr alle habt schon einmal so jemanden gesehen: Sie tragen Popeline-Jacken, dunkle blickdichte Strumpfhosen, bequeme Schuhe, randlose oder goldgerahmte Brillen und benutzen kein Makeup. Viele sind grauhaarig, man sieht sie bei kirchlichen Aktivitäten oder sie machen klassische Musik. 
Immer, wenn ich so jemanden sehe, fühle ich mich irgendwie geborgen. Diese Frauen haben auf mich diesselbe Wirkung wie auf andere Leute der Weihnachtsmann. Als ich sie zeichnete, dachte ich darüber nach, warum das eigentlich so ist. 
Und da wurde mir klar, woran das liegt: diese Frauen erinnern mich an meine Tante Ruth.
Tante Ruth war die Frau des Halbbbruders meines Großvaters, also eigentlich meine Großtante, und sie war einer der gütigsten Frauen, den je kennenlernen durfte. 
Bei meiner Tante und ihrem Mann aka Onkel Eugen lebte immer irgendein alter Mensch aus der Verwandtschaft- (Tante Ruth hatte eine große Verwandtschaft)-, der pflegebedürftig war. Damals war es noch nicht so üblich, Omma oder Oppa ins Seniorenheim zu geben, aber die Leute wurden eben trotzdem alt. Wenn sich niemand fand, der sich um sie kümmern wollte, sprang Tante Ruth ein, obwohl das für sie und ihre Familie alles andere als leicht war. Ich werde nie vergessen, als wir den 85. Geburtstag meiner Uroma feierten und plötzlich Tante Hetty im Nachthemd an der Kaffeetafel stand. Tante Ruth brachte sie mit Engelsgeduld einfach wieder zurück ins Bett. Meine Uroma hat übrigens auch bei ihr gelebt; sie hat das stolze Alter von 99 Jahren erreicht.
Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Boat- People, die vietnamesischen Flüchtlinge, die von der Cap Anamur aufgefischt und in Sicherheit gebracht wurden. Eines Tages wohnte bei Tante Ruth ein Vietnamese namens Tan. Er war durch die Vermittlung der evangelischen Gemeinde in ihre Obhut gekommen. Weil Tante Ruth als junges Mädchen während des Krieges zwei Jahre in England gelebt hatte, nahm jeder an, dass sie sich gut mit ihm verständigen können würde. Leider war das ein Trugschluss, denn er sprach weder Deutsch noch Englisch. Tante Ruth fand trotzdem eine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Er blieb etwa ein dreiviertel Jahr, dann kam seine Familie nach und er hatte die Chance, mit ihr ein neues Leben anzufangen. 
Wenn in der Nachbarschaft eine herrenlose, kranke, verletzte Katze gefunden wurde, wurde sie bei Tante Ruth abgegeben. Manchmal waren es bis zu 10 Katzen, die da mitgefüttert wurden. Das war umso bemerkenswerter, weil Tante Ruth und Onkel Eugen auch Schäferhunde aufnahmen, und zwar die Sorte, die sonst keiner mehr haben wollte, weil sie bissig waren. Außerdem hatte Onkel Eugen ein gigantisches Aquarium mit Zierfischen jeder Art, auf das er sehr stolz war. Es ist niemals ein Hund, ein Fisch oder eine Katze zu Schaden gekommen. 
In ihren letzten Jahren hatte Tante Ruth Alzheimer, zum Schluss war es wirklich schlimm. Bei ihrer Pflege bekamen ihr Mann und ihr Sohn Unterstützung von der gesamten Nachbarschaft und ihrer Kirchengemeinde. Da soll mal einer sagen, das mit dem Karma sei vollkommener Blödsinn! Auf ihrer Beerdigung waren bestimmt hundert Leute, mehr als bei dem Begräbnis des Bürgermeisters.
So unscheinbar sie aussah und so leise sie sprach: für mich war sie selbst in meiner schlimmsten pubertären Trotzphase ein Vorbild, denn sie war immer bemüht, anderen Menschen gerecht zu werden und keine Vorurteile zu haben. 
Das war selten in ihrer Generation. 

