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Samstag, 9. August 2025

Das lächelnde Monster

Am letzten Wochenende haben wir meine Tochter in Kiel besucht, die hier ein dreimonatiges Praktikum bei einem Radiosender macht. Bei unserem Stadtrundgang entdeckte ich zu meinem Erstaunen die Silhouetten von riesigen Kreuzfahrtschiffen über den Dächern der Innenstadt. So etwas hatte ich noch nie von nahem gesehen, also wollte ich unbedingt in den Hafen.

Als ich vor diesen schwimmenden Kleinstädten stand, war ich sprachlos. Dass solche Ungetüme sich überhaupt über Wasser halten konnten! Ich sah nur Decks über Decks, es nahm überhaupt kein Ende. Gestalterisch war das Ensemble so anspruchsvoll wie Köln Chorweiler, und es wirkte auch genauso ansprechend. Auf den Dächern konnte ich Hallenbäder mit Aussenrutschen erkennen, wie sie sich viele Kommunen mittlerweile nicht mehr leisten können. Meine Tochter erzählte, dass sie in ihrer Wohnung in Friedrichsort, das immerhin ca. 10 Kilometer vom Kieler Hafen entfernt liegt, bei geschlossenem Fenster die Sirenen der Kreuzfahtrschiffe hören kann. Abends machten wir ein Picknick am Falckensteiner Strand und konnten dort mehrere Schiffe beobachten, die durch die Kieler Förde ausliefen, unter anderem die AIDA Nova. Im Vergleich zu diesem ... ich nenne sie jetzt ein Schiff, auch wenn das irgendwie nicht die richtige Bezeichnung zu sein scheint,...sahen alle anderen Wasserfahrzeuge wie Spielzeuge aus. Es war in seiner Undimensioniertheit verstörend!

Zu Hause habe ich mich dann ein wenig belesen, weil mich das Thema nicht losliess. Die AIDA Nova zum Beispiel ist ca. 380 m lang und verfügt über ca. 2.600 Gästekabinen. Es gibt Theater (Mehrzahl), Kinos, Speisesäle, Shopping Malls und was man sonst so braucht, um mehr als 5.000 Menschen auf See bei Laune zu halten. Eine Kreuzfahrt in Richtung Nordsee kostet pro Person ca. 1.100 € in einer Innenkabine. Während dieser Woche enstehen für den Urlaub dieser Person ca. 1,9 to CO2, das entspricht dem Ausstoss, den die Person ein Jahr mit ihrem Auto verursachen würde. Die AIDA Nova wird im Gegensatz zu vielen älteren Schiffen mit Flüssiggas betrieben, hat aber einen zusätzlichen Dieselmotor für Notfälle oder Hafenaufenthalte. Seit 2021 werden auf ihr Brennstoffzellen getestet. In Häfen, die damit ausgestattet sind, kann sie den Betrieb mit Landstrom weiter fahren, also die Erhaltung von Licht, Gastronomie, Klimaanlagen etc. sicher stellen. Kiel, Hamburg und Rostock z.B. können Landstrom zur Verfügung stellen.

Das ist auch gut so. In Städten, in denen die Kreuzfahrtschiffe im Hafen mit dem laufenden Dieselmotor angelegen müssen, ist die Belastung der Luft mit Schwefeloxid extrem hoch. Hamburg und Kiel zählten jahrelang zu den Städten mit der schlechtesten Luft in Europa. Seit Venedig keine Kreuzfahrtschiffe mehr in seinen Hafen lässt, ist hier die Schwefeloxidbelastung um 80 % gesunken.

Aber nicht nur der Antrieb ist ein Problem. Ein Kreuzfahrtschiff verbraucht 1.000- 2.000 l Wasser am Tag. Dieses Wasser wird dem Meer entnommen, gefiltert und der Verwendung zugeführt. Das meiste Abwasser kann aufbereitet und wieder ins Meer geleitet werden. Aber Abwasser aus Duschen z.B. kann nicht aufbereitet werden und wird daher als Müll im Schiff gelagert. Da Lagerflächen in Schiffen knapp sind, wird das Wasser im nächsten Hafen entsorgt. Die Kreuzfahrtgesellschaft muss keine Rechenschaft darüber ablegen, wohin das Abwasser schlussendlich gelangt. Ähnliches gilt für anfallenden Müll, bis auf die Speisereste. Die meisten Kreuzfahrtschiffe bieten All-inclusive- Reisen an, was dazu führt, dass die Leute sich mehr auf den Teller schaufeln, als sie essen können. Die dadurch in großen Mengen enstehenden Lebensmittelabfälle werden geschreddert und dürfen ins Meer abgelassen werden. Was das für ein Ökosystem bedeutet, kann man sich leicht vorstellen.

