Montag, 5. Dezember 2016

Wie ich auf den Hund kam

 

Als Kind wollte ich immer einen Hund haben. Generell waren sowohl mein Vater als auch meine Mutter dagegen. Es gab eine ganz, ganz kurze Phase, als ein Freund meines Vaters wahnsinnig viel Geld für einen reinrassigen Boxer vom Züchter bezahlte und damit Hunde in den Augen meiner Eltern zu einem Statussymbol machte. Da sie sich aber nicht einigen konnten, ob ein Boxer oder ein Dalmatiner stylisher sein würde, wurde zu meiner großen Enttäuschung nichts daraus.


Danach folgten  zwei Hamster namens Peppino I und Peppino II, ein Wellensittich, meine Pferdezeit (ohne eigenes Pferd), eine zugelaufene Katze, die Scheidung meiner Eltern, drei Hunde der zweiten Frau meines Vaters, eine weitere Katze- diesmal vom Bauernhof, neben dem meine Großeltern wohnten -, mein Auszug, das erste Zusammenleben mit meinem Freund (heute Mann), und der Umzug in eine größere Wohung einschließlich Übernahme einer Katze, die nicht mit der Vormieterin nach Frankreich auswandern wollte und deshalb bei uns blieb. Sie war das erste Haustier, das meine Kinder kennen lernten. Als diese Katze wegen der Spätfolgen eines Autounfalls eingeschläfert werden musste, war es irgendwie kalt in der Wohnung. Wir wollten wieder ein Haustier.
Meine jüngere Tochter war damals im Kindergarten dauernd unglücklich. Sie war permanent krank und fand aufgrund einer unfassbar dämlichen Gruppenzusammenstellung keine Freunde dort. Man konnte praktisch zusehen, wie ihr Selbstbewußtsein schwand. Das gab den Ausschlag: ein Hund sollte es sein, der würde ihr helfen! 
Tja, und dann wurde es skurril! Wir lasen Bücher, Zeitschriften und Internetforen, um uns genauestens zu informieren, welcher Hund zu uns passen würde. Auf jeden Fall ein Welpe vom Züchter, hieß es da, kein Tier von jemandem, der nicht in mindestens drei Zuchtverbänden sei. Oder aus dem Tierheim, da säßen wunderbare Hunde ein, die nur darauf warteten, uns glücklich zu machen. Da wir ja alle ein wenig weichherzig sind, versuchten wir es zunächst mit dem Tierheim.
Die meisten der Hunde, die tatsächlich zu vermitteln waren, konnten nicht mit Kindern. Kleine Kinder seien laut, unbeherrscht, zögen die Hunde am Schwanz oder trampelten ihnen ohne Pause auf die Pfoten. Da sei es kein Wunder, wenn die gestressten Tiere auch mal zuschnappen würden; und dann müßten sie zurück in Heim, obwohl sie eigentlich ein echter, aber eben unverstandener Schatz seien! Man konnte manchmal den Eindruck gewinnen, am besten gäben wir die Kinder ab, um uns mit so einem armen Hund beschäftigen zu können. Alternativ könnten wir ja einen netten, gerade frisch gefangenen Rüden aus Griechenland oder der Türkei haben, den man extra für uns einfliegen würde. Wir lehnten dankend ab.
Nun gut, dann eben ein Züchterhund, dachten wir uns. Damit traten wir ein in eine Welt voller abstruser Genetikregeln (ich sage nur " garantiert HD- frei": für alle, die sich damit auskennen!), ellenlanger Wartelisten, merkwürdiger Preispolitik (wieso ist ein schokobrauner Labrador aus dem gleichen Wurf 200 € teurer als sein schwarzes Geschwister?) und einer erstaunlichen Übergriffigkeit seitens der Hundezüchter. Wir wurden taxiert, ausgehorcht und bewertet in einer Weise, für die sich ein Personalchef ruckizucki vor Gericht wiederfinden würde. Einem Herrn, der einen Wurf Tibetterrier abzugeben hatte, sollte ich telefonisch doch tatsächlich, nachdem er erst unsere Bonität bezweifelt hatte, meine Erziehungsphilosophie im Bezug auf meine Kinder erläutern. 
Währenddessen nahmen meine Töchter die Sache selbst in die Hand. Sie entdeckten Internetportale, in denen massenweise Hunde angeboten wurden und fanden auf eigene Faust ihren Traumhund. Da gab es ein Foto von einem schwarzen Mischlingswelpen mit einem blauen Halstuch, darunter stand: "Meine Geschwister sind alle vermittelt, und ich habe mein Köfferchen auch schon gepackt!" Das war's, dieser Hund oder keiner! Natürlich sollte man keinen Welpen unbekannten Ursprungs aus dem Internet kaufen, selbstverständlich widerspricht das allen Regeln des Tierschutzes, und überhaupt... Am nächsten Sonntag fuhr ich mit meiner kleinen Tochter an den Niederrhein, um uns das süße Hundekind nur mal kurz anzusehen. 


