Dienstag, 11. April 2017

Das Kleid, das ich einer Todsünde verdanke

 

Das sieht erstmal harmlos aus, aber...

 

Keine Angst, so schlimm wie es klingt, wird es nicht: ich habe einfach nur nach einem schmissigen Titel gesucht.

Da es ja so langsam wieder sonnig warm wird, habe ich in meinem Kleiderschrank die Sachen für die schönen Tage von hinten nach vorne geräumt. Dabei bin ich auf dieses Kleid gestossen, das allein für sich gesehen nicht besonders spektakulär ist, aber eine schöne Geschichte hat. Und die geht so:
Im letzten Sommer fand im Nachbarstädtchen ein Stoffmarkt statt. Eigentlich war es viel zu warm, um sich ins Getümmel der Nähbegeisterten zu stürzen, und außerdem war Sonntag... Gegen Mittag wurde es mir im Liegestuhl zu langweilig. Da ich keine Lust hatte, alleine zu fahren, lockte ich meinen Mann damit, dass ich einer Fahrradtour (hasse ich generell mehr als Warzen!) zustimmen würde, wenn ich ein Stoffmarktintermezzo einlegen dürfte. Kompromisse sind ja das Salz jeder Beziehung, daher machten wir uns auf den Weg.
Natürlich raste der Meinige wie ein antibiotikaabgefüllter Tour-de-France-Teilnehmer über unzählige vollkommen überflüssige Umwege Richtung Nachbarstädtchen, während ich mit meinem Nostalgieveloziped schnaufend hinterher strampelte, aber irgendwann hatte ich es überstanden und wir waren am Ziel. Der Stoffmarkt war erstaunlich leer, ich konnte tatsächlich ungestört herumsuchen. An einem Stand aus Holland sah ich bei den Kinderstoffballen ganz unten etwas Türkises. Interessiert pirschte ich näher. Gerade als ich die Hand ausstrecken wollte, um an dem Stoff herumzuzupfen, schnappte eine Frau neben mir zu. Sie zog an dem Ballen wie eine Amsel an einem bockigen Regenwurm. Tja, und ist es zu fassen: just diesen Moment wählte der Meinige, um den Gentleman zu geben! Er half der Frau, den Stoffballen mit dem Stoff, der nicht nur Türkis, sondern auch voller pinker Flamingos war, herauszuziehen.

Flamingos mit falschem Untergrund

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten, was diese Andere mit dem Stoff anfangen würde. Natürlich guckte ich mich unauffällig um, aber es war der einzige Ballen mit diesem Muster. Ich hätte in irgendeinen x-beliebigen Jersey beißen können. Die Andere lief noch ein bißchen auf und ab, den Stoffballen unter dem Arm, während ich mir ausmalte, was ich aus diesem wunderbaren Flamingojersey machen würde, wenn ich ihn nur endlich in die Finger kriegen könnte. Und dann geschah es: Sie kaufte den ganzen gottverdammten Stoffballen!
Gemütszustand
Ich glaube, ich hatte selten an einem so sonnigen Tag solche Gewaltfantasien. In mir blubberte der Neid hoch wie ein Vanillepudding kurz vor dem Überkochen. Das ist übrigens eine der sieben Todsünden, Theologen nennen diese Invidia. Ich wollte schon den Rückzug antreten, da entdeckte ich den Flamingostoff noch einmal. Leider war der Hintergrund nicht türkis, sondern hellgrün. In einer echten Kurzschlusshandlung raffte ich den Ballen an mich und marschierte zur Standinhaberin. Ich wollte 1,70 m bis 2,00 m, das paßt eigentlich immer. Die Verkäuferin rollte den Stoff ab, maß nach und verkündete: "Das sind nur noch 1,40 m!" Ich war mittlerweile so dermaßen nicht mehr zurechnungsfähig, dass ich 1,40 m von einem Stoff kaufte, den ich eigentlich gar nicht haben wollte. Aber ich hatte jetzt Flamingos, so wie die Andere!
Breughel: Invidia
Auf die vorsichtige Frage des Meinigen, was ich denn damit machen wolle, konnte ich keine Antwort mehr geben. Ich nuschelte "Leggings!", und mein Mann, der mich lang genug kennt, um meinen Ausnahmezustand zu registrieren, war klug genug, nicht weiter zu bohren. Natürlich wollte ich keine Leggings nähen. Ich trage keine bunten Beinkleider, dafür habe ich gute Gründe. Vor ein paar Jahren waren Leggings mit Muster schon einmal der Hit. Ich hatte mich so in ein Modell mit der Andy- Warhol- Marylin verliebt, dass ich bereit war, sie trotz des exorbitanten Preises, der dafür aufgerufen wurde, kaufen zu wollen. Doch die Anprobe war eine einzige Ernüchterung: bis kurz unter dem Knie sah Marilyn super aus, aber danach mutierte sie durch die Querdehnung des Stoffes, bis sie am Oberschenkel aussah wie Mao-Tse-Tung. Diese Erfahrung wollte ich mir natürlich bei den Flamingos ersparen.
So sieht das Tier ungedehnt aus...