Viele Kreuzfahrtschiffe werden "ausgeflaggt", was bedeutet, dass sie unter der Flagge von Statten wie Malta oder Liberia fahren. Das spart nicht nur Steuern, sonder hebelt auch Arbeitsschutzgesetze aus. Arbeitszeiten von 14 Stunden am Tag bei bescheidener Bezahlung sind keine Seltenheit. Wie man sieht, gibt es deutlich nachhaltigere Möglichkeiten zu verreisen. Trotzdem hat sich der Anteil von Kreuzfahrten am Tourismusaufkommen in den letzten drei Jahren verdoppelt.

Für mich ist die Kreuzfahrtindustrie eine vollkommen absurde Parallelwelt, da kann dieses Monster von Schiff noch so falsch lächeln. David Foster Wallace hat eine Kreuzfahrt in seinem Buch "Schrecklich amüsant - aber in Zukunft ohne mich" sehr schön beschrieben. Der Text ist zwar schon älter, aber immer noch lesenwert.

Apropos Empfehlungen für Kreuzfahrtfeinde: Wer sich einen Begriff davon machen möchte, wie sich die Absurdität noch steigern kann, dem empfehle ich die Netflix- Doku "Trainwreck: The Poop Cruise". In 2013 fielen durch einen Brand im Maschinenraum auf einem amerikanischen Kreuzfahrtschiff nicht nur Licht und Klimaanlage aus, sondern auch die Toiletten waren nicht mehr benutzbar. Mehr als 4.000 Menschen mussten fünf Tage unter diesen Bedingungen ausharren, bis das Schiff in einen Hafen gezogen werden konnte. Was für eine hygienische Apokalypse!


  

Sonntag, 8. Juni 2025

 Da bin ich wieder!

 

Mein letzter Post ist, wie ich zu meiner Schande feststellen musste, tatsächlich aus dem Jahr 2020. Danach habe ich nur noch auf Instagram laut gegeben, weil es einfacher war und so  kunterbunt und überhaupt... na ja!

Nicht, dass ich da nicht schöne Sachen gemacht hätte wie z.B. das #SketchABC2024 von @derherrlehrer und @c_freimann, und ich habe auch jede Menge toller Seiten gefunden, die mich wirklich inspiriert haben, gerade was das Zeichnen angeht: doch im letzten halben Jahr hat Freund Zuckerberg wieder am Algorhythmus herumgepfuscht. Seitdem sieht man viel mehr Werbung, und die Seiten kleiner User werden seltener angezeigt. Man muss mehr Zeit investieren, um seine Leute zu finden, und dafür kriegt man noch mehr Werbung zu sehen, damit der gute Mark sich vielleicht auch irgendwann eine Weltraummission für seine Lieben leisten kann. Manche kriegen eben den Hals nicht voll.

Außerdem hat mir da immer das Schreiben gefehlt. Die Untertitel zu den Fotos auf dem Handy zu tippen gehört zusammen mit dem Erfinden von Hashtags zu den wirklich nervtötenden Dingen, die ich nie gerne gemacht habe. Also habe ich mich entschlossen, meinen schönen alten Blog zu reaktivieren.

Gestern habe ich mir meine alten Posts angesehen. Ich habe wirklich viel über mich und mein Umfeld geschrieben, und offensichtlich bin ich nicht interessant genug, dass mir das je geschadet hätte, shitstormmäßig und so. Das macht doch Hoffnung.

Um diejenigen, die sich meine Beiträge früher angesehen haben, mal auf den neuesten Stand zu bringen, fasse ich die letzten viereinhalb Jahre mal kurz zusammen:

Nähen/ Stricken: Mache ich kaum noch. Ich habe da so einen grünen Schal, an dem stricke ich seit beinahe zwei Jahren, vermutlich wird er noch später fertig als die Sanierung der Deutzer Brücke, und das will etwas heißen. Zwei Patchworkdecken (ich würde das jetzt nicht großspurig Quilts nennen) habe ich aus Stoffresten produziert, die letzte während meines vorletzten Urlaubs. Ich finde, diese Decken strahlen so etwas Tröstliches aus, und die Stoffrestehalde im Keller baue ich auf diese Weise auch ab.

