Sonntag, 12. November 2017

12 von 12

im November

 

1.
 
Da ich diese Nacht sehr schlecht geschlafen habe, was an meinem GöGa lag, der gestern abend auf einen Punk- Konzert war und nach seiner Heimkehr im Dunkeln (er wollte ja keinen wecken) über den Klavierhocker fiel, war ich heute morgen früh wach. Also habe ich praktisch mit dem Hahnenschrei den ersten Käsekuchen (aka NY Cheesecake) meines Lebens gebacken.

2.


Vor zwei Jahren habe ich beim Möbelschweden eine Aloe gekauft. Ich dachte, das sei eine empfindliche afrikanische Pflanze und hatte Sorge, dass sie bei mir überhaupt überleben würde. Statt dessen wächst das Ding wie Unkraut! Ich habe sie heute zum vierten Mal (!) geteilt; meine Kleine bekommt jetzt auch eine.



3.

Es ist schon etwas erbärmlich, wenn ich zugebe, dass meine Waschmaschine so etwas wie mein bester Freund ist. Wir sehen uns mehrmals am Tag! Es gibt allerdings Momente, in denen Jennifer Lopez in meinem Hinterkopf singt: "I ain't do your laundry, i'm not your mother!" Wo kommt das ganze Zeug bloß her?

4.

 
Tagebuchschreiben soll ja irgendwie gut für ein bewußtes Leben sein...



5.

Seit Freitag habe ich eine Gleitsichtbrille. Das war erst ganz cool, ich durfte nämlich nicht Autofahren. Alle diese blöden Einkaufs- oder Kinderkutschierfahrten musste der GöGa machen. Ich war schon knapp davor, den Führerschein abzugeben, so gechillt fand ich das. Allerdings ist es wirklich schwierig, sich an die Brille zu gewöhnen. Hoffentlich habe ich mein Hirn bald so weit, dass es die Umstellung akzeptiert!



6.

 Schuhe putzen könnte ich auch mal!



7.



 Den Hund rocken...

8.



Bei den Schrebergärten an der Autobahn haben sich ein paar junge Leute zusammengetan, die eine (sehr) kleine Landwirtschaft betreiben. Das Ziel war eigentlich, Selbstversorger zu werden, aber sie haben mittlerweile so viel übrig, dass sie ihre Sachen auch verkaufen. Die Hühner, deren Eier man hier bekommen kann, sind ausgesprochen freilaufend: sie büxen ständig aus! Ich habe sie auch schon ein paar Mal in ihren Garten zurückgescheucht, wenn ich mit dem Hund vorbei kam. Ist der Kühlschrank nicht schön?

9.

Ich habe angefangen, mir ein Kleid zu nähen, und es sieht so aus, als würden ausnahmsweise die Streifen an den Nähten zusammen passen. Sieg!



10.



Meine beiden Damen haben ihre Kleiderschränke ausgemistet. Um zu verhindern, dass ihr Zeug jetzt eine Woche lang im Flur herumliegt, bin ich mit ihnen direkt zum Kleidercontainer gefahren. 


11.

In Jever habe ich dieses Buch gefunden, als ich meiner Großen in einer sehr hübschen Buchhandlung dabei zusehen durfte, wie sie vor den Regalen Gräben lief (sie kann sich furchtbar schlecht entscheiden). Ich mag die Verbindung von Literatur und Kochen sehr gerne. Wenn man jeden Tag kocht, tut Inspiration richtig gut!


12.

 Heute abend noch ein paar Reihen am roten Schal?


Link: 12 von 12




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Dienstag, 7. November 2017

Abenteurer im Talar

Kloster Knechtsteden, Dormagen



Woran denkt ihr, wenn es um Missionare geht? Vielleicht an fanatische Männer, die naiven Eingeborenen Angst vor der Hölle machen? An bigotte Geistliche mit zwei Geliebten und zehn Kindern, Alleinherrscher über ein Dorf am Amazonas? Oder an naive, in den Tropenarzt verknallte Nonnen als Krankenschwestern? Vielleicht habt ihr auch so einen alten Mann mit Zigarre und Whiskeyglas vor Augen wie in alten Hollywoodfilmen, gespielt von Humphrey Bogart...