...und so wäre die Oberschenkelsituation!

Infolgedessen wanderte der Stoff zunächst ins Fehlkaufregal. Drei bis vier Wochen vergingen, bis ich an einem Sonntag mal wieder Langeweile hatte. Irgendwie kratzte es mich, aus den Flamingos etwas zu machen. Plötzlich hatte ich eine Erleuchtung: Die Angabe zur Stoffmenge sind bei Rosa Pe immer recht üppig! Da könnte doch was gehen! Ich legte die Schnitteile so sparsam wie möglich auf meine 1,40 m Jersey. Voilà, es klappte. Ich konnte zwar nur kurze Ärmel machen, das fand ich aber für ein Sommerkleidchen ganz angemessen. Es gelang mir sogar, den Ausschnitt hochziehen, was ich immer gerne mag.

Kurze Ärmel= Sommermodell
Da ich diesen Schnitt schon zwei Mal genäht hatte, waren keine Überraschungen zu erwarten. Ich wußte, dass es passen würde, wenn der Stoff reichte. Die einzige echte Schwierigkeit hier sind die Brustabnäher. Wenn man da etwas zu übereifrig zu Werke geht oder das Material zu dick ist, entstehen Jayne- Mansfield- artige Spitzen. Alles andere ist einfach und gut durchdacht.  Weil ich kleiner Pfennigfuchser immer diese wunderbaren preiswerten dicken Garnrollen in allen möglichen Farben beim Stoffhändler meines Vertrauens erhamstere, hatte ich sogar das richtige Material daheim. Alles lief wie am Schnürchen, das Kleid war ratzfatz fertig.

Das hatte ich mir so was von verdient!

In der leidenschaftslosen Nachbetrachtung bleibt es dabei: Ich mag mein Kleid! Wenn ich wetterbedingt ein bißchen Farbe im Gesicht habe, steht mir das Grün ganz gut; im Winter bin ich zu blaß dafür. Die Flamingos und der dünne Jersey machen ohnehin ein Schönwetterkleid daraus.

 Da soll mal einer sagen, dass man immer für seine Sünden bestraft wird!

Ich geh jetzt Gemüse auf dem Markt kaufen!
Stoff: Mühsam auf dem Stoffmarkt erkämpft








Freitag, 7. April 2017

Archiflop

Alessandro Biamonti

 