Sie war ein ganz besonderer Mensch.
 
 


Mittwoch, 16. Mai 2018

Heute

Gleichgewicht

 


Eigentlich suche ich jeden Tag nach meinem Gleichgewicht. 
Ich glaube, das tut im Grunde jeder. 
Bei mir ist das eine sehr instabile Angelegenheit, ich versuche den ganzen Tag lang, meine innere Balance zu finden. 
Tja, und immer, wenn ich denke: Wow, jetzt habe ich es! geschieht etwas, dass ich wieder rausfliege.
Also fange ich wieder von vorne an.

Manchmal fällt mir das leichter als heute.

Sonntag, 29. April 2018

künstler # 06

Ray und Charles Eames

 

 

Das Ehepaar Ray und Charles Eames hat das Design nach dem 2. Weltkrieg revolutioniert, nicht mehr und nicht weniger. Ray war Malerin und Grafikerin mit einer für eine Frau ihrer Zeit hevorragenden Ausbildung, Charles war Architekt. Sie begannen 1941 mit der Entwicklung von Möbeln aus Sperrholzformen, Kunststoff und Metall in ihrer eigenen organischen Formensprache, kombiniert mit Ideen aus dem Flugzeugbau und Ansätzen aus der sich gerade durchsetzenden modernistischen kalifornischen Architektur wie z.B. bei Richard Neutra. Um die Produtkionsprozesse steuern zu können, entwarfen sie die Maschinen, mit denen ihre Möbel gepreßt werden sollten, selbst und gaben ihnen so schöne Namen wie die "kazam-machine."

Sollte so bequem sein wie ein alter Baseballhandschuh: der Lounge Chair.

Sie griffen auf keine traditionellen Entwurfsmuster zurück, das unterscheidet sie stark von späteren Designern. Alles wurde neu gedacht, jedesnDetail hinterfragt. Sehr schnell konnten sie durch die erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben den Kontakt zu Hermann Miller Funiture knüpfen, die Firma, mit der sie in den nächsten Jahrzehnten die meisten ihrer Ideen entwickelten und erfolgreich vermarkteten . In den USA werden ihre Designs z.T. immer noch durch dieses Unternehmen vertrieben, hier in Europa produziert Vitra viele ihrer Entwürfe bis heute.

Dieser Bürostuhl wurde nie in dieser Form produziert, weil die Lederarbeiten zu teuer waren.

Die meisten von uns haben schon irgendwann einmal ein Produkt ihrer Arbeit gesehen oder sogar benutzt, ohne es zu wissen. Ihre Kunststoffstühle gab es in vielen Schulen und Universitäten, bis sie zuerst durch neue ersetzt oder später von designbegeisterten Studenten geklaut wurden. Heute findet man Eames- Designs wieder in Wohnzeitschriften, wo sie Vintage- Style- Heime veredeln - ich nutze dieses Wort bewußt, denn der Preis, den man allein für eine Garderobenleiste mit den berühmten bunten Kugeln hinlegen muß, ist mittlerweile absurd, wenn man bedenkt, dass ihre Möbel demokratisch und für jeden erschwinglich sein sollten- bis auf den Lounge- Chair, der bereits bei seiner Vorstellung für die meisten Amerikaner viel zu teuer war.

Diese Kunststoffstühle in allen Varianten sind wahrscheinlich das bekannteste Eames- Produkt.

Sie haben ebenfalls Lehrfilme für Schulen produziert: der bekannteste handelt von den Dimensionen, in denen wir uns bewegen vom Weltraum bis zum Atomkern. Ray gestaltete die Layouts für Architekturzeitschriften, zusammen entwarfen sie Konzepte zu wissenschaftlichen Ausstellungen. Weniger bekannt sind ihre Designs für Spielzeug. Es gibt zum Beispiel einen Elefanten aus Bugholz und ein Memorykartenspiel, das man aus der Verpackung des Lounge Chair ausschneiden und zu Türmen bauen konnte.


