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Sonntag, 12. Oktober 2025

Backgroundmusic: Damals in der Stammkneipe

  

You know, one of the tragedies of real life is that there is no background music.

(A. Proulx)

 

Meiner Erfahrung nach stimmt das eigentlich nicht, denn ich habe zu vielen Momenten in meinem Leben auch einen passenden Song, der mich begleitet hat. Von zwei dieser Songs, November Rain und Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht, möchte ich euch heute erzählen.

 

Und das kam so: 

In den späten Neunzigern hatte Mario (der im übrigen mit mir in der Grundschule gewesen war) die Kneipe Klimperkiste übernommen. Da er eher einen rustikalen Geschmack hatte, riss er die gesamte Inneneinrichtung heraus und ließ eigentlich nur den Tresen stehen. im Rest des Raums standen eher zufällig ein paar Tische, Stühle und ein Billardtisch herum, die Wanddeko beschränkte sich auf Poster von Metalbands. Voilà, fertig war das neue Richrather. (Auch der Name zeugte nicht unbedingt von Phantasie, die Kneipe lag eben an der Richrather Straße).

Das Gastrokonzept war ebenso einfach: Bier, Tequila, Jägermeister und billiger Sekt, falls jemand eine Frau mit Kultiviertheit beeindrucken wollte. Wer Hunger bekam, konnte in der Pizzabude nebenan eine Pizza kaufen und mit der Schachtel ins Richrather kommen, um da zu essen. Besteck gab es allerdings nicht. Es lief ohne Pause irgendwelcher Metal oder Punk in ohrenbetäubender Lautstärke, so dass man sich beim Saufen auch nicht groß unterhalten musste.

Der Laden war ein Bombenerfolg. Hier wurden Epen gelebt und Legenden geboren, es gab Abende, die man im Leben nicht vergisst. 

Als der Kellner volltrunken mit einem Stehtisch, einem großen Tablett voller Tequilagläser und mehreren Gästen zu Boden ging,... 

als wir meine Schwägerin, die wir zur Brautentführung hergebracht hatten, mit Handschellen an den Tresen gekettet beinahe vergessen hätten,...

als Karneval einer der Herren auf dem Billardtisch strippte, während Marios Frau mit einer sehr großen Schere vor ihm stand und ihm die Kronjuwelen abschneiden wollte,... 

als der Jägermeister aus war und Mario einen seiner Gäste mit Geld für zwei neue Flaschen über die Straße zur Tankstelle gegenüber schickte, der Gast aber so betrunken war, dass er angefahren wurde, so dass Mario sich gezwungen sah,  den nächsten Gast loszuschicken, ...

Dieser großartigen Kneipe verdanke ich die beiden Songs aus meiner Backgroundmusicliste.

Der erste ist November Rain von Guns'n Roses. Es gab einen Jackpot bei der Fernsehlotterie von mehreren Millionen, ganz Deutschland hatte Tippscheine gekauft. Als die Zahlen im Fernsehen gezogen wurden, machte Mario den Fernseher an, ließ aber die Musik einfach weiterlaufen. Ausnahmslos jeder machte sein Portemonnaie auf und holte seinen Lottoschein heraus. Niemand gewann. Während Axl Rose seiner Ex lautstark hinterherjammerte, wurden die Scheine in der Mitte durchgerissen und kommentarlos das nächste Bier bestellt. Das war so lakonisch wie in Ostfriesland, und ich bin vermutlich der einzige Mensch auf der Welt, der bei November Rain an die Deutsche Fernsehlotterie denkt. 

Das zweite Lied ist Mein Freund hat mit mir Schluss gemacht von den Lassie Singers. Der Musikstil, so ein Indie-Pop-Dings, paßte eigentlich überhaupt nicht ins Richrather, aber wie der Zufall es so wollte, hatten gerade eine Menge der ständigen Thekenbewohner Probleme mit ihren Beziehungen, was natürlich nie an ihnen, sondern immer an ihren blöden Freundinnen lag, die ihnen den Laufpass gegeben hatten. Jedenfalls lief der Song mindestens zwei Mal am Abend, und es wurde jedesmal lauthals mitgesungen. Ich war später sogar bei einem Konzert der Lassie Singers in Monheim, da ging es auch hoch her. Über dieses Konzert singen sie auf ihrem zweiten Album in dem Stück Hamburg ("...Links ist ein Baggersee...wo ist das Ex und Pop von Monheim...?"). 

Das Richrather musste dann nach ein paar Jahren schließen, weil Mario alles über den Kopf wuchs. Seine Ehe ging in die Brüche, und er hatte wie so viele Kneipeninhaber ein Alkoholproblem. 

Heute ist da eine Sisha- Bar. 

 

Sonntag, 29. Juni 2025

Farbe am Südpark

Seit ich in Düsseldorf arbeite, sehe ich morgens an der Straßenbahnhaltestelle Südpark eigentlich immer die gleichen Leute. Da gibt es die ziegige Rothaarige, die immer stur geradeaus sieht, der Typ mit den Arbeitshosen, der Langzeitstudent, der seine Vans so dermaßen ablatscht, dass sie beinahe keine Sohle mehr haben, und so weiter und so fort.

Am liebsten habe ich aber diese Frau:

 

Jeden Tag trägt sie farblich perfekt aufeinander abgestimmte Kleidung, roten Lippenstift, High Heels und immer diese riesige blaue Handtasche. Sie ist sehr klein und dünn, die Schuhe sind meistens etwas zu gross. Die Kleidung ist nicht unbedingt von guter Qualitär, aber sie hat so viele verschiedene Kleidungsstücke in den leuchtendsten Farben, dass ich mir sicher bin: sie muss den größten Kleiderschrank Düsseldorfs haben.

Obwohl sie alles andere als schön ist, sticht sie Jede und Jeden an der Haltstelle Südpark aus. Ich mag es, wie durchdacht ihre Outfits immer sind. An jedem Tag sich selbst neu zu erfinden, sich aber dabei trotzdem immer treu bleiben, und aus jedem Morgen ein für sich ein Modefest zu machen, das ist toll. 