Das ist ein Buch über das Scheitern. Weil es auch ein Buch über Architektur ist, geht es um das ganz grosse, grandiose, monumentale Scheitern. 
Der Autor Alessandro Biamonti ist Architekt und Dozent für Design in Mailand. Neben seiner praktischen Arbeit beschäftigt er sich mit der anthropologischen Dimension des Designs. In diesem Buch stellt er spektakuläre Ruinen moderner Architektur vor, die sich über die ganze Welt verteilt finden. Sie sind nach der ursprünglichen Intention ihrer Planer sortiert: "Es werden viele Tausende kommen", "Es wird riesige Gewinne bringen", "Sie werden es nicht bemerken" und "Sie werden sich bestens amüsieren". Nicht eine dieser Überlegungen war wirklich umsetzbar. Entweder die Lage des Objekts war falsch gewählt, das Geld fehlte, der Plan war schon überholt, als er zur Ausführung kam... : Gründe dafür, weshalb aus einem kühnen Traum eine verlassene Ruine wurde, gibt es viele.
Was aber alle Pläne gemeinsam haben, ist der überwältigende Optimismus, mit dem sie angegangen wurden. Darin liegt ihr Charme. Die Investoren und ihre Architekten begannen ihre Visionen mit gigantischem Aufwand zu verwirklichen, die Zeugen ihres Scheiterns sind entsprechend. 
Einige der Objekte sind heute aus dem Grund Sehenswürdigkeiten, weil sie verlassen sind. Viele dienten als Filmkulissen. Ein leerer Vergnügungspark in Japan, die Hauptattraktion eine 45 m lange liegende Gulliverfigur, im Hintergrund der Fuji, in unmittelbarer Nähe eines Waldes, der als zweitbeliebtester Ort für Selbstmörder auf der Welt nach der Golden Gate Bridge zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat: das ist pure Poesie. Eine auf Stahlplattformen im  Kaspischen Meer errichtete Stadt zur Rohölgewinnung, die Strassen zwischen den den Gebäuden zum Teil nicht mehr passierbar: das ist Science Fiction. Ein niemals fertig gestellter Wohn- und Büroturm in Caracas, in dem sich nach und nach 4000 Menschen ansiedeln und eine eigene selbst organisierte Gemeinschaft gründen: das ist soziale Utopie.
Dem Autor geht es aber nicht nur um die pittoresken Bauten. Er beschreibt einen neuen Umgang mit dem Scheitern. Wie gehen wir mit unseren Fehlern und Niederlagen um? Biamonti stellt die These auf, dass wir heute Fehlschläge als Neuanfang und Chance begreifen. Als Beispiel führt er Steve Jobs an. Der hatte 2005 vor Studenten in Stanford in einer Rede darüber gehalten, dass er seinen Erfolg unter anderem auf der Basis seiner Misserfolge erreicht habe. "Bleibt hungrig! Bleibt verrückt!" war sein Fazit. 
Das Buch unterhält und regt zum Nachdenken an. Es macht Mut, etwas zu wagen. Selbst bei einem Scheitern in Dimensionen wie diesen hier ist die Welt nicht untergegangen. Ein italienischer Ingenieur, der in den Siebzigern einen eigenen Staat auf einer Plattform in der Adria mit dem schönen Namen "Rosenrepublik" gründete, die von der Marine geräumt werden musste, als es Italien zu bunt wurde, bezeichnete sein Vorhaben im nachhinein als "Naivitätsdelikt". Aber er hatte es gewagt! Yeah!
Das Design des Buches ist Geschmackssache, das formuliere ich mal vorsichtig. Ärgerlich finde ich allerdings die Qualität der Fotos. Sie sind ziemlich grauslich bearbeitet und viel zu pixelig für das Buchformat. Immerhin gibt man stolze 30 Euro für "Archiflop" aus. Trotzdem ist es nicht nur für Architekten und Designer empfehlenswert.


Alessandro Biamonti
Archiflop
DVA, 2017
ISBN 978-3-421-04053-4
29,90 €


P.S.: Wer sich für eher für Flops im Bereich Literatur interessiert, dem sei dieses Büchlein ans Herz gelegt:


Hier hat Frank T. Zumbach Stories weltbekannter Autoren versammelt, die besser nicht veröffentlicht worden wären. Auch das ist sehr unterhaltsam!
Leider gibt es dieses Büchlein nicht mehr neu zu kaufen, aber antiquarisch wird es immer noch angeboten.