 

Fotografie: Kurz nachdem ich wieder in Vollzeit gearbeitet habe, konnte ich mir eine wunderbare Digitalkamera leisten, die ich schon immer haben wollte, und nachdem ich sie gekauft hatte, habe ich praktisch mit dem Fotografieren aufgehört. 

Zeichnen: Das hat sich sehr positiv entwickelt. Ich fülle Skizzenbuch um Skizzenbuch mit meinen Beobachtungen, und so langsam gefallen mir die Sachen auch selbst. Mittlerweile traue ich mich auch, die Zeichnerei beruflich zu nutzen, das habe ich vorher fast nie gemacht. Hat was damit zu tun, dass meine Eltern immer von brotloser Kunst geredet haben und ich demzufolge fest überzeugt war, ziemlich talentlos zu sein.

 

Beruf: Im Jahr 2019 habe ich eine Stelle als Architektin bei der Berufsfeuerwehr Köln angetreten. Ich bin da so ein bißchen naiv rangegangen ("Ich werd' eben ab und an eine Dusche sanieren."), es hat sich aber herausgestellt, dass viel mehr dahinter steckte. Bereits einen Monat nach Dienstantritt war ich mitten in der Planung um ein Covid- Behandlungszentrum in der Messe Köln, das gottseidank nie gebaut werden musste, und so ging es Schlag auf Schlag weiter. Leider war dieser ständige Rummel aber so anstrengend, dass ich immer häufiger mit Streßsymptomen krank wurde. Also habe ich Ende 2024 zur Feuerwehr nach Düsseldorf gewechselt, wo ich jetzt die Bauherrenvertretung bei Neubauprojekten mache, was ziemlich interessant ist (und nicht so nervenaufreibend, zumindest bis jetzt).

Familie: Meine Mutter hat den Krebs mit einem Alphawurf auf den Rücken geworfen, es geht ihr heute wieder gut. Sie wird in diesem Jahr 80 und hadert sehr damit, weil sie nun beim besten Willen nicht mehr als "junge Dame" durchgeht. Die Mädels haben beide ein Studium angefangen. Die Ältere hat sich während der Corona- Zeit durch die Tücken eines Studiums aus der Ferne gekämpft, was sie wirklich sehr stark belastet hat. Seit diesem Monat ist sie Bachelor of Arts, das betont sie gerade immer wieder gerne. Der nächste Schritt wird vielleicht der Master in Archäologie sein, wir werden sehen. Die Jüngere ist ausgezogen, um Architektur zu studieren. Warum sie dieses Studium gewählt hat, will mir bis heute nicht in den Kopf: ich habe ihr jedenfalls nicht dazu geraten. Sie möchte im nächsten Semester den Bachelor of Science angehen. Der GöGa buddelt immer noch in den Straßen der näheren Umgebung herum, da ist wenigstens alles beim Alten geblieben. 

Hund: Das ist jetzt das traurige Kapitel. Rosi musste Ende Oktober 2022 aus Altersgründen eingeschläfert werden, es wurde einfach Zeit. Ich bin bei ihr geblieben und habe geweint wie seit Kindertagen nicht mehr. Nach einer gewissen Karenzzeit haben wir es dann ohne Hund nicht mehr ausgehalten, es war einfach zu kalt in der Wohnung. Am 23. Dezember 2022 zog bei uns ein Tibetterrierwelpe namens Kirsei-Kra Namaratna ein, den wir aus verständlichen Gründen umbenennen mussten. Frida, wie sie jetzt hieß, hielt uns von Anfang an auf Trab. Sie war wild, fröhlich, störrisch, übergriffig, liebevoll und einfach nur ein toller kleiner Hund mit einem fürchterlichen Fell, das permanent verfilzte und ihr in den Augen hing. Vor ca. einem Monat begann sie, ihr Fressen zu verweigern. Es stellte sich heraus, dass ihre Leber volkommen zerstört war. Wir liessen sie sehr schweren Herzens gehen. Wir möchten wieder einen Hund bei uns haben, müssen uns aber noch etwas von dem Schock erholen, so einen jungen Hund viel zu früh verloren zu haben.