Kann man sich als Vorbild nehmen, finde ich!,


 

Mittwoch, 25. Dezember 2019

 

Familiengottesdienst am Heiligabend

 


Wir sind Einmalimjahrindiekirchegeher, außer es heiratet jemand oder einer ist gestorben. Wir nutzen die Kirche als Dienstleistungsunternehmen, aber Hand auf's Herz: wie viele von Euch tun das auch?
Das eine Mal Kirche ist natürlich an Heligabend. Früher waren wir mit den Kindern, die zufällig einen katholischen Kindergarten besucht haben, im Kleinkindgottesdient in der kleinen Kirche, die neben dem Kindergarten war. Dann gab es eine Zeit, da waren wir Weihnachten nie zu Hause, sondern im Skirurlaub, aber seit ein paar Jahren werden die Eltern gebrechlich, da bleiben wir eben da.
Da ich aus der katholischen Kirche ausgetreten bin, als ich achtzehn wahr (hatte feministische Gründe und wurde durch einen Besuch im Petersdom untermauert), mein Mann und die Kinder aber evangelisch sind, entschieden wir uns, in die Erlöserkirche in unserer Nähe zu gehen. Als Ex- Katholikin lernte ich eine andere Art von Gottesdienst kennen, manchmal fand ich das schon etwas eigenartig. 
Eine Pfarrerin zum Beispiel bastelte das ganze Jahr über an einem gesichtslosen Engel, über den sie dann am Heiligabend redete und der so gruselig aussah, dass die kleinen Kinder Angst vor ihm hatten. Letztes Jahr gab es ein Krippenspiel über Josef, aufgeführt von engagierten Mitgliedern der Gemeinde. Der Darsteller von Balthasar hatte einen starken rheinischen Akzent, das war einfach großartig. Immer mit dabei ist die Kantorin Frau Kim, eine sehr gute Musikerin, die sich auch um den Kirchenchor und kleine Konzerte kümmert.
Dieses Jahr allerdings hat die Gemeinde allerdings den Vogel abgeschossen, was den Unterhaltungswert des Familiengottesdienstes angeht.
Wir trafen uns mit meiner Mutter, die sich in ihre schönste Perücke geschmissen hatte, um drei Uhr in der Kirche auf der Empore, denn da kann man am besten sehen. Den Anfang machte Frau Kim mit zwei Mädchen, die Feliz Navidad sangen. Eine von den beiden hatte deutliche Ambitionen zu einem Auftritt in einer Casting- Show, die andere war unauffälliger. Aber ganz ehrlich: wer sich mit 14 in einer rappelvollen Kirche hinstellt und mit Mikrofon singt, kann einfach nur eine Heldin sein.
Danach übernahm der Organist die musikalische Leitung, und der Mann ist schlicht der Hammer! Er bringt es grundsätzlich fertig, sehr lange Intros zu spielen, so dass nie einer weiß, wann er zu singen anfangen kann. Schon bei "O du fröhliche" kam es deswegen zu einem unfreiwilligen dreistimmigen Kanon. Der Pfarrer trat auf und ließ Kindergartenkinder mit dem Licht von Bethlehem die Altarkerzen entzünden. Trotz Unterstützung durch zwei Mütter klappte das bei einem Kind nur, als es auf dem Altar stand, was der Pfarrer nur mit einem milden "Das ist jetzt für mich auch neu!" kommentierte. Die ganze Gemeinde machte "Aaaah" wie beim Käpt'nsdinner auf einem Kreuzfahrtschiff, als das Licht anging, das war auch schön.
Dann war wieder der Organist dran. Diesmal wußten wir mit dem Intro Bescheid, aber in der zweiten Strophe von "Ihr Kinderlein kommet" begann er, irgendwie jazzige Variationen in die Melodie einzubauen, also hörten wir wieder verwirrt auf zu singen. 
Dabei fiel dem Kleinkind von gegenüber der Schnuller aus dem Mund, der über den Rand der Empore eine Etage tiefer stürzte und einen älteren Herrn am Kopf traf. Während zwei junge Frauen abwechselnd die Weihnachtsgeschichte vorlasen, brachte seine Frau den Schnuller wieder nach oben. So bekam sie leider nicht mit, wie eine der beiden Erzählerinnen den Faden verlor, hektisch in den Blättern am Lesepult kramte, und dabei murmelte: "Wo kam der nochmal her?.. Äh...Bethlehem..." und dann weiter vorlas.
Jetzt stimmte der Organist das nächste Lied an, und wir dachten schon, diesmal ginge alles gut, da entdeckte er in der triumphalen dritten Strophe von "Stern über Bethlehem" irgendeinen Special-Effects-Schalter an der Orgel. Der Sound änderte sich von Kirchenorgel zu düsterer Orgel im U-Boot des wahnsinnigen Kapitän Nemo. Für mich war es vorbei: ich konnte nicht mehr mitsingen, weil ich so lachen mußte. 
Als nächstes durften sich alle Kinder Kekse aus zwei riesigen goldenen Blechschachteln unter dem Christbaum holen, was weitere Unruhe in den Gottesdienst brachte. Nachdem sich alle wieder gesetzt hatten, wollte der Pfarrer wenigstens zusammen das "Vaterunser" sprechen, hatte aber die Rechnung ohne ein tollkühnes Windelkind gemacht, dass sich langsam, wackelig, aber unaufhaltsam an ihm vorbei zu den Keksdosen neben dem Altar schlich, sich dort einen Zimtstern stibitzte und dann mit einem Gesicht wie ein echter Sieger von seiner Großmutter einfangen ließ. Der Organist versuchte ein letztes Mal, es mit "Stille Nacht, Heilige Nacht" so richtig krachen zu lassen, aber jetzt hatten die Gottesdienstbesucher genug von seinen Mätzchen und sangen einfach an ihm vorbei. Als wir das Gotteshaus verließen, warteten für das Krippenspiel schon die Laiendarsteller in den Kostümen römischer Legionäre auf ihren Auftritt.
Ich kann nur sagen, ich hatte selten so einen Spaß in der Kirche (Ausnahme vielleicht, als unser damals schon sehr betagter Pastor mit seiner Greisenstimme an den hohen Tönen von "Gloria in Excelsis Deo" scheiterte). Ich finde es einfach ganz phantastisch, wie engagiert die Mitwirkenden sind, und ich kann den Pfarrer nur für seine Gelassenheit bewundern. 
Nächstes Jahr sind wir wieder da, versprochen!