Sonntag, 2. April 2017

Urbansketching

Korkenziehertrasse, Wuppertal- Vohwinkel

 



Letzte Woche Dienstag war es endlich wieder so warm, dass man draussen zeichnen konnte. Ich gehöre nicht zu den Hartgesottenen, die mit Thermohose und Expeditionsjacke auf einem Campingstuhl sitzen können, während ihnen der Wind um die Ohren pfeift. Ich habe es gerne wohltemperiert. Die Zeichnung hier entstand an der Verlängerung der Korkenziehertrasse in Vohwinkel. Früher war das hier die direkte Bummelbahnverbindung zwischen Solingen und Wuppertal. Wegen des Höhenunterschiedes und der mangelhaften Motorenleistung des Bummelbähnchens schraubte sich die Bahnstrecke in Spiralen nach oben wie bei einem Korkenzieher, daher der Name. Die Strecke endete im Wuppertaler Stadtteil Vohwinkel, dem Anfangsbahnhof für die Schwebebahn. Natürlich war das Bummelbähnchen eines Tages unwirtschaftlich und wurde daher abgeschafft. Nach einigem Hin und Her kam anläßlich der Regionale dann die Umnutzung der alten Strecke zu einem heute viel genutzen Fahrradweg.
Während ich also da saß und vor mich hin aquarellierte, trainierte eine Rollstuhlfahrerin mit einem Liegerad, drei kleine Jungs verglichen großspurig ihre Fahrräder miteinander und fielen anschließend in die vertrockneten Brombeerranken, was wildes Wehklagen zur Folge hatte, ein hübscher afrikanischer Junge becircte zwei entzückte Teenagerinnen und ein paar mittelalte Jungs riskierten ihr Leben beim Longboard- Downhill. 
Ach ja, und ich lernte auch gleich wieder, was mich am warmen Wetter so richtig stört: mich biß eine Ameise in den Knöchel. Das juckt heute noch.

Mittwoch, 22. März 2017

BeetleDress

(...klingt irgendwie cooler als Käferkleid)

 

Kleid am Bücherregal

 

Vor drei Wochen kam mein mich liebender Ehemann auf die Idee, zu einem Punkkonzert zu gehen. Dazu muss man wissen, dass er die herausgeschlagene Ecke an einem seiner Schneidezähne dem Pogo bei einem Clash- Konzert verdankt, das er mit siebzehn besucht hat. Er war damals schon über zwei Meter gross, aber ziemlich dünn. Er sprang auf und ab wie ein Wilder, der Typ neben ihm auch, aber leider im genau entgegengesetzten Sprungrhythmus. Also knallte der ihm mit dem Kopf genau unter die Kinnlade. Es ist bezeichnend, dass mein Mann sich die Ecke nie überkronen liess. Auf solche Narben ist man stolz!

Freiburg
Ich war nie so der Punkfan, aber ich gehe gerne zu Konzerten. Natürlich fiel mir zeitgleich mit der Zusage ein, dass ich praktisch nichts Passendes zum Anziehen hatte. Ein neues Kleid mußte her. Ich suchte so ein bißchen herum und fand den Schnitt Chloe (Pattydoo), den ich mir hervorragend mit Dr. Martens und Jeansjacke vorstellen konnte. Ein Blümchenmuster auf schwarzem Grund, das wäre es doch!

Nicht ganz ein Blümchendruck

In meinem bevorzugten Stoffladen gab es keinen schwarzgrundigen Blümchenjersey. Ich wühlte mich wie ein Waschbär in einer Mülltonne durch sämtliche verfügbaren Stoffballen: keine Blümchen! Statt dessen fand ich einen dunkelgrünen Jersey mit verschiedenen Käfern drauf. "Käfer? Ich kann mir doch kein Kleid mit Käfern nähen", sagte meine innere Susanne kopfschüttelnd, während die innere Susi daneben schon aufgeregt herumhopste und "Haben! Haben!" quietschte. Ich drehte sage und schreibe sechs Runden durch den Laden, bis ich mich entschieden hatte. Ich kaufte den Stoff und klatschte mich mit der inneren Susi ab.