An einem der letzten schönen Tage war ich mit meinem Mann im Kloster Knechtsteden bei Dormagen. Das Kloster ist eine Gründung aus dem 12. Jhd. durch einen Orden namens Prämonstratenser. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte es sich ständig durch Erweiterungen, Brände, daraus resultierenden Neubauten und Restaurierungen; im 19. Jahrhundert übernahmen die Spiritaner die Anlage. Die Spiritaner sind kein Orden, sondern eine Missionsgemeinschaft. Sie bildeten ihre Pater hier selbst aus und schickten sie hinaus in die Welt. Wenn sie krank oder zu alt wurden, konnten sie nach Knechtsteden zurückkommen, um ihren Lebensabend unter anderen aus ihrer Gemeinschaft zu verbringen. Manche kehrten allerdings nie zurück.


Heute leben noch 23 ehemalige Missionare hier. Sie haben einen Altersdurchschnitt von 78 Jahren. Die Spiritaner- Gemeinschaft verlangt nicht von ihnen, noch aktiv mitzuarbeiten; einige tun es aber trotzdem. Lediglich die Organisation der Messen ist obligatorisch. Es gibt die Verwaltung des Missionshauses, eine Zeitung und eine Spritaner- Stiftung. Außerdem unterhalten sie eine Bücherei, eine Kleider- und Altmöbelkammer und einen Klosterladen. Einige Teile des Geländes werden von anderen Einrichtungen genutzt: die größte davon ist ein privates Gymnasium. Der Kunstverein Dormagen, ein Waldorf- Kindergarten und ein Obstbauer z.B. haben hier ihre Heimat gefunden.





Zur Zeit kann man in einem Teil des Kreuzgangs eine kleine Ausstellung über die Missionare sehen. Das ist ziemlich verblüffend. Viele von ihnen waren unruhige, hochgebildete Geister, die auch als Forscher und Abenteurer getaugt hätten. Sie erkundeten die fremden Länder, in die sie gesandt worden waren, mit offenen Augen. Sie katalogisierten Pflanzen und Mineralien, fertigten detaillierte Zeichnungen der Tierwelt, schrieben Wörterbücher in den Sprachen der eigentlichen Einwohner. Ein Spiritanerpater organisierte die erste Feuerwehr Haitis,  ein anderer rief ein Sturmwarnsystem für die karibische Schiffahrt ins Leben, weil seine heimliche Liebe der Meteorologie galt. Nach dem ersten Weltkrieg ergriffen nicht wenige Männer nach ihrer Entlassung aus dem Armeedienst den Beruf des Missionars, weil sie die Welt verbessern wollten. Sie entsprechen so gar nicht dem Bild, dass ich mir von Missionaren gemacht hatte.



Die Basilika und der Kreuzgang in Knechtsteden sind zwar kunsthistorisch interessant, vor allem aber merkt man ihnen an, dass sie genutzt werden. Das gefällt mir ausgesprochen gut und macht die besondere Atmosphäre des Ortes aus. Als wir dort waren, musste die Orgel repariert werden. Daran machte sich ein Orgelbauer aus den Niederlanden zu schaffen, der wie ein Besenbinder schimpfte, weil die Reparatur nicht so klappte, wie er sich das vorstellte. Hätte ich ihm länger zugehört, wüsste ich vermutlich jetzt, was "Ich hau gleich mit dem Hammer in das verdammte Ding!" auf niederländisch heißt.


Der Schulhof und einige Räume der Schule sind unmittelbar an den Wohnungen der Missionare gelegen, da wird es unter der Woche auch etwas lauter. Vor dem Torhaus liegt ein wirklich gutes Restaurant. Im Sommer kommen viele Ausflügler hierher, außerdem ist es sehr beliebt für Familienfeiern. Radwanderer durch den Niederrhein können im Heuhotel übernachten; der Kunstverein hat regelmäßige Workshops und Ausstellungen im Hof. Ach ja, und ein gemischter Chor probt stimmgewaltig bei offenen Fenstern!


Es gibt wenige sakrale Anlagen, die noch so lebendig sind.

So sollte Glauben sein: mitten unter den Menschen.