Sonntag, 22. September 2019

 

Heute:

Samstag in Düsseldorf

 


Das Weibsvolk brauchte neue Outfits, also war ich nach ewigen Zeiten noch einmal an einem Samstagnachmittag in Düsseldorf. Was es da wieder nicht alles zu sehen gab!

1) Es gibt immer noch Touristen aus Japan, die sich nicht auskennen, dabei sollte man doch meinen, alle Japaner seien schon irgendwann einmal in Düsseldorf gewesen.
2) E- Scooter liegen eigentlich mehr herum, als sie gefahren werden. Es war allerdings auch so voll, dass man mit so einem Ding ohnehin nirgendwo durchgekommen wäre. Aus irgendeinem nicht nachvollziehbaren Grund war der Rheinufertunnel gesperrt, so dass der gesamte Autoverkehr sich durch die City quälte.
3) Mir gefällt die neue Herbstmode, so mittellange weite Röcke und Blümchenkleidchen, alles ein bißchen nostalgisch. Ich habe mit einer Rüschenkragenbluse geliebäugelt, damit hätte ich ausgesehen wie Fräulein Rottenmaier.
4) Ich bewundere die Hunde von Obdachlosen, die haben wirklich Nerven wie Drahtseile.
5) Da war ein Mann, der wirklich und ungelogen aussah wie ein Alien (s. auch Men in Black!). Die Textzeile ist übrigens von Throwthatbeatinthegarbagecan - kennt die noch einer?

Ich sollte mich am Wochenende wieder häufiger ins Getümmel stürzen.

Montag, 20. Mai 2019


Heinz und Hannelore

(Mobbing am Niederrhein) 



Diese beiden Fensterguckerinnen habe ich beobachtet, als ich in Dormagen- Zons auf einer Bank saß und ein Eis aß. Ich fand sie unglaublich lakonisch und richtig boshaft-also total lustig! Was Heinz und Hannelore eigentlich verbrochen haben, das fand ich leider nicht heraus.

 




Sonntag, 24. März 2019

Warum Katie Ellen niemals Popstars werden



Am Samstag war ich noch einmal im Waldmeister in Solingen im Konzert. Das Waldmeister ist ein sehr kleiner Konzertsaal im alten Güterbahnhof im Stadtteil Wald. Maximal 60 Leute gehen da rein, und dann stehen sie wie die Sardinen in der Dose nebeneinander; das will man im Sommer nicht erleben. Betrieben wird die Location vom Verein Cow Club, der sich der Förderung von "Popularmusik, vor allem im Amateurbereich" verschrieben hat. Sie veranstalten Lesungen, Filmabende, Parties und eben auch Konzerte. In der Regel tritt eine Solinger Band als Vorgruppe auf, und dann gibt's den Headliner.
Die Solinger waren diesmal Bangks. Ich hatte noch nie von ihnen gehört, sie machten ihre Sache aber ganz ordentlich und waren trommelfellzerreissend laut. So weit, so gut.
Aber eigentlich ging es mir um den Auftritt von Katie Ellen, eine Punk-/ Indiefolk-/ Irgendwas- Band aus Philadelphia, Pennsylvania. Die Sängerin Annika Pyle hört sich ein bisschen nach den Cranberries oder den Sundays an, aber die Musik ist deutlich punkiger. Sie war vor der Gründung von Katie Ellen zusammen mit Dan Frelly, dem Gitarristen, Mitglied von Chumped (sagt wahrscheinlich nur Wenigen etwas, ist aber auch egal, wer ist schon Redakteur beim SPEX?). Katie Ellen veröffentlichen ihre Musik bei Lauren Records, wer reinhören mag: man findet sie z.B. bei Spotify.


Annika Pyle ist der Antityp des Popstars, auch wenn sie von der Stimme und dem Aussehen das Potential dazu hätte. Sie steht ungeschminkt in Jeans, T- Shirt und Holzclogs mit Wollsocken auf der Bühne, spielt Gitarre und singt sich die Seele aus dem Leib. Wenn ihr Gesang nicht gut ausgesteuert ist, klingt das schnell auch mal nach Micky-Maus, wie das bei den meisten Sängerinnen mit so hohen, zarten Stimmen passiert. Ich habe vor Jahren Björk mit den Sugarcubes gesehen, selbst die hat man fast nicht gehört. Aber Björk trug ein goldenes Lamékleid und machte Bierflaschen mit den Zähnen auf, Annika Pyle dagegen quatscht mit ihrer Band und stimmt ständig an ihrer Gitarre herum.


Das mit dem Gitarrenstimmen ist ohnehin so eine Sache, Dan Frelly fummelt auch nach jedem Song an seinen Saiten. So hat man zwischen den Stücken immer eine seltsame Pause, untermalt von einigen ganz fiesen Rückkopplungen. Der Schlagzeuger guckt dabei an die Decke, keine Ahnung, ob ihn das nervt oder er gerade an was anderes denkt. Der Bassist, der eine sehr eigene Optik hat, wartet einfach nur geduldig, bis es weitergeht. Er braucht allerdings auch kein Feintuning, der Mann ist ein As an seinem Instrument. Der ganze Sound von Katie Ellen wird von ihm zusammengehalten.


Ansonsten macht die Band auf der Bühne in Sachen Performance so ziemlich alles falsch, was nur geht. Sie drehen dem Publikum den Rücken zu, sie nehmen sehr wenig Kontakt auf, keiner tanzt: der Großmeister Dieter Bohlen würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.
Und soll ich was sagen? 

Das ist vollkommen wurscht! 
Katie Ellen machen nämlich tolle Musik! 

Das Konzert war super, die Leute waren begeistert. Wir wollten nicht nur eine Zugabe, am liebsten hätten wir es gehabt, wenn Katie Ellen noch mal von vorne angefangen hätten. Jeder im Saal war verliebt in die wunderbare Annika Pyle mit ihren kryptischen Tatoos und den unordentlichen Haaren (ich rede hier nicht vom Undone- Look!). Wir glauben ihr nämlich, dass sie von ganzem Herzen Musik macht. Wir leiden mit, wenn sie von Liebeskummer singt, und wir fühlen ihre Enttäuschung über den Verlust oder das Leben oder Sonstwas, wenn sie auf ihre Gitarre eindrischt.