Tja, das war jetzt das Update. Vielleicht hat der eine oder andere Lust auf mehr, mal sehen, wie sich das so entwickelt.

Sonntag, 2. Dezember 2018

Abends am Strand


Als wir in den Herbstferien am Meer waren, habe ich mir abends meine Kamera genommen und bin allein an den Strand gegangen. Alleinsein empfinde ich ab und zu als echten Luxus.
 



Eigentlich wollte ich ein paar Bilder machen, die diese ganz besondere Stimmung am Ende eines Urlaubstages einfangen, aber schon direkt hinter dem Deich traf ich auf einen Mann, der mir eine halbe Stunde lang etwas über analoge Kameras, Autorennen und Drachenfliegen erzählte.




Na ja, und dann war das Licht beinahe weg. Ich habe trotzdem fotografiert, denn wenn ich mir etwas vornehme- aber holla! Deshalb sind die Bilder insgesamt dunkler als ich vorhatte, ich mag sie aber trotzdem.


Als ich vom Strand zurückkam, fühlte ich mich wie im Kopf durchgewaschen: ich konnte irgendwie besser denken. Das ist der Grund, warum man überhaupt viel mehr auf Reisen gehen sollte.


Kamera: Canon AE 1, 35 mm Objektiv
Film: Fomapan 400 plus

Sonntag, 21. Oktober 2018

 

Mal so richtig NICHTS machen

Herbstferien in Neuharlingersiel

 

Die Orte haben richtig lustige Werbeslogans. Hier: Neuharlingersiel- Urlaub mit Stil!

Bei uns war in den letzten Wochen wirklich viel los. Selbstständige wie wir haben immer Theater mit der Firma, die Ältere macht in diesem Schuljahr Abitur, die Jüngere schreibt Tests und Klausuren am laufenden Band. Vor ein paar Wochen ist mein Vater gestorben, den ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe: das war alles sehr belastend.

Hafen Neuharlingersiel: dem einen Seemann treten ständig Leute für Fotos in den Hintern

Strandbereich Neuharlingersiel

Als es darum ging, was wir in den Herbstferien machen wollten, waren sich ausnahmsweise alle einig, dass es NICHTS sein sollte. Und wo kann man NICHTS auf ganz hohem Niveau so richtig gut machen? 
Genau: niedersächsische Nordseeküste!

Auch Möwen machen Wattwanderungen.

Wir waren in Neuharlingersiel. Es hätte aber auch gut eins der anderen Siele sein können, wir haben einfach das genommen, wo wir eine Ferienwohnung gefunden haben, die für uns mit Hund passend war. Und was haben wir ein Glück gehabt!

Immer auf dem Deich lang!

Hafen Neuharlingersiel

Davon einmal abgesehen, dass wir einfach bombastisches Wetter hatten (obwohl man sich wirklich fragen muß, ob 26 Grad Mitte Oktober die Regel werden sollten), der Ort ist auch wirklich niedlich. Es gibt einen netten Hafen mit Cafés, Fischbuden und diesen Shops, in denen alles entweder einen Anker hat oder geringelt ist. Bei schlechtem Wetter hätte man das Schwimmbad nutzen können, statt dessen konnten wir wirklich noch an den (sehr kleinen) Sandstrand.

Ganz weit gucken können!

Die Ausflüge hielten sich ebenfalls in beschaulichen Grenzen. Wir waren in Esens und Jever, zwei hübsche kleinere Orte in der Nachbarschaft sozusagen, in Wilhelmshafen und in Bremen. Bremen ist etwa anderthalb Stunden entfernt, das war schon irgendwie zu anstrengend. Da waren wir auch nur, weil eins der Mädels keine 2. Hose mitgenommen hatte und sich weigerte, nur noch mit Joggingbux herumzulaufen.

I love Schillig! Der Ortsslogan ist hier: Schillig- hier chill ich!