Fertiges Kleid mit mir drin

Zuhause zeigte ich ihn zuerst unserem Hund, der bei seinem Anblick wedelte. 
Danach kam mein Mann an die Reihe: "Sieht super aus!" 
Tochter 1:"Bäh, Insekten!" 
Tochter 2:"Wie cool!" 
2,5:1, das ist für mich ein grandioses Ergebnis. Mit gestärktem Selbstvertrauen machte ich mich ans Werk. 
Der Schnitt ist übrigens in Ordnung. Man bekommt ihn als PDF zum Zusammenkleben (seufz!) mit einer recht ausführlichen Beschreibung. Wenn man- so wie ich- die Sache mit den Taschen nicht begreift, gibt es ein anschauliches YouTube- Video. Das Schnittmuster ist einschliesslich der Nahtzugaben, was ich gewöhnungsbedürftig fand, und es gibt massenweise Schnittmarkierungen. Ich kann nur empfehlen, die alle zu übertragen. Man soll das Kleid mit fertigem Oberteil und fertigem Rock in der Taillie in einer Naht zusammennähen, da wird es ohne Markierungen unübersichtlich. Das Kleid ist ziemlich kurz und die Taillie sitzt recht hoch. Ich bin 1,67 m groß, bei mir geht das. Bei größeren Frauen stelle ich mir die Proportionen schwierig vor.

Komplettes Punkkonzertoutfit

Das Käferkleid schmückte mich tatsächlich anläßlich des Konzerts. Es fand im Waldmeister statt, einem Kulturverein der etwas anderen Art in Solingen. Der Verein unterstützt lokale junge Bands, bietet ihnen Proberäume und die Möglichkeit aufzutreten. Die Band, die der Cow Club als Organisator des Konzerts eingeladen hatte, hieß Freiburg und kam verwirrenderweise aus Gütersloh. Ich war selten einer solchen Lautstärke ausgesetzt (manche würde das brutalen Krach nennen)- mein Mann war begeistert.
 
The Cuckoo

Als Vorband traten The Cuckoo auf. Von denen hatte ich noch nie gehört. Es stellte sich heraus, dass alle Bandmitglieder auf die selbe Schule wie meine Töchter gehen. Sie waren erstaunlich gut! Dass sie einen Song über den Englischlehrer meiner älteren Tochter zum Besten gaben, fand ich ziemlich lustig. 
Das Käferkleid ist übrigens konzerttauglich: wenn man nicht weiß, wohin mit seinem Bier, weil man klatschen will, kann man es kurzfristig in eine der großen Taschen stellen. Eine 0,3- Flasche Astra paßt rein!

Schnitt: Chloe/ Pattydoo
 

Donnerstag, 9. März 2017

Dienstag, 7. März 2017

Das Amsterdamkleid

 

Das Amsterdamringelkleid

 Um den Namen dieses Else- Kleides zu erklären, muß ich ein wenig ausholen:

 

(Ich könnte natürlich auch kurz und knackig eine Funktionsbeschreibung liefern so wie: "Schnitt Else mit U- Boot- Ausschnitt, halblangen Ärmeln und Tunnel für ein Bindeband", aber ich bin Rheinländerin. Ich kann das gar nicht. Rein sachliche Berichte abgeben zu müssen verursacht mir körperliche Schmerzen. Das muß man sich so vorstellen, als nötige man einen Hamburger dazu, einen Orden anzunehmen. Wir Rheinländer lieben es, unsere Geschichten so richtig auszuschmücken. Im Gegenzug haben wir die Fähigkeit entwickelt, den weitschweifigen Erzählungen anderer Rheinländer nur halb zuzuhören, aber trotzdem das Wesentliche herauszufiltern. Wir sind dabei immer sehr freundlich, manchmal geradezu enthusiastisch, auch wenn wir uns eigentlich nur gegenseitig im Wortschwall herumstehen, wie Konrad Beikirchner das so schön nennt. Rheinländer sind sozusagen die Labradore unter den Menschen: fröhlich, kontaktfreudig, mit Aufmerksamkeitslücken und total distanzlos.)