Trotzdem werden Annika und Katie Ellen keine Popstars werden. Popmusik funktioniert nämlich nicht als Musik, sondern als Entertainmentprodukt. Das, was wir den ganzen Tag hören, ist gewinnmaximiert ausgesucht und bewußt lanciert, der Hype um die neue deutsche Musik à la Vincent Weiss ist ein wunderbares Beispiel dafür (wobei ich dem armen Vincent nichts Böses will, manchmal wird man von solchen Sachen auch ein bisschen überrollt). Vielleicht haben Katie Ellen ja das Glück, dass einer ihrer Songs in einer Netflix- Serie auftaucht, sonst bleiben sie vermutlich auf ewig ein Geheimtipp. 

Was schade ist!



Album: Katie Ellen, Cowgirl Blues, 2017, Lauren Records 

Fotos: Mit dem Handy im Stockdunkeln aufgenommen 
und daheim bearbeitet, damit man überhaupt was sieht

Dienstag, 19. März 2019

 

 

Frau Müller und der Datenschutz

 


Weil ich bei der Bank eine Sache zu erledigen habe, die ziemlich viel Warterei mit sich bringt, habe ich das Vergnügen, die täglichen Vorgänge in der Schalterhalle zu verfolgen.

Eine winzige alte Dame mit Rollator bringt ihre gesammelten Rechnungen mit, weil sie mit dem Überweisen nicht zurecht kommt, sie sieht halt nicht mehr so gut. Die Bankangestellte füllt geduldig alle ihre Überweisungen aus und gibt ihr auch die Rechnungen zurück, die eigentlich abgebucht werden. Weil die alte Dame extrem schwerhörig ist, weiß jetzt die ganze Bank, dass die Johanniter einen Dauerauftrag bei ihr haben.

Ein koreanisches Ehepaar will Geld abholen, sie sprechen aber nicht genug Deutsch oder Englisch, um sich verständlich zu machen. Deswegen bekommen sie statt 1300 nur 130 Euro, was ihnen aber erst klar wird, als sie die Bank verlassen. Also kommen sie wieder zurück und stellen sich dem Abenteuer Bankschalter zum zweiten Mal.

Der Schlüssel zu unserem Schließfach bleibt verschwunden, mittlerweile suchen zwei Leute an verschiedenen Stellen in der Bank danach. Dafür muß ich eine neue Datenschutzerklärung unterschreiben, wenn ich schon mal da bin.
 
Eine Rumänin läßt sich Überweisungsformulare drucken, nimmt die auch mit, läßt aber ihre Bankkarte liegen. Die Bankangestellte sprintet hinter ihr her wie Usain Bolt, um ihr die Karte zurückzugeben.

Eine weitere alte Dame stellt sich an. Sie möchte Geld abheben, dafür braucht man seit neuestem den Personalausweis. Sie hat den Ausweis natürlich nicht dabei, aber sie sieht sich um und deutet auf zwei Frauen hinter dem Schalter. "Die Dame da, die kennt mich; und die hinten am Schreibtisch auch", sagt sie. Die beiden Kundenbetreuerinnen sehen auf und sagen im Chor: "Das ist okay, das ist die Frau Müller!", und so bekommt Frau Müller doch noch ihr Geld.

So läuft das hier also mit dem Datenschutz, denke ich.

Eigentlich ist das ganz gut so, denn mal ganz ehrlich: wenn auch nur eine der Bankerinnen auf ihren Vorschriften beharrt  hätte, wären ihre Kunden vollkommen hilflos gewesen. Das ist doch das, was wir in der internetbestimmten, globalisierten Welt so vermissen. Wir wünschen uns, dass jemand uns hilft, auf uns achtet, sich um uns kümmert. 

In einer kleinstädtischen Bankfiliale geht das immer noch.


 




Donnerstag, 7. März 2019


Der letzte Schrei

oder: die Provinz bebt!



Menschen sind mir mitunter ein Rätsel. Bei uns im Städtchen ist seit neuestem das Halten von Hühnern en vogue. Auf vielen der kleinen Weiden, auf denen noch vor einem Jahr Ponys standen oder Schafe grasten, lebt jetzt freilaufendes Federvieh mit ausrangierten Campingwagen als Stall.
Ich meine, ich habe nichts gegen Hühner. Zwar stinken sie und haben ziemlich gehässige Gesichter; sie legen aber auch Eier, schmecken gut und sehen zum Brüllen komisch aus, wenn sie laufen. 
Aber warum möchten auf einmal alle Hühner halten? 
Eine Strasse weiter hat sich jemand eine Hühnerherde (heißt das so?) einschließlich Hahn für seinen Garten zugelegt. Das Tier macht mit seiner unmotivierten Kräherei die Nachbarn wahnsinnig, denn entgegen der landläufigen Meinung beläßt so ein Hahn es nicht beim einmaligen frühmorgendlichen Krähen. Er macht eigentlich immer Krach, und umerziehen kann man ihn auch nicht.
Ich frage mich, welche Tiere als nächstes kommen? Lamas? Kaschmirziegen? Zwergkühe?
Man darf gespannt sein.


Sonntag, 17. Februar 2019

 

Urbansketching

Wie man es bei der Stadtgestaltung so richtig vermasseln kann

 




Bei uns im Städtchen war es gestern zum ersten Mal so warm, dass ich mich an eine Strassenecke setzen und mich dem Freiluftzeichnen widmen konnte. Das hier ist sozusagen der Eingang zur Fußgängerzone. Die beiden Fachwerkhäuser sind die letzten Überlebenden unseres alten Stadtkerns. In dem größeren befindet sich ein Irish Pub, und in dem kleineren ist ein Weinladen. Ich kann mich noch erinnern, dass von diesen Häusern einige mehr hier gestanden haben. In einem davon gab es eine Lottoannahmestelle, in der jede Menge alter Männer herumhingen, rauchten und haltlose Gerüchte in die Welt setzten: deswegen nannte man das Kiosk auch die "Lügenzentrale". Vor den Häusern lief ein Bach, der heute verrohrt ist. Mir ist beim Zeichnen vor allem aufgefallen, dass auf der Strasse wahnsinnig viel herumsteht: Laternen, Schilder, Schaukästen, Betonpoller und seit neuesten diese riesigen Pflanztröge, die wegen der Terrorgefahr die Zufahrt zur Fußgängerzone blockieren sollen. Wenn man das ganze Ensemble geschützt hätte, könnten wir jetzt mit einem historischen Ortskern angeben, so haben wir nur jede Menge Kram hingewürfelt. Schade!
 