Info:
Kloster Knechtsteden 1, 41540 Dormagen
www.kloster-knechtsteden.de

Tipp:
Wer kleine Kinder hat, die nach Klosterbesuchen noch weitere Sensationen einfordern, dem sei der nahegelegene Tierpark Tannenbusch ans Herz gelegt. Da kann man Rehe füttern, sich vor streng duftenden Wildschweinen die Nase zu halten und auf dem riesigen Spielplatz toben. Hunde dürfen an der Leine mit hinein. Im Sommer steht auf dem Parkplatz ein Eiswagen mit spektakulärem Stracciatella- Eis.

Dienstag, 24. Oktober 2017

Die Sache mit der Unentschlossenheit


Wenn ich mir etwas nähe, gibt es zwei Vorgehensweisen:
1. Ich sehe ein Teil in einer Zeitung, einem Blog usw., weiß glasklar, dass dieses Kleidungsstück mein Leben verändern wird, besorge mir die passenden Materialien und nähe wie besessen darauf los; oder
2. mir läuft ein Stoff über den Weg, ich denke "och wie nett, ich könnte da bestimmt was Schönes draus machen", kaufe ein Stück davon und lege es irgendwohin.
Im ersten Fall wird eigentlich immer etwas daraus, meist trage ich solche Sachen auch wirklich gerne und lange. 


Geht es mir aber wie im zweiten Fall, dann kann das eine sehr zähe Angelegenheit werden. Neulich im Sommer ist mir mal wieder genau das passiert. 
Bei uns auf dem Markt gibt einen Händler, der verkauft Stoffcoupons aus Jersey und Sweat. Das Angebot richtet sich hauptsächlich an junge Mütter, die hübsche Shirts oder Hosen für ihre Kleinen nähen wollen, meist sind die Muster nichts für mich. 
Ich bummelte also entspannt im Sonnenschein mit einem hervorragenden Latte Macchiato in der Hand und einem gefüllten Gemüsekorb auf dem Markt herum, als mir ein grauer Sweat mit türkisfarbenen Sternchen ins Auge fiel. Ich dachte "och wie nett, da könnte ich bestimmt was Schönes draus machen", und weil der Coupon 1,00 *1,60 m maß, war ich optimistisch, eine passende Verwendung dafür zu finden.
Zu Hause befielen mich Zweifel. Waren das nicht doch ein bißchen zu viele Sternchen? Grau macht ja auch graue Haare, vor allem im Winter, wenn man so blaß ist. Ich legte den Stoff erst einmal beiseite. Im meinem Unterbewußtsein rumorte es aber die ganze Zeit unterschwellig herum. Was könnte ich denn nur daraus nähen? Ich wühlte in meinem Schnittmusterhaufen herum und stellte fest, dass 1,00 m doch erstaunlich wenig ist. Ein Shirt? Ein Kleidchen? Eine Kuschelhose? Ein Rock? Als letzten Ausweg einen Loop-Schal? Ach, ich wußte es einfach nicht, und der Hund konnte mir auch nicht weiterhelfen, obwohl ich ihn auf unseren Runden oft genug befragte.


Vor zwei Wochen platzte mir der Kragen. Ich hatte einen nähtechnischen Mißerfolg ohnegleichen produziert und war dementsprechend geladen. Jetzt mußte der Sternchen- Sweat dran glauben, oder ich würde die verdammte Näherei ein für alle Mal an den Nagel hängen. 
Ich entdeckte eine Anleitung für einen Bleistiftrock von Tweed-and-Greet im Netz, die einfach genug war, um mir Spaß zu machen. Kurzentschlossen malte ich mir meinen Rock und schnitt finster entschlossen den Stoff zu. Da der Sweat nicht ganz so elastisch war, ließ ich den Saum allerdings weniger schmal zusammenlaufen wie vorgegeben, weil ich befürchtete, sonst in dem Rock nur hüpfen zu können. Kleine Schlitze an den Seiten wären eine Alternative gewesen, hätten aber die Gefahr mit sich gebracht, dass die Seitennähte auf die Dauer einreißen könnten. Ich nähte, probierte an und siegte.


Der Rock ist bequem, gemütlich, warm und wird mir im Winter bestimmt gute Dienste leisten. Ich trage ihn heute zum dritten Mal, er scheint sich also durchzusetzen. Die Fotos sind allerdings vom vorletzten Wochenende, als der Herbst sich als Sommer verkleidet hatte und ich keine Strumpfhose brauchte. Das da ist übrigens der Hund, der sich auch nicht entscheiden konnte!