"Man sollte das Spielen ernster nehmen!" C. Eames



Ray und Charles bearbeiteten ihre Entwürfe gemeinsam und traten öffentlich zusammen auf. Sie waren durchaus bereit, sich mit ihren Designs zu Pubilicityzwecken fotografieren zu lassen, gaben aber persönlich wenig von sich preis. Die meisten Beschreibungen von ihnen stammen von Charles Tochter aus erster Ehe und deren Kindern, die sich offenbar häufig bei ihrem Großvater und ihrer Stief-Großmutter aufhielten. Als Charles starb, legte Ray die Entwurfstätigkeit nieder mit der festen Absicht, als Nachlaßverwalterin die Arbeiten der vergangenen Jahre zu archivieren. Bis zu ihrem Tod auf den Tag genau zehn Jahre nach dem Tod ihres Mannes wurde sie nicht einmal zu einem Drittel damit fertig. 
Vielleicht war es ihr zu langweilig.

Montag, 23. April 2018

Ein Jahr Tagebuch

 

Letztes Jahr so um diese Zeit habe ich über meinen Vorsatz geschrieben, regelmäßig Tagebuch zu führen und einige Seiten daraus zu veröffentlichen. Jetzt kann ich voller Stolz berichten, dass ich tatsächlich dabeigeblieben bin. 
Mein kleiner gelber Hobonichi hat mich ein Jahr begleitet, und bevor ich ihn endgültig durch den neuen kleinen grünen Hobonichi ersetze, habe ich noch einmal darin herumgeblättert. (Ich habe die Ausgabe, die nicht zum Jahresende wechselt, sondern zum Frühjahr. Warum ich das so gemacht habe, weiß ich auch nicht mehr.)


Stinklangweilige Besprechungen und wilde Wetterkapriolen ziehen sich eigentlich durch das ganze Jahr. Aber meistens habe ich doch etwas gefunden, was den Tag speziell machte, ob es nun eine besondere Mittagspause oder ein schöner Spaziergang war.



Der Hobonichi Techo (etwa DIN A 5) ist ziemlich klein, das verhindert, dass man ins schwafeln gerät. Ich will ja keine Nabelschau betreiben, das deprimiert mich nur.



Das hier war der Sommerurlaub in der Bretagne, darüber habe ich auch einen längeren Post verfaßt. Ich fand es schön, dass mein Mann jeden Tag die Zeichnungen bei Instagram sehen konnte, denn er konnte leider nicht mitfahren. Das war ein bißchen wie früher Telegramme verschicken.


Ich gehe einfach wahnsinnig gerne ins Kino, auch das ist ein erwähnenswertes Tageshighlight. Das hier eher nicht, obwohl es auch tagesfüllend sein kann:


Und natürlich immer wieder besondere Mahlzeiten. Mein Mann und ich kochen gerne, wir sind nicht nur verfressen, wie man vielleicht meinen könnte. Weil meine Töchter kein Fleisch mehr essen, habe ich eine Menge neuer Rezepte ausprobiert, was mir viel Spaß gemacht hat.



Einmal habe ich bei einer Instagramchallenge mitgemacht, denn ich fand es schön, mir die Hobonichis anderer Leute überall auf der Welt anzusehen. Auf Dauer ist das aber nichts für mich. Ich suche mir meine Themen lieber selbst aus.


Wenn etwas sehr Persönliches dabei ist, veröffentliche die Seiten natürlich nicht. Es muß ja nicht jeder alles wissen. Tröstliche Worte von Mitlesern wie bei der letzten Mördergrippe sind allerdings manchmal Balsam für die fiebernde Seele. Und es war wirklich jeder irgendwann krank...


Tja, wie gesagt: der nächste Hobonichi wird jetzt zum Zeugen meines "aufregenden" Lebens. Wer mag, kann ja mal bei Instagram reinschauen, ich freue mich über jeden (netten natürlich!) Kommentar.




Kalender: Hobonichi Techo