Der kleine Hund - ich nenne ihn jetzt der Einfachheit halber direkt Rosi- war gesund, geimpft und hatte ein einwandfreies Sozialverhalten. Ihre Familie bestand neben zwei weiteren Hunden, unzähligen Katzen und zwei Ponies aus den zur Zeit arbeitslosen Eltern und drei Kindern. Eigentlich hatten sie Rosi behalten wollen, doch sie konnten sich noch einen Fresser einfach nicht leisten. Der Mann fragte mich sogar  nach einem Job. Ich wollte Rosi erst eine Woche später abholen, aber das ging nicht, weil der Verkauf vor den Kindern geheimgehalten werden mußte. Also packte ich den kleinen Hund mit ein bißchen Hundefutter (das kein Welpenfutter war, wie sich herausstellte) und einer geliehenen Leine in den Fußraum meines Autos. Wir waren kaum auf der Autobahn, da übergab sie sich das erste Mal. Ich konnte meiner Tochter ansehen, daß sie das Projekt "Hund" noch einmal gründlich überdachte.
Der Name Rosi stammte von den Vorbesitzern, wir fanden ihn so bescheuert, daß wir ihn behielten. Da ich von den Hunden meines Vaters bis dahin nur unmanierliches Verhalten in jeder Form kannte, besuchte ich mit unserem Welpen die Hundeschule. Das war auch gut so, denn Rosi war so niedlich, daß sie allen auf der Nase herumtanzte. Es dauerte mehr als ein Jahr, bis wir uns auf einen für beide befriedigenden Umgang einigen konnten. 

Rosi reißt niemanden um, sie hört auf die meisten Kommandos, fängt keinen Streit mit anderen Hunden an und sie kann ohne Leine laufen, ohne den Wildbestand der Umgebung zu gefährden. Sie döst den halben Tag in ihrer Hundekiste und frißt schneller als ich atmen kann. Seit 8 1/2 Jahren gehe ich mindestens zwei Mal am Tag mit ihr spazieren, und zwar bei jedem Wetter. Sie stürzt sich mit Enthusiasmus in alle erdenklichen Gewässer. Schneeflocken machen sie glücklich. Sie jagt wie eine Besessene Bällen hinterher. Im Frühjahr steckt sie den Kopf in Büsche und Grasbüschel, bis sie sich eine Bindhautentzündung und Zecken an der Nase holt. Sie hält Leberwurst für die Sache, die uns Menschen zu Göttern macht.

Als Welpe hat sie vor Aufregung einen Haufen in die Sportabteilung vom Kaufhof gemacht. In Wyk auf Föhr mußte sie sich bei einem laufenden Kurkonzert übergeben, weil sie zu viel Salzwasser geschluckt hatte. Im Bayrischen Wald büxte sie in einem unbeobachteten Moment aus und rannte hinter den Kindern her über die Skipiste. Sie hat sich hinter einem unbedacht geworfenen Schneeball eine drei Meter hohe Schneewehe hinunter gestürzt, aus der wir sie herausbuddeln mußten. Im Wendland galoppierte sie einen Turm mit Wendeltreppe hinauf, dabei wurde ihr so schwindelig in ihrem pelzigen Hundekopf, daß sie beinahe nicht mehr heruntergekommen wäre. In der Ostseee schwamm sie wegen des Wellengangs einem falschen Mann hinterher; als ich sie am Ende des Strandabschnittes wiederfand, war sie so erleichtert, daß sie praktisch sofort in Tiefschlaf verfiel. Bei einer Firmenfeier spielte sie begeistert mit Fußball und sprang dabei sie auf den Anhänger eines LKWs, von dem sie sich alleine nicht mehr herunter traute. Im Zoo in Gelsenkirchen schnüffelte sie einem Bronzebären am Hintern, weil sie nicht begreifen konnte, daß er nicht echt war.

Sie freundlich und geduldig. Wenn sie sehr tief schläft, träumt sie mit zuckenden Pfoten und quietscht dabei. Morgens macht sie gründliche Dehnübungen, bevor sie mit mir kommt. Sie sieht nicht mehr so gut wie früher, mittlerweile machen ihr Mülltonnen im Dunkeln Angst. Wenn sie im Sommer zu lange in der Sonne liegt, ist sie richtig duselig im Kopf, dann taumelt sie in unsere Wohnung und kühlt ihren Bauch auf den Bodenfliesen. Sie mag Menschen, Eichhörnchen kann sie nicht leiden. Sie liebt es, hinter den Ohren gekrault zu werden. Wenn sie naß ist, sieht sie aus wie eine amerikanischer Seelöwe. Sie frißt alle Krümel unter unserem Küchentisch auf, das fällt uns besonders auf, wenn sie nicht bei uns ist. Dann müssen wir viel mehr fegen. Sie kann sich nicht lange konzentrieren, immer gibt es etwas, das noch spannender ist als das, was sie gerade erst entdeckt hat. Aufdringliche junge Rüden knurrt sie seit ein paar Jahren an: sie ist eine reife Dame und muß sich dieses rüpelhafte Verhalten nicht mehr gefallen lassen. Ihre Haare an der Schnauze sind so grau wie die Schläfen von George Clooney.

Meine Kinder können ihren Kummer in ihr Fell weinen; sie ist auch ihre Verbündete, wenn Mama mal wieder ungerecht zu ihnen ist.

Mein Mann kann mit ihr länger Ball spielen als mit einem Jungen, den er sich vielleicht ab und zu wünscht. 

Mein Schwiegervater verknüpft mittlerweile seine Lebenszeit mit ihrer.

Ohne sie würde ich manchmal nicht aufstehen wollen.

Das alles schreibe ich, weil heute ihr 9. Geburtstag ist:

Herzlichen Glückwunsch, Rosi!





Kommentare:

  1. Das kann ja wohl nicht sein, dass hier noch niemand einen Kommentar hinterlassen hat. Das ist bestimmt die schönste Liebeserklärung an eine Hundedame ever. Ale stille Leserin tummele ich mich ab und an auf Ihrem Blog, der mir sehr gut gefällt. Sie haben einen ganz zauberhaften Schreibstil, und bei der Aussage, dass Sie ohne Rosi manchmal gar nicht aufstehen wollen, hätte ich fast losgeheult. Vielen Dank für die schönen Geschichten sagt Daphnis Elena

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