Stoff: Coupon vom Wochenmarkt
Schnitt: Tweed an Greet

Sonntag, 22. Oktober 2017

Sistaz

 


Jetzt sind wieder Herbstferien, das heißt, meine beiden Damen hängen zusammen daheim herum. Obwohl sie eigentlich sehr unterschiedlich sind, verstehen sie sich immer noch gut. 
Vor allem, wenn es darum geht, sich gegen ihre Eltern zu verbünden...


Mittwoch, 18. Oktober 2017

Männer, die in Motoren starren

Zu Besuch beim Oldtimertreffen in Burscheid-Hilgen



Neulich sagte mein GöGa an einem friedlichen, sonnigen Sonntagmorgen zu mir: "Schatz, hättest du nicht Lust, etwas mit mir zu unternehmen?" Normalerweise zucke ich da innerlich zusammen, denn der Meinige ist Sportler, und man weiß ja, wie das ausgeht: am nächsten Tag mit Muskelkater und mieser Laune. Aber ich hatte ein fluffiges Croissant und feinsten Darjeeling zum Frühstück gehabt, also sagte ich: "Gerne doch, mein Liebster, was wollen wir denn machen?"
(Ich möchte an dieser Stelle darauf hinweisen, dass mein Mann und ich uns selbstverständlich immer wie Prinz William und seine Kate miteinander unterhalten!)
Wider Erwarten wollte der GöGa keinen Sport machen oder anschauen, er wollte zum Oldtimertreffen nach Hilgen. Er war sogar bereit, nicht mit dem Motorrad, sondern mit dem Cabrio zu fahren, um mir platte Haare durch den Helm zu ersparen. Also packte ich meine Kamera ein und los ging's.


In Hilgen, einem kleinen Örtchen im Bergischen, steht ein alter Bahnhof. Seitdem der nicht mehr in Betrieb ist, wie das vielen Regionalbahnhöfchen so geht, gibt es dort einen Getränkemarkt mit einem recht grossen Schotterparkplatz. Irgendwann etablierte sich jeden Sonntagmorgen bei schönem Wetter ein Treffen von Oldtimerliebhabern, die sich gegenseitig ihre Schätze vorführen und vor allem über sie sprechen wollen. Der Fachjargon dafür ist "Benzinquatschen". Im Laufe der Zeit kam ein kleiner Ausschank mit Kaffee, Wasser usw. dazu, außerdem gibt es eine leckere Bratwurst.

 
Das Ganze hat eine sehr friedliche, nette Atmosphäre. Alles ist ein bißchen improvisiert und ziemlich unkommerziell- bis eben auf die Bratwurst. Schön finde ich, dass die meisten Besucher keine zu hochwertigen Fahrzeuge wie eine Mercedes- Pagode oder ähnliches haben. Man findet eher gut abgehangene Modelle der Marken BMW, Volvo oder einen R 4 von Renault. Der derzeitige Campingbus- Boom kommt natürlich auch nicht zu kurz.
 

Viele der Besucher zeigen eine erstaunliche Liebe zum Detail. Hat man einen Manta, dann ist da auch ein Fuchsschwanz dran; der Besitzer eines schönen alten Volvo schleppt zum Beispiel immer seine eigene Parkuhr mit. Meine persönlichen Favoriten waren allerdings die Jungs, die mit Mofas aus den Achtzigern aufliefen und sich Kutten aus hellen Jeansjacken mit abgeschnittenen Ärmeln und mit Iron- Maiden- Aufnähern gebastelt hatten. Wohlgemerkt, es handelt sich hier um gesetzte Herren meines Alters mit soliden Berufen wie Installateur und Realschullehrer.


Aber über allem steht das Vergnügen, sich neben ein Grüppchen benzinquatschender Männer zu stellen und einfach nur zuzuhören. Die Philosophien, die hier verbreitet werden, sind zum Teil abenteuerlich. Wer würde vermuten, dass die oben zu sehenden, eigentlich recht vernünftig wirkenden Männer gerade diskutieren, wie man das rote Auto schneller als einen Ferrari machen könnte? Ich möchte nicht erleben, dass sie das wirklich ausprobieren! Der Herr unten neben dem Heckflossenmercedes erzählte jedem, wie er den Vergaser seines Autos Schräubchen für Schräubchen auseinandergenommen, alles penibelst einzeln gereinigt (ich sage nur: Ultraschallbad!) und wieder zusammengebaut hatte, um dann festzustellen, dass der Motor seines Lieblings keinen Mucks mehr von sich gab. Obwohl er am Ende zähneknirschend doch eine Werkstatt aufsuchen musste, hält er sein Vorgehen immer noch für bombenrichtig. 