Heute frostbeuligerweise mit Strickjacke

Um auf das Kleid zurückzukommen: letzten Sommer war ich mit meinen beiden Mädels in den Ferien für ein paar Tage in Amsterdam. Wir hatten richtig viel Spaß. Meine ältere Tochter formulierte es so: "Das ist so cool hier, die Leute sehen alle aus als hätten sie einen Blog auf Tumblr!" Als Highlight hatten wir einen Besuch im Van- Gogh- Museum gebucht. Als ich mit den beiden die Reise plante, war ich etwas überrascht, als sie unbedingt dahin wollte. Das Anne- Frank- Haus war klar, denn erstens kennen sie das aus dem Deutsch- und Geschichtsunterricht und zweitens kommt es in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" vor. Erst als wir wieder zu Hause waren, fand ich heraus, woher die Begeisterung kam. Es gibt eine Folge über Van Gogh bei "Dr. Who", die so schön und so traurig ist, dass man am Ende in Tränen aufgelöst auf dem Sofa sitzt.
Das Van- Gogh- Museum in Amsterdam ist allerdings auch ohne Tardis unbedingt sehenswert. Wir standen vollkommen überwältigt vor einigen der besten Bilder des Künstlers und kriegten uns über die Leuchtkraft der Farben im Original schier nicht wieder ein.
Unerreichbares Vorbild

Bei der zweiten Runde durch das Museum, als wir unsere Lieblingsbilder noch einmal ansehen wollten, stand auf einmal eine zierliche Japanerin in einem Ringelkleid neben mir. Die war so entzückend, dass es bei mir aussetzte: "Ich will genau so aussehen", schoß es mir durch den Kopf. Ich blendete einfach die Tatsache aus, dass sie und ich uns ungefähr so ähnlich waren wie Eddie Redmayne und Sigmar Gabriel; ich wollte ein Ringelkleid.
Daheim machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Schnitt und noch passenderem Stoff. Bei Else war es der U- Boot- Ausschnitt, der mir gefiel. Die Entscheidung für den Stoff war deutlich schwieriger. Entweder die Ringel waren doof, der Jersey war zu dünn, zu elastisch oder nicht elastisch genug. Erst auf dem Stoffmarkt in Opladen wurde ich fündig. Das Material nannte sich Sommer- Sweat, ich weiß aber nicht mehr, wer ihn produziert hat. Ich schreibe mir so etwas nie auf und Etiketten schmeisse ich grundsätzlich weg. Dann ärgere ich mich, weil ich so einen Stoff nicht noch einmal bekomme- Logik geht anders!

(Ist aber auch so ein Rheinländerin- Phänomen: Kosequenz und schlüssiges Handeln sind nicht unbedingt unsere Stärken.)

Ausschnitt mit Schrägband

Den Ausschnitt habe ich diesmal nicht mit Belegen versehen, sondern mit Schrägband. Ich dachte mir, wenn Armorlux und Muji das so machen, kann das ja nicht total verkehrt sein. Es funktioniert hier auch gut, der Ausschnitt ist weit genug und wird trotzdem ausreichend stabilisiert. Erst wollte ich das Kleid gerade lassen, bei der ersten Anprobe tendierte es optisch aber leider Richtung Nachthemd. Also zog ich auf Hüfthöhe ein Band ein. Das hat jetzt den Vorteil, daß ich es im Winter geschoppt als Hosenkleid tragen kann. Im Sommer darf es dann wieder knielang sein.
Wie zu erwarten war sehe ich damit nicht aus wie die japanische Elfe aus dem Van- Gogh- Museum, ich mag mich aber trotzdem sehr darin.

Wintervariante mit Jeans

Und damit ist auch erklärt, warum es auch ohne Tulpen oder Windmühlen das Amsterdam- Kleid heißt.