Schiffe gucken in Schillig

Schillig, ein paar Kilometer von Neuharlingersiel entfernt, lohnt sich nicht unbedingt wegen des Ortes, sonder weil es dort einen ganz wunderbaren, echten Strand gibt, der so lang ist, dass zwei Kilometer (!) davon als Hundestrand freigegeben sind. Im Ort steht eine neue katholische Kirche mit ausgesprochen anspruchsvoller Architektur, die ich sehr sehenswert finde.

Relaxen in der Sonne

Warum da an einem Abend einsam und verlassen ein Schlauchboot lag, wer weiß?

NICHTS machen hat sich für uns alle als ein Segen erwiesen. Wir waren so entspannt wie schon sehr lange nicht mehr. 

Café an der Hafenausfahrt mit spektakulärer Dachterrasse

Krabben ausladen
Die Fähre nach Spiekeroog geht von hier ab.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Der Ort ist für Leute mit Hund einfach nicht zu empfehlen. Unser Ferienwohnungsvermieter war unglaublich nett und war auch auf Hundebesitzer eingerichtet, daran lag es nicht. In Neuharlingersiel dürfen Hunde weder an den Strand, noch auf den Deich davor, noch über den Campingplatz und auch nicht durch den Kurpark. Wir bezahlen aber die volle Kurtaxe.

Abendliche Ruhepause

Wohlgemerkt, ich rede nicht von Deichen mit Schafen und auch nicht vom Kinderspielplatz. Die Strandpromenade ist etwa vier Meter breit und asphaltiert, es gibt eine große Wiese, die für Lenkdrachen freigegeben ist: Naturschutz kann also hier nicht das entscheidende Argument sein, um angeleinte Hunde fernzuhalten. Eigentlich ist man die ganze Zeit damit beschäftigt, irgendwie außen herum zu gehen. In anderen Orten ist man bei weitem nicht so rigoros: warum auch?

Hundestrand in Schillig: sieht aus wie Sylt!

Wenn ihr aber keinen Hund habt, ist in Neuharlingersiel wirklich alles in Ordnung. Gerade für Leute mit kleinen oder mittelgroßen Kindern ist es ideal hier. Fahrradfahrer kommen ebenfalls voll auf ihre Kosten, die Radwege an der ganzen Küste sind Legende. 

Eigentlich sollte sie Auszeitküste heißen.









Sonntag, 29. Juli 2018

 

Schöne neue Welt

Wenn sich ein Stadtviertel verändert



Wenn der Name Düsseldorf fällt, denkt man an Mode und an ein bisschen falschen Glamour- die Königsallee! An Politik natürlich, weil man ja Landeshauptstadt ist. An die Altstadt als längste Theke der Welt, gerade für Junggesellenabschiede ein Klassiker! An die Kunstakademie- Bernd und Hilla Becher, Gursky und die anderen Fotografen der deutschen Sachlichkeit; oder Lüpertz und Immendorf, die neuen alten Wilden. Die Bands Kraftwerk und die Toten Hosen sind beides Düsseldorfer Ikonen. Was einem nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommt, ist das alte Hafengebiet.


Der Düsseldorfer Hafen war immer ein Industriestandort mit Anbindung an die Rheinschiffahrt. Die Wohnungen in der unmittelbaren Nähe bewohnten Menschen, die am Hafen arbeiteten. Aber so nach und nach mussten die Unternehmen im Hafen schliessen, denn wir Mitteleuropäer produzieren ja nichts mehr so kostengünstig selbst, dass wir es auch verkaufen könnten. Mit einem Mal hatte Düsseldorf in unmittelbarer Nähe des Zentrums einen riesigen verwahrlosten Schandfleck. Zur gleichen Zeit boomte die Werbebranche. Also kam man auf die Idee, nach und nach die Industriegebäude durch Büros zu ersetzen. So entstand der Medienhafen Düsseldorf rund um das erste Hafenbecken.


Zwar brach kurz danach die große Blase Werbung ächzend zusammen, aber die Düsseldorfer hatten Glück: Im Medienhafen waren in kurzer Zeit interessante Gebäude mit passender Gastronomie gebaut worden, die größte Attraktion waren und sind die drei Turmgebäude von Frank O. Gehry. Am Wochenende kommen scharenweise Hobbyfotografen nur für den Turm mit der Blechverkleidung. Statt der Belebung durch Menschen, die in den schicken Büros arbeiteten, kamen die Touristen, und das scharenweise. Der Medienhafen brummte so schön, dass sich Investoren für zwei riesige Hotels fanden.
In der Zwischenzeit hatten sich in den kleineren übriggebliebenen Industriegebäuden an den nächsten Hafenbecken Künstler und alternative Eventgastronomie angesiedelt, die ebenfalls ziemlich erfolgreich waren. Leider waren sie nicht finanzstark genug: der Medienhafen machte sich breiter und verdrängte sie. Das erste prominente Opfer war die Strandbar Monkey's Island auf der Landzunge gegenüber des Gehry- Gebäudes. Heute steht dort das Hyatt Regency.