Wer allerdings glaubt, Autos wären zickig, der darf sich gerne den Kampf der Motorradliebhaber gegen ihre Oldtimer anschauen. Da läuft kein Motor richtig gut, und jeder gibt unumwunden zu, dass eine ADAC- Karte ein absolutes Muß ist. Dass der Parkplatz tiefer als die Strasse liegt, hat schon manchem im übertragenen Sinne das Genick gebrochen. Wenn so ein Räppelchen nicht gut läuft, kommt es die Steigung eben nicht hoch, und wenn dann auch noch die Ampel zur Hauptstrasse auf Rot steht, geht der Motor leider sang- und klanglos wieder aus. 


Der Besitzer der BSA im Hintergrund war so ein Fall. Erst musste getüpfelt werden, dann wurde wie besessen auf dem Kickstarter herumgesprungen, und gerade, als man die Hoffnung aufgeben wollte, sprang die BSA mit einem Geräusch an, als sei der Bratwurstgrill explodiert, und schoss dabei eine beachtliche Stichflamme aus dem Auspuff. Jetzt musste es schnell gehen! Also sprang der Fahrer auf das Motorrad, drehte zwei Runden um den Platz, damit die BSA nicht ausging, wobei er immer die Ampel im Auge behielt. Als das Licht auf Grün umsprang, gab er kräftig Gas und schaffte es tatsächlich, die Steigung in einem Schwung zu nehmen und noch bei Gelb über die Ampel zu donnern. Er hinterließ viel Qualm und bei denen, die direkt in seiner Nähe gestanden hatten, ein schrilles Ohrenpfeifen.


Die Liebhaber alter Roller, vorzugsweise aus dem Osten Deutschlands, machen nicht ganz so viel Lärm, dafür hinterlassen sie an der Kaffeebude sehr gerne bläulichen Zweitaktqualm, der sich nach ein paar Sekunden über die Getränke legt. So etwas muß man tolerieren können. Das prächtige kastanienbraune Fahrzeug und der alles andere als EU- zugelassene Helm gehören übrigens dem Kabarettisten Jürgen Becker (Mitternachtsspitzen, WDR) der hier ab und zu auftaucht. Angeblich sammelt er skurrile Fahrzeuge.


Also, auch wer nicht auf Old- oder Youngtimer steht, kommt hier auf seine Kosten. Ich jedenfalls habe mich prächtig amüsiert, da hatte mein GöGa nicht zu viel versprochen. Die Leute hier sind nett und lustig, die Bratwurst wie gesagt ein Gedicht und den Kaffee mit Zweitaktölaroma muss man ja nicht trinken, wenn man nicht will. 


Bahnhofstrasse 1, Hilgen
Sonntags bei schönem Wetter von 9- 13 Uhr










Mittwoch, 4. Oktober 2017

Gestern

 



Gestern habe ich am Rhein diese Familie gesehen. Sie machten einen Feiertagsausflug nach Zons. Man konnte deutlich sehen, wie wenig begeistert die Teenagertochter von der Aktion war. Die ganze Zeit, während ich auf die Fähre nach Urdenbach wartete und sie beobachtete, sprach sie nicht ein Wort mit ihren Eltern, sondern versuchte so viel Abstand wie möglich von ihnen zu halten.

Ich fühlte mich an meine Teenagerzeit erinnert; es ist wirklich manchmal die Hölle, Einzelkind zu sein.

Freitag, 29. September 2017

Die alte Republik

Anderswo in der Vergangenheit 

 

Seiteneingang Alter Bundestag

Da war ja neulich Wahl, und davor war Wahlkampf. Weil meine Töchter endgültig im politikfähigen Alter sind, was bedeutet, dass sie aber auch über alles diskutieren müssen, machte ich dabei die Feststellung, dass es keinem Politiker und keiner Partei während dieser Wochen ausreichend gelungen war, sich wirklich über Inhalte auszutauschen. 