Stoff: Stoffmarkt
Link: Me Made Mittwoch

P.S.: Für mich ist die Auseinandersetzung mit dem Feminismus 35 Jahre alt. Immer wieder gibt es jemanden- auffällig häufig in der Presselandschaft der sogenannten Frauenmagazine-, der behauptet, unsere Kleidung sei ein Statement dafür, dass Frauen doch jetzt richtig Selbstbewußtsein haben. Kleidung kann ein Statement sein, aber das Tragen von High Heels bedeutet nicht, dass wir uns endlich emanzipiert haben. Das heißt nur, dass wir gerne hohe Schuhe tragen. Wenn wir aber den gleichen Lohn für gleiche Arbeit und einen adäquaten Anteil von Frauen in Führungspositionen erreicht haben, dann haben wir es geschafft. So leid es mir tut, das ist noch ein weiter Weg. 
 

Freitag, 3. März 2017

Die Leichtigkeit

von Catherine Meurisse

 


Am 7. Januar 2015 überfielen zwei maskierte Terroristen die Redaktion des Satiremagazins Charlie Hebdo. Zwölf Menschen wurden getötet und einige andere verletzt. Catherine Meurisse, eine der Zeichnerinnen, entging dem Anschlag nur, weil sie nach einem Streit mit ihrem Freund den Beginn der Redaktionsbesprechnung verschlafen hatte. Sie hatte einfach vergessen, den Wecker zu stellen. Als sie vor der Redaktion ankam, hörte sie die Schüsse der Angreifer und konnte sich in Sicherheit bringen.
In diesem Buch erzählt und vor allem zeichnet sie über das, was für sie danach geschah. Sie verlor ihre Leichtigkeit, wie sie das nennt, also ihre Fähigkeit, sich durch ihre Kunst auszudrücken. Zwar arbeitete sie an der dem Attentat folgenden Charlie- Hebdo- Ausgabe mit, aber sie spürte schon da, dass sie eigentlich nicht mehr in der Lage war, politische Karikaturen wie bisher zu machen.
Meurisse benötigte ein Jahr, um sich wieder zu finden. Neben Reisen und Gesprächen mit Freunden und Familie war es die Wiederentdeckung der Schönheit in der Kunst, die ihr ihre Sicherheit zurückgab.
In ihrer Graphic Novel ist sie ziemlich ehrlich. Sie versucht weder, aus sich eine Heldin noch ein hilfloses Opfer zu machen. Es gibt auf Seite 65 eine Zeichnung, in der sie Besuch von dem Mann bekommt, der sich vor dem Attentat von ihr getrennt hatte, weil er verheiratet war. Sie zerfließt vor ihm in Tränen mit den Worten: "Ich möchte lebendig sein, wie davor."
Es dauert lange, bis sie begreift, daß es nichts gibt, das den 7. Januar ungeschehen machen kann.
Catherine Meurisse findet sich in der Wiederentdeckung von Kunstwerken, die sie seit ihrer Kindheit kennt. Caravaggio, Bach, Stendhals Reise nach Rom, der Louvre: das sind ihre Rettungsanker. Schönheit und Kultur, die Grundlage unserer Ideen und unserer Kreativität, sind hier das Gegenbild zur Barbarei des Terrorismus.
Als das Attentat auf Charlie Hebdo geschah, war ich zutiefst erschüttert. Es hatte Künstler getroffen, zu denen ich mich irgendwie auch zähle, und unsere Freiheit, zu sagen was uns in den Sinn kommt, auch wenn es manchmal einseitig, verletzend und falsch sein kann. Es gibt eine Liste auf Wikipedia über die terroristischen Anschläge von 2017 an rückwärts, dabei ist der Überfall in Paris bei weitem nicht der schlimmste. Trotzdem war es gerade dieses Tat, die mich am meisten beschäftigte. Ich kann Meurisse verstehen, dass von einem Tag auf den anderen den Glauben an das verlor, was für sie bisher das Wichtigste gewesen war. Ihr Buch über das Wiederfinden ihres Selbstverständnisses ist trotz seiner manchmal schwer zu überlesenden Theatralik auf jeden Fall lesens- und anschauenswert.

Catherine Meurisse
Die Leichtigkeit
(übersetzt von Ulrich Pröfrock)
Carlsen Verlag, Hamburg 2017
ISBN 978-3-551-73424-4
Preis: ca. 20 Euro