Samstag, 9. Februar 2019

Museum Koenig 

oder

die Nachwehen der Humboldt- Biografie

 


In meinem letzten Post hatte ich angekündigt ab jetzt Käfer sammeln zu wollen, inspiriert durch das Buch Alexander von Humboldt und die Entdeckung der Natur von Andrea Wulf. Diese Idee stieß daheim nicht unbedingt auf Gegenliebe, außerdem ist es im Moment einfach zu kalt für Käfer. Weil ich aber trotzdem auf den Spuren der großen Naturforscher wandeln wollte, fuhr ich nach Bonn zu einem Besuch des Naturkundemuseums Koenig.

Der große Saal im Erdgeschoss: Hier trat der Parlemantarische Rat der Bundesrepublik zum ersten Mal zusammen. Die beiden Giraffen im Hintergrund waren zu groß, um entfernt zu werden, deswegen mußten sie mit Tüchern abgedeckt werden.


Wildschwein- Diorama

In diesem Museum gibt es Tierpräparate aus aller Welt zu bestaunen. Sie werden in thematisch geordneten Vitrinen oder in sogenannten Dioramen ausgestellt. Ein Diorama ist ein lebensgroßer Schaukasten, in dem eine Szene so lebensecht wie möglich dargestellt wird. Der aufwändig ausgemalte Hintergrund ist häufig halbkreisfömig, um mehr Tiefe zu erzeugen. Und sie sind eine tolle Sache, wenn man in Ruhe zeichnen möchte.



Das Museum wurde gegründet durch Alexander Koenig (1858- 1940), dem Sohn eines aus St. Petersburg ausgewanderten Zuckerfabrikanten. Die Familie erwarb in Bonn die Villa Hammerschmidt (heute bekannt als der ehemailige Wohnsitz des Bundespräsidenten). Alexander begann sich schon im Gymnasium für das Sammeln von Tierpräparaten zu interessieren. Er studierte Zoologie und machte seinen Doktor in Marburg. Nach seiner Habilitation lehrte er seit 1894 an der Philosophischen Fakultät in Bonn. Mit seiner Frau Margarethe unternahm er zahlreiche Forschungsreisen, von denen er umfangreiche Proben mitbrachte.

Bäreninsel- Diorama

Rotwild- Diorama

Relativ schnell wurde ihm klar, dass sein eigenes Haus für seine Sammlungen nicht ausreichte. 1912 wurde der Grundstein für Koenigs Museum gelegt. Doch schon viel zu bald kam ihm der Erste Weltkrieg in die Quere. Das Militär funktionierte das Gebäude zu einer Kaserne um, Koenig verlor durch die Inflation beinahe sein gesamtes Vermögen. 1929 gelang es ihm, das Deutsche Reich zur Übernahme des Naturkundemuseums zu bewegen, 1934 konnte es endlich eröffnet werden. 

Das Skelett eines prähistorischen Riesenhirsches: das Ding ist riesig! Wenn man daneben steht und die Schatten an der Wand sieht, hat man einen kurzen Game-of-Thrones-Moment, womit auch erklärt wird, woher die Setdesigner ihre Ideen haben.

Während des Zweiten Weltkriegs beherbergte es die Bonner Luftschutzzentrale, nach seiner Schließung 1943 leitete Margarethe Koenig ein Lazarett in den Räumen des Museums. So konnte sie dafür sorgen, dass die in den Keller ausgelagerte Sammlung erhalten blieb, und wahrscheinlich war das Lazarett auch der Grund dafür, dass das Gebäude weitestgehend unbeschädigt blieb (neben der Tatsache, dass Margarethe den Quellen nach Haare auf den Zähnen hatte).

Schon allein das Gebäude lohnt einen Besuch.

Hinter dieser Tür liegt der Sitzungssaal, in dem zum ersten Mal das Nationale Olympische Kommitee zusammentrat. Heute dient er der Musuemspädagogik als Vortragssaal.

Eben wegen seiner Unversehrtheit kam jetzt der große historische Auftritt: am 1. September 1948 trat im Erdgeschoßsaal der Parlamentarische Rat der neuen Bundesrepublik zum ersten Mal zusammen. In der Folge war das Museum 1949 unter Adenauer Bundeskanzleramt, bis 1950 beherbergte es verschiedene Ministerien, bevor es endlich wieder für die Öffentlichkeit freigegeben werden konnte.


Nil- Diorama

Heute ist es unter anderem ein Forschungszentrum für die Artenvielfalt der Tiere. Es wird viel für die Museumspädagogik getan, und vor allem: die Mitarbeiter sind wahnsinnig nett. Ich war selten in einer Ausstellung, in der eine so freundliche, relaxte Atmospäre herrschte. Die meisten Besucher kommen mit sehr kleinen Kindern (wie im Zoo, nur drinnen), aber die Angestellten haben Nerven wie Drahtseile, auch wenn ständig einer brüllt und es ab und zu verdächtig knallt. 

Als ich die Nilpferde zeichnete, kamen zwei Großväter und eine Großmutter mit ihren Enkeln vorbei. Sie blieben vor Affenvitrine stehen und begannen eine Diskussion über Schimpansen, bis eins der Kinder fragte: "Hat der auch einen Penis?" Mir fiel fast der Stift aus der Hand, weil ich so lachen musste. Deswegen haben die Nilpferde auch rosa Wangen.

Man kann einen sehr entspannten Vormittag hier verbringen, wenn gerade keine Schulklasse durch das Gebäude streift. Der Cafébereich im 1. Stock ist zu den Ausstellungsräumen offen, deswegen riecht es ab 11.00 Uhr nach lecker Essen. Zur Zeit kann man sich eine sehr schön präsentierte Ausstellung über die Geschichte der Erde ansehen, die ich ausgesprochen interessant fand. Und man eignet sich einfach so nebenbei jede Menge unnützes, aber beeindruckendes Wissen an (z.B. über die Form der Pinguineier).