Adenauer auf der Bundesallee

Wofür steht denn nun die CDU oder die SPD, was wollen die Grünen ausser Umweltschutz noch und warum ist die FDP ihr schlimmster Alptraum? Für meine beiden Damen im Alter von sechzehn und vierzehn waren solche Fragen nur mit intensiver eigener Internetrecherche zu beantworten. Von Plakaten, Twitter, Facebook oder Fernsehtalks wurden sie nicht schlauer. Sie fanden die MLPD hier in der Region gut, weil am letzten Wochenende vor der Wahl in Solingen in der Fussgängerzone die MLPDler zum Stand der AfD hinübergegegangen waren und den AfDlern sehr engagiert ihre Meinung kund getan hatten, was damit endete, dass die Damen und Herren Kommunalpolitiker sich gegenseitig an der Krawatte hatten und von der Polizei getrennt werden mussten. Aber bei den anderen Parteien sah das anders aus. Frau Noll von der CDU verteilte auf Markt in Langenfeld Waffeln, die Piraten in Düsseldorf Luftballonsäbel und bei den Linken gab es Zuckerwatte. Greifbare Informationen gab es dagegen nicht.

Bar vor dem Alten Bundestag

War das anders, als ich zum ersten Mal zur Wahl gehen durfte? Ich bin in der Bonner Republik gross geworden, mein politisches Interesse begann mit der Auseinandersetzung um den NATO- Doppelbeschluss. Während der Bundestagsdebatte stand in einem Raum in unserer Schule ein Fernseher, auf dem den ganzen Tag die Live- Übertragung lief. In den Pausen oder in den Freistunden hockten wir uns davor und buhten CDU- Politiker aus. Ich kann mich noch an die Gründung der Grünen erinnern und die Kampagne "Die grüne Raupe kommt". Mein Mann war mit dem Moped auf einem Ostermarsch dabei, zumindest bis es ihm und seinem Freund zu langweilig wurde, weil die alle so langsam fuhren.

Wirklich elegante Wegrandbeleuchtung

Ich glaube, der Unterschied zwischen der Bonner und der Berliner Republik war der, dass wir uns die Informationen, die wir haben wollten, selbst zusammensuchen mussten, aber dafür von diesen unsinnigen Schlagworthäppchen, die uns heute minütlich um die Ohren fliegen, verschont blieben.

Bundesallee

Letztes Jahr war ich noch einmal in Bonn, als ich die Volleyballmädels vom Schiedsrichterlehrgang abholen musste. Da der Tag wegen der Fahrerei ohnehin im Eimer war, machte ich einen langen Spaziergang durch das alte Regierungsviertel. So richtig lebendig war das ja da nie, aber jetzt ist es endgültig tot. Teuer zwar, aber eben "toter als der Zentralfriedhof von Chicago", wie John LeCarré das so schön nannte. Ich war am Alten Wasserwerk, wo der Bundestag zusammenkommen musste während des Umbaus; den Behnisch- Bundestag habe ich mir angesehen, der ja dann schneller aufgegeben wurde, als seine Bauzeit betrug. Der gruselige Adenauer auf der Bundesallee steht auch noch da. Aber das meiste ist irgendwie neu, wobei sich der Zweck der Investition nicht immer auf den ersten Blick erschliesst. Irgendwie machte mich dieser Spaziergang melancholisch. Ich hatte das Gefühl, hier geht es nur noch um Archäologie.

Niegelnagelneues Parkhaus

Die Bonner Republik ist endgültig Geschichte, die Berliner Republik hat sie vollständig verdrängt. Ich glaube, deswegen ist es mir auch so schwer gefallen, den Mädels zu erklären, worum es den Parteien eigentlich geht. Denn sie haben sich mit verändert. Die FDP ist nicht mehr der Ort des bürgerlichen Liberalismus, die SPD vertritt keine Arbeiter mehr. Natürlich müssen sich Politiker mit den Gegebenheiten des Jetzt auseinandersetzen, es wäre nur wirklich schlecht, wenn sie dabei endgültig ihre Haltung verlieren würden. Haltung kommt nämlich niemals aus der Mode!

Vereinte Nationen, gläsernes Büro


Die Bilder sind an einem Winternachmittag mit der Canon Eos 5 d entstanden, das heisst, das Licht war eigentlich immer der Feind. Bearbeitet habe ich sie mit Photoshop Elements.