Sonntag, 21. Oktober 2018

 

Mal so richtig NICHTS machen

Herbstferien in Neuharlingersiel

 

Die Orte haben richtig lustige Werbeslogans. Hier: Neuharlingersiel- Urlaub mit Stil!

Bei uns war in den letzten Wochen wirklich viel los. Selbstständige wie wir haben immer Theater mit der Firma, die Ältere macht in diesem Schuljahr Abitur, die Jüngere schreibt Tests und Klausuren am laufenden Band. Vor ein paar Wochen ist mein Vater gestorben, den ich seit zehn Jahren nicht mehr gesehen habe: das war alles sehr belastend.

Hafen Neuharlingersiel: dem einen Seemann treten ständig Leute für Fotos in den Hintern

Strandbereich Neuharlingersiel

Als es darum ging, was wir in den Herbstferien machen wollten, waren sich ausnahmsweise alle einig, dass es NICHTS sein sollte. Und wo kann man NICHTS auf ganz hohem Niveau so richtig gut machen? 
Genau: niedersächsische Nordseeküste!

Auch Möwen machen Wattwanderungen.

Wir waren in Neuharlingersiel. Es hätte aber auch gut eins der anderen Siele sein können, wir haben einfach das genommen, wo wir eine Ferienwohnung gefunden haben, die für uns mit Hund passend war. Und was haben wir ein Glück gehabt!

Immer auf dem Deich lang!

Hafen Neuharlingersiel

Davon einmal abgesehen, dass wir einfach bombastisches Wetter hatten (obwohl man sich wirklich fragen muß, ob 26 Grad Mitte Oktober die Regel werden sollten), der Ort ist auch wirklich niedlich. Es gibt einen netten Hafen mit Cafés, Fischbuden und diesen Shops, in denen alles entweder einen Anker hat oder geringelt ist. Bei schlechtem Wetter hätte man das Schwimmbad nutzen können, statt dessen konnten wir wirklich noch an den (sehr kleinen) Sandstrand.

Ganz weit gucken können!

Die Ausflüge hielten sich ebenfalls in beschaulichen Grenzen. Wir waren in Esens und Jever, zwei hübsche kleinere Orte in der Nachbarschaft sozusagen, in Wilhelmshafen und in Bremen. Bremen ist etwa anderthalb Stunden entfernt, das war schon irgendwie zu anstrengend. Da waren wir auch nur, weil eins der Mädels keine 2. Hose mitgenommen hatte und sich weigerte, nur noch mit Joggingbux herumzulaufen.

I love Schillig! Der Ortsslogan ist hier: Schillig- hier chill ich!

Schiffe gucken in Schillig

Schillig, ein paar Kilometer von Neuharlingersiel entfernt, lohnt sich nicht unbedingt wegen des Ortes, sonder weil es dort einen ganz wunderbaren, echten Strand gibt, der so lang ist, dass zwei Kilometer (!) davon als Hundestrand freigegeben sind. Im Ort steht eine neue katholische Kirche mit ausgesprochen anspruchsvoller Architektur, die ich sehr sehenswert finde.

Relaxen in der Sonne

Warum da an einem Abend einsam und verlassen ein Schlauchboot lag, wer weiß?

NICHTS machen hat sich für uns alle als ein Segen erwiesen. Wir waren so entspannt wie schon sehr lange nicht mehr. 

Café an der Hafenausfahrt mit spektakulärer Dachterrasse

Krabben ausladen
Die Fähre nach Spiekeroog geht von hier ab.

Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Der Ort ist für Leute mit Hund einfach nicht zu empfehlen. Unser Ferienwohnungsvermieter war unglaublich nett und war auch auf Hundebesitzer eingerichtet, daran lag es nicht. In Neuharlingersiel dürfen Hunde weder an den Strand, noch auf den Deich davor, noch über den Campingplatz und auch nicht durch den Kurpark. Wir bezahlen aber die volle Kurtaxe.

Abendliche Ruhepause

Wohlgemerkt, ich rede nicht von Deichen mit Schafen und auch nicht vom Kinderspielplatz. Die Strandpromenade ist etwa vier Meter breit und asphaltiert, es gibt eine große Wiese, die für Lenkdrachen freigegeben ist: Naturschutz kann also hier nicht das entscheidende Argument sein, um angeleinte Hunde fernzuhalten. Eigentlich ist man die ganze Zeit damit beschäftigt, irgendwie außen herum zu gehen. In anderen Orten ist man bei weitem nicht so rigoros: warum auch?

Hundestrand in Schillig: sieht aus wie Sylt!

Wenn ihr aber keinen Hund habt, ist in Neuharlingersiel wirklich alles in Ordnung. Gerade für Leute mit kleinen oder mittelgroßen Kindern ist es ideal hier. Fahrradfahrer kommen ebenfalls voll auf ihre Kosten, die Radwege an der ganzen Küste sind Legende. 

Eigentlich sollte sie Auszeitküste heißen.









Sonntag, 30. September 2018

 

Warum ich Frauen in grauen Flanellröcken vertraue

 


Dieser Tage habe ich am Bahnhof eine Frau beobachtet, die einen grauen, wadenlangen Flanellrock an hatte. Ich wette, Ihr alle habt schon einmal so jemanden gesehen: Sie tragen Popeline-Jacken, dunkle blickdichte Strumpfhosen, bequeme Schuhe, randlose oder goldgerahmte Brillen und benutzen kein Makeup. Viele sind grauhaarig, man sieht sie bei kirchlichen Aktivitäten oder sie machen klassische Musik. 
Immer, wenn ich so jemanden sehe, fühle ich mich irgendwie geborgen. Diese Frauen haben auf mich diesselbe Wirkung wie auf andere Leute der Weihnachtsmann. Als ich sie zeichnete, dachte ich darüber nach, warum das eigentlich so ist. 
Und da wurde mir klar, woran das liegt: diese Frauen erinnern mich an meine Tante Ruth.
Tante Ruth war die Frau des Halbbbruders meines Großvaters, also eigentlich meine Großtante, und sie war einer der gütigsten Frauen, den je kennenlernen durfte. 
Bei meiner Tante und ihrem Mann aka Onkel Eugen lebte immer irgendein alter Mensch aus der Verwandtschaft- (Tante Ruth hatte eine große Verwandtschaft)-, der pflegebedürftig war. Damals war es noch nicht so üblich, Omma oder Oppa ins Seniorenheim zu geben, aber die Leute wurden eben trotzdem alt. Wenn sich niemand fand, der sich um sie kümmern wollte, sprang Tante Ruth ein, obwohl das für sie und ihre Familie alles andere als leicht war. Ich werde nie vergessen, als wir den 85. Geburtstag meiner Uroma feierten und plötzlich Tante Hetty im Nachthemd an der Kaffeetafel stand. Tante Ruth brachte sie mit Engelsgeduld einfach wieder zurück ins Bett. Meine Uroma hat übrigens auch bei ihr gelebt; sie hat das stolze Alter von 99 Jahren erreicht.
Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Boat- People, die vietnamesischen Flüchtlinge, die von der Cap Anamur aufgefischt und in Sicherheit gebracht wurden. Eines Tages wohnte bei Tante Ruth ein Vietnamese namens Tan. Er war durch die Vermittlung der evangelischen Gemeinde in ihre Obhut gekommen. Weil Tante Ruth als junges Mädchen während des Krieges zwei Jahre in England gelebt hatte, nahm jeder an, dass sie sich gut mit ihm verständigen können würde. Leider war das ein Trugschluss, denn er sprach weder Deutsch noch Englisch. Tante Ruth fand trotzdem eine Möglichkeit, mit ihm zu kommunizieren. Er blieb etwa ein dreiviertel Jahr, dann kam seine Familie nach und er hatte die Chance, mit ihr ein neues Leben anzufangen. 
Wenn in der Nachbarschaft eine herrenlose, kranke, verletzte Katze gefunden wurde, wurde sie bei Tante Ruth abgegeben. Manchmal waren es bis zu 10 Katzen, die da mitgefüttert wurden. Das war umso bemerkenswerter, weil Tante Ruth und Onkel Eugen auch Schäferhunde aufnahmen, und zwar die Sorte, die sonst keiner mehr haben wollte, weil sie bissig waren. Außerdem hatte Onkel Eugen ein gigantisches Aquarium mit Zierfischen jeder Art, auf das er sehr stolz war. Es ist niemals ein Hund, ein Fisch oder eine Katze zu Schaden gekommen. 
In ihren letzten Jahren hatte Tante Ruth Alzheimer, zum Schluss war es wirklich schlimm. Bei ihrer Pflege bekamen ihr Mann und ihr Sohn Unterstützung von der gesamten Nachbarschaft und ihrer Kirchengemeinde. Da soll mal einer sagen, das mit dem Karma sei vollkommener Blödsinn! Auf ihrer Beerdigung waren bestimmt hundert Leute, mehr als bei dem Begräbnis des Bürgermeisters.
So unscheinbar sie aussah und so leise sie sprach: für mich war sie selbst in meiner schlimmsten pubertären Trotzphase ein Vorbild, denn sie war immer bemüht, anderen Menschen gerecht zu werden und keine Vorurteile zu haben. 
Das war selten in ihrer Generation. 

Sie war ein ganz besonderer Mensch.
 
 


Mittwoch, 12. September 2018

12 von 12

September 2018

1.



Seit zwei Wochen sind hier in NRW die Schulferien vorbei, und meine beiden Teenagerinnen sind jetzt schon wieder urlaubsreif. Entweder sie sind müde, oder sie sind mies gelaunt, oder beides.

2.

 



Mir käme ein Urlaub aber auch recht. Gegenüber von uns wird ein Parkplatz gebaut, zur Zeit bringen sie den Unterbau ein. Es scheint ein Naturgesetz zu sein, dass Verdichtungsgeräte am besten morgens um sieben funktionieren, also hüpft meine Teetasse vor mir auf dem Frühstückstisch herum.

3.

 

Mir fällt ein, dass heute 12 von 12 ist, also packe ich meinen Skizzenkram zusammen, um für alles gerüstet zu sein.

4.

 

Ich habe eine neue Playlist, die ich im Auto höre. Am Samstag war ich in Düsseldorfs schönsten Biergarten, da liefen wunderbare Funk- Songs aus den Achtzigern. Das wollte ich auch! Deswegen höre ich jetzt Kool and the Gang, Stevie Wonder und die Titelmelodie von "Shaft". Wie sagt der Rheinländer: "Hauptsache, et gruuvt!"

5.

 



Vor einem italienischen Café, an dem ich jeden Morgen vorbeikomme, sitzt immer ein Rentner bei Zigarette und Espresso. Er ist jedesmal sehr sorgfältig gekleidet. Am besten gefällt mit, dass er seine Kopfbedeckungen farblich mit seinem Outfit abstimmt. Früher waren es Basecaps, seit einiger Zeit trägt er Borsalino- Hüte in allen Farben. Er sieht ein bisschen aus wie Truman Capote in seinen letzten Jahren. Heute war die Farbe des Tages Rot