Man könnte also auch sagen, dass es hier alles unter einem Dach gibt: Biologie, Geschichte und etwas zum Naschen!
 ZMFK, Das Zoologische Forschungsmuseum König
Adenauerallee 160, Bonn

P.S.: Für diejenigen, die mit dem Auto kommen: es gibt absolut keine Parkplätze, auch in der nahen Umgebung nicht. Am besten stellt man sein Auto im Parkhaus der Museumsmeile auf der Emil- Nolde- Straße ab, alles andere nervt und kann teuer werden. Oder man fährt ÖPNV.

P.P.S.: 
Ein Beispiel für die skurrilen Geschichten, die das Museum präsentiert:


1993 erwarb die Kantine des Bundesinnenministeriums einen drei Meter langen Stör, der vor Helgoland gefangen worden war. Die Mitarbeiter des Museums baten darum, den Kopf und die Haut des Tieres untersuchen zu dürfen. Es stellte sich heraus, dass es sich um den letzten Stör seiner Art gehandelt hatte. Die Tiere hatten schon seit längerer Zeit auf der Roten Liste der bedrohten Arten gestanden. Der konservierte Kopf ist heute im Museum Koenig ausgestellt.



Donnerstag, 17. Januar 2019

 

Was nicht passt, wird passend gemacht!

 


Ich liebe Baumärkte! Nicht nur weil es da praktisch alles gibt, was man braucht und auch alles, was man nicht braucht, sie sind auch ein Premium- Ort für Sozialstudien. Wenn mein Mann etwas aus dem Baumarkt braucht, sitze ich in Windeseile neben ihm im Auto. Im Markt lasse ich ihn am Schraubenregal herumsuchen (das tut er nämlich total gern) und gehe auf Streifzug. Bei vielen Sachen habe ich nicht die geringste Ahnung, wozu man sie braucht, aber es macht Spass, sich vorzustellen, was man daraus machen könnte.

Naja, und die Kunden im Baumarkt! Traumhaft! Ein wahres Kaleidoskop!

Und die Krönung des Ganzen: der Parkplatz! Wie da alles Mögliche in viel zu kleine Fahrzeuge geschoben und gequetscht wird, das ist fast so gut wie früher vor dem schwedischen Möbelhaus. Eigentlich sollte die Polizei einfach vor der Einfahrt warten: vom Erlös der Protokolle, die sie verteilen würden, könnte man alle Zellengitterstäbe in NRW vergolden lassen.

Der Herr hier hat tatsächlich ein Bündel Dachlatten in einem Fiat 500 transportiert, und zwar so, dass die Dinger schräg nach vorne aus dem Beifahrerfenster ragten. Das hatte etwas von einem ritterlichen Tjost. Klugerweise ist er sehr schnell von der Hauptstrasse in den Seitenstrassen verschwunden.

 

Freitag, 7. September 2018

 

Keule macht Beule

Tourismus im Neandert(h)al

Identitätsstiftendes Grafitti unter der Autobahnbrücke

Dieser Tage war ich noch einmal im Neandertal.
Nein, das ist natürlich keine Sensation, das weiß ich auch! 
Ich besuche das Neandertal eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich war mit meinen Großeltern da, ich war mit meinen Eltern da, ich war mit der Schule da, ich war mit meinem Mann da, ich war mit Kommolitonen da und ich war mit meinen Kindern da. So etwas nennt man wohl einen Tourismusdauerbrenner.
Das Neandertal ist der tatsächliche Fundort des Neandertalers, war aber vorher schon ein beliebtes Ziel für Naturfreunde aus Düsseldorf und Umgebung. Benannt ist es nach dem Reformtheologen Joachim Neander (eigentlich hieß er Neumann, 1650- 1680). Er war 1674 Rektor an der Lateinschule in Düsseldorf und schrieb und komponierte pietistische Kirchenlieder. Bekannt ist der Choral "Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren", ein Evergreen in protestantischen Gottesdiensten. Herr Neander predigte gern in einer Schlucht in der Nähe von Mettmann unter freiem Himmel: voilà, so kam das Neandertal zu seinem Namen. Den behielt es auch, als der Namensgeber 1679 nach Bremen verschwinden mußte, weil er ein bißchen zu enthusiastisch gepredigt hatte.

Der Hund bewundert die Natur

Zu seiner Zeit sah es dort allerdings vollkommen anders aus. Die Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule haben wunderschöne Bilder einer weiten, sanften, bergigen Landschaft gemalt, aber die gab es seit 1849 nicht mehr. Man begann, in wirklich großem Stil Kalkstein abzubauen, schon nach zehn Jahren war das Tal nicht mehr wiederzuerkennen. Dieser Umweltskandal des 19. Jahrhunderts hatte nur einen positiven Nebeneffekt: 1856 fanden zwei italienische Steinbrucharbeiter in der Kleinen Feldhofer Grotte 16 Knochenfragmente, die sie erst verschwinden lassen wollten, aber als sie auch noch ein Schädelstück auftauchte, wurde ihnen mulmig. Der Betreiber des Steinbruchs war gebildet genug, um den Wuppertaler Naturforscher Johann Carl Fuhlrott zu Rate zu ziehen. Fuhlrott war nach seiner Untersuchung davon überzeugt, das Skelett eines Urzeitmenschen gefunden zu haben. Die Veröffentlichung seiner Theorie löste in Deutschland eine wüste Debatte aus, denn in der Wissenschaftswelt tobte gerade der Streit über Darwins Evolutionstheorie. Der arme Fuhlrott wurde diskreditiert und beschimpft; das hörte erst auf, als der Brite Charles Lyell Fuhlrotts Ergebnisse bestätigte.
Also hatte das Neandertal zwar seinen Ruf als Naturerlebnis verloren, war aber jetzt ein Ausflugsziel mit historischem Hintergrund. So kann's gehen mit dem Touismus!

Wisente sind nett und fluffig und immer von Bremsen umsaust, so ein bißchen wie der Saturn mit seinen Monden.