Zur Zeit erlebt die Erweiterung des Medienhafens einen neuen Schub. Das zweite Hafenbecken wird umbaut, wieder mit Bürogebäuden, aber nicht mehr so bekannten Architekten. Dafür sind die Häuser größer. Traditionsreiche Firmen schliessen, ihre Werkshallen werden abgerissen. Heute habe ich gesehen, dass es die Papierfabrik Hermes nicht mehr gibt- als junge Architektin habe ich noch Pläne für die Sanierung einer Halle auf dem Gelände gezeichnet. Offensichtlich ist geplant, das dritte Hafenbecken anzugehen.


Was sich auch verändert hat, ist das Rheinufer an den Hafenbecken. Hier gibt es, man mag es kaum glauben, einen richtigen Sandstrand. Traditionell übernachteten hier im Sommer Leute von Samstag auf Sonntag mit viel Bier und wenig Zelt, das war schon immer so. Jeder Punk, der etwas auf sich hielt, hat sich schon einmal am Sandstrand so richtig die Kante gegeben. Mitunter ging es dabei etwas heftig zu, die Düsseldorfer Obdachlosen hatten eine Zeit lang eine Zeltstadt, an der konnte man nicht vorbei, ohne mit Flaschen beworfen zu werden. Die gibt es auch nicht mehr, da scheint die Stadtverwaltung die Geduld verloren zu haben.


Heute morgen war am Strand eine Yogaschule mit vierzig Teilnehmerinnen und drei Fotografen, die die Yogini beim Sonnengruss im weichen Morgenlicht fotografierten. Ein Beachvolleyballnetz habe ich auch entdeckt. Ich denke nicht, dass die Sylter-Fisch-Gosch-Strandkneipe lange auf sich warten lassen wird. 
Tja, und der Containerhafen? Der letzte Rest davon liegt noch eingebettet zwischen der Erweiterung des Medienhafens und dem öffentlichen Golfplatz an der Lausward, den es allerdings auch schon ewig lange gibt (ausnahmsweise kein Beweis für die fortschreitende Veränderung des Hafens: als der Platz eröffnet wurde, hat hierzulande noch kein Mensch Golf gespielt. Das lag eher an der großen japanischen Kolonie in Düsseldorf, die ihren Sport vermissten.)


Was ich mich allerdings frage: was wird aus den Bürogebäuden, wenn es die Firmen, für die sie errichtet werden, nicht mehr gibt? Und das geht schnell, der erste Bauabschnitt hat schon einen ordentlichen Leerstand. Kommt dann Wohnungsbau für die betuchteren Düsseldorfer? Das alte Wohnviertel am Medienhafen ist nicht nur pickepackevoll, sondern auch rasant teuer. Zum Ausgleich sind die Wohungen ziemlich veraltet. In Köln wird so etwas mit den Brückenhäusern in der Südstadt versucht, allerdings werden die wohl niemals fertig. Kölner mögen das: der Dom ist das beste Beispiel dafür.


Noch ist der Kontrast im Düsseldorfer Hafen zwischen Alt und Neu sichtbar und interessant. Vielleicht bleibt doch noch etwas davon übrig.

Wie man hinkommt: 
Zu Fuß oder mit dem Rad über die erste Fussgängerbrücke an Medienhafen, die mit der dreieckigen Stahlkonstruktion. Mit dem Auto immer Richtung Hamm/ Hafen fahren und nicht in den Medienhafen einbiegen, sondern elegant daran vorbeifahren. Danach muss ein bisschen aufpassen, sich nicht in den Sackgassen an den Hafenbecken zu verfransen. Auf der Bremer Strasse kann man am Wochenende direkt am Rheinstrand parken, da wo die etwas schrottigeren Wohnmobile stehen.