In meiner Kindheit gab es ein unfaßbar schnarchiges Neandertal- Museum, da wollte ich nie hinein. Aber das Wildgehege fand ich super. Seit 1935 werden hier rückgezüchtete Urtiere gehalten, und zwar Tarpane und Wisente. Früher durfte man die sogar streicheln, das gibt es heute selbstverständlich nicht mehr. Trotzdem lieben Kinder die "Auerochsen" mit den riesigen Schädeln und die nett guckenden "Urponys" immer noch. Meine Tochter wollte zu Weihnachten sogar eine Tierpatenschaft für einen Wisent haben: der Betreiber des Wildgeheges bietet so etwas an.

Kennt einer den Film "Hände weg von Mississippi"? Da wird ein Pferd mit einem Haarteil umgestylt, und genauso sehen Tarpane aus.

Das Neanderthal- Museum wurde nach einem Architektenwettbewerb 1993 neu gebaut. Der Entwurf der Architekten Kelp, Krauss und Brandlhuber bekam ein paar Preise -deswegen auch die Ausflüge mit den Architekturstudenten. Das Gebäude ist jetzt sozusagen eine Betonspirale mit Bauglas drum herum und hat eine tolle Atmosphäre. Der didaktische Teil ist vorbildlich und sehr beliebt bei Kindergeburtstagen und Schulausflügen, die Workshops richten sich aber an jüngere Besucher. Eine Klasse meiner Töchter war im sechsten Schuljahr da: sie fanden es langweilig, Schmuck aus Flintsteinen zu basteln. Das läßt übrigens auch Rückschlüsse darauf zu, mit wem man ins Neandertal fahren kann. Kleine Kinder und Erwachsene sind die Zielgruppe, Familienangehörige im Teenageralter schlurfen mit finsteren Minen herum und maulen, wenn das Handy keinen Empfang mehr hat. Ich weiß nicht einmal, ob es einen vernünftiges Snapchat-Logo für das Neandertal gibt.

Das Neanderthal- Museum in seiner ganzen Schönheit

Im und um das Neandertal gibt es ein ausgedehntes Netz an Wanderwegen, z.B. den Neandersteig, was hier in der Gegend ein Garant für vielfältige Wandermöglichkeiten ist. Man kann vom Spaziergang mit Omma und Oppa bis zur Sportwanderung alles machen. Die Wege sind gut ausgeschildert, wer es gerne anspruchsvoller mag, sollte sich trotzdem eine vernünftige Karte besorgen. Menschen mit unbezähmbarem Bewegungsdrang haben die Möglichkeit, hier bergauf und bergab Rad zu fahren, auch da gibt es tolle Wege (so sagt man).
Ich bin an einem sehr heißen Sommertag mit dem Hund im Neandertal unterwegs gewesen. Geparkt habe ich auf dem Parkplatz neben dem AWW- Seniorenheim (ist von der Ausfahrt der A 3 bis zum Neandertal gut ausgeschildert); man kann auch vor dem Museum parken, aber ich wollte ja ein wenig laufen. Von da aus geht es bergauf in Richtung einer kleinen Hofschaft, dann in den Wald und endlich wieder berab zum Wildgehege. Hinter dem Tarpanstall erschrak ich mich beinahe zu Tode: da lag ein Mensch im Mettmanner Bach! Erst als ich mich vorsichtig heranpirschte, konnte ich erkennen, dass es sich um eine Skulptur handelte. Hinter der Brücke klärte mich ein Schild auf: diese Skulptur ist Teil des Kunstweges Neandertal. Merke: wenn man sich von der falschen Seite nähert, muß man von alleine darauf kommen, dass es sich hier nicht um ein Verbrechen, sondern um Kunst handelt.

Der Horror im Bach!

Von da aus ist es nicht weit zum Museum. Am 1. Freitag im Monat kann man ab 14.00 Uhr mit Hund hinein, wenn man einem wissensdurstigen Hund etwas zur Evolution beibringen möchte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es ein sehr schönes Café  mit Galerie und ein ebenso schönes Büdchen (woanders nennt man das wohl Imbiss mit Kiosk), je nachdem, ob man Kuchen oder Pommes auf die Hand möchte. Die eigentliche Fundstelle des Neandertalers ist etwas vom Museum entfernt und nicht ganz so super ausgeschildert. Man kann sich im Museum für den Besuch der wieder neu ausgegrabenen Kleinen Feldhofer Grotte Kopfhörer ausleihen, dann wird der Besuch interessanter. 
Dieser Service wird übrigens auch für den Kunstweg angeboten...

Früher waren Libellen ziemlich selten, bei diesem Spaziergang hat mich eine sogar beinahe umgeflogen.

Nach einer kleinen Pause habe ich den selben Weg zurück genommen. Es war wie schon gesagt ziemlich heiß, der Hund hatte keinen Bock mehr und zu Hause sollte es Gegrilltes geben, das dämpfte meinen Entdeckerdrang für diesen Tag. Ich habe insgesamt etwa zweieinhalb Stunden gebraucht. Für Kinderwagen und Rollatoren ist der Weg, den ich genommen habe, nicht zu empfehlen, dazu ist er teilweise zu steil und stufig, sonst gibt es keine Einschränkungen. 

Hohlweg mit motiviertem Hund

Man kann im Neandertal einen schönen Tag verbringen mit Bewegung für Körper und Geist. 
Was will man mehr?

Ist es noch Information oder schon Werbung?

Sonntag, 29. Juli 2018

 

Schöne neue Welt

Wenn sich ein Stadtviertel verändert



Wenn der Name Düsseldorf fällt, denkt man an Mode und an ein bisschen falschen Glamour- die Königsallee! An Politik natürlich, weil man ja Landeshauptstadt ist. An die Altstadt als längste Theke der Welt, gerade für Junggesellenabschiede ein Klassiker! An die Kunstakademie- Bernd und Hilla Becher, Gursky und die anderen Fotografen der deutschen Sachlichkeit; oder Lüpertz und Immendorf, die neuen alten Wilden. Die Bands Kraftwerk und die Toten Hosen sind beides Düsseldorfer Ikonen. Was einem nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommt, ist das alte Hafengebiet.


Der Düsseldorfer Hafen war immer ein Industriestandort mit Anbindung an die Rheinschiffahrt. Die Wohnungen in der unmittelbaren Nähe bewohnten Menschen, die am Hafen arbeiteten. Aber so nach und nach mussten die Unternehmen im Hafen schliessen, denn wir Mitteleuropäer produzieren ja nichts mehr so kostengünstig selbst, dass wir es auch verkaufen könnten. Mit einem Mal hatte Düsseldorf in unmittelbarer Nähe des Zentrums einen riesigen verwahrlosten Schandfleck. Zur gleichen Zeit boomte die Werbebranche. Also kam man auf die Idee, nach und nach die Industriegebäude durch Büros zu ersetzen. So entstand der Medienhafen Düsseldorf rund um das erste Hafenbecken.


Zwar brach kurz danach die große Blase Werbung ächzend zusammen, aber die Düsseldorfer hatten Glück: Im Medienhafen waren in kurzer Zeit interessante Gebäude mit passender Gastronomie gebaut worden, die größte Attraktion waren und sind die drei Turmgebäude von Frank O. Gehry. Am Wochenende kommen scharenweise Hobbyfotografen nur für den Turm mit der Blechverkleidung. Statt der Belebung durch Menschen, die in den schicken Büros arbeiteten, kamen die Touristen, und das scharenweise. Der Medienhafen brummte so schön, dass sich Investoren für zwei riesige Hotels fanden.
In der Zwischenzeit hatten sich in den kleineren übriggebliebenen Industriegebäuden an den nächsten Hafenbecken Künstler und alternative Eventgastronomie angesiedelt, die ebenfalls ziemlich erfolgreich waren. Leider waren sie nicht finanzstark genug: der Medienhafen machte sich breiter und verdrängte sie. Das erste prominente Opfer war die Strandbar Monkey's Island auf der Landzunge gegenüber des Gehry- Gebäudes. Heute steht dort das Hyatt Regency.


Zur Zeit erlebt die Erweiterung des Medienhafens einen neuen Schub. Das zweite Hafenbecken wird umbaut, wieder mit Bürogebäuden, aber nicht mehr so bekannten Architekten. Dafür sind die Häuser größer. Traditionsreiche Firmen schliessen, ihre Werkshallen werden abgerissen. Heute habe ich gesehen, dass es die Papierfabrik Hermes nicht mehr gibt- als junge Architektin habe ich noch Pläne für die Sanierung einer Halle auf dem Gelände gezeichnet. Offensichtlich ist geplant, das dritte Hafenbecken anzugehen.


Was sich auch verändert hat, ist das Rheinufer an den Hafenbecken. Hier gibt es, man mag es kaum glauben, einen richtigen Sandstrand. Traditionell übernachteten hier im Sommer Leute von Samstag auf Sonntag mit viel Bier und wenig Zelt, das war schon immer so. Jeder Punk, der etwas auf sich hielt, hat sich schon einmal am Sandstrand so richtig die Kante gegeben. Mitunter ging es dabei etwas heftig zu, die Düsseldorfer Obdachlosen hatten eine Zeit lang eine Zeltstadt, an der konnte man nicht vorbei, ohne mit Flaschen beworfen zu werden. Die gibt es auch nicht mehr, da scheint die Stadtverwaltung die Geduld verloren zu haben.


Heute morgen war am Strand eine Yogaschule mit vierzig Teilnehmerinnen und drei Fotografen, die die Yogini beim Sonnengruss im weichen Morgenlicht fotografierten. Ein Beachvolleyballnetz habe ich auch entdeckt. Ich denke nicht, dass die Sylter-Fisch-Gosch-Strandkneipe lange auf sich warten lassen wird. 
Tja, und der Containerhafen? Der letzte Rest davon liegt noch eingebettet zwischen der Erweiterung des Medienhafens und dem öffentlichen Golfplatz an der Lausward, den es allerdings auch schon ewig lange gibt (ausnahmsweise kein Beweis für die fortschreitende Veränderung des Hafens: als der Platz eröffnet wurde, hat hierzulande noch kein Mensch Golf gespielt. Das lag eher an der großen japanischen Kolonie in Düsseldorf, die ihren Sport vermissten.)


Was ich mich allerdings frage: was wird aus den Bürogebäuden, wenn es die Firmen, für die sie errichtet werden, nicht mehr gibt? Und das geht schnell, der erste Bauabschnitt hat schon einen ordentlichen Leerstand. Kommt dann Wohnungsbau für die betuchteren Düsseldorfer? Das alte Wohnviertel am Medienhafen ist nicht nur pickepackevoll, sondern auch rasant teuer. Zum Ausgleich sind die Wohungen ziemlich veraltet. In Köln wird so etwas mit den Brückenhäusern in der Südstadt versucht, allerdings werden die wohl niemals fertig. Kölner mögen das: der Dom ist das beste Beispiel dafür.


Noch ist der Kontrast im Düsseldorfer Hafen zwischen Alt und Neu sichtbar und interessant. Vielleicht bleibt doch noch etwas davon übrig.

Wie man hinkommt: 
Zu Fuß oder mit dem Rad über die erste Fussgängerbrücke an Medienhafen, die mit der dreieckigen Stahlkonstruktion. Mit dem Auto immer Richtung Hamm/ Hafen fahren und nicht in den Medienhafen einbiegen, sondern elegant daran vorbeifahren. Danach muss ein bisschen aufpassen, sich nicht in den Sackgassen an den Hafenbecken zu verfransen. Auf der Bremer Strasse kann man am Wochenende direkt am Rheinstrand parken, da wo die etwas schrottigeren Wohnmobile stehen.




Donnerstag, 26. Juli 2018

 

Hot Town, Summer In The City

Urbansketching unter extremsten Bedingungen

 


Bei uns im Rheinland ist es zur Zeit 37° C heiss, das sind wir nicht gewöhnt. Man kann reden, mit wem man will, alle jammern und stöhnen. So richtig Lust, mich irgendwo hin zu setzen und was Nettes zu zeichnen, habe ich eigentlich nicht. Man klebt am Papier fest, der Hintern verbrennt auf den meisten Untergründen und im Schatten drängen sich die Leute schlimmer als im Freibad. Also sind wieder Gedächtnisleistungen gefragt.
Das hier ist für mich das Lustigste, was ich in diesem Jahr gesehen habe. Vor dem hiesigen Barber Shop warteten heute morgen um 10 vor 9 Uhr jede Menge bärtiger Männer, um sich den Gesichtspullover scheren zu lassen. Bei dieser Hitze ist es vorbei mit der Hipster- Attitüde, da geht's ums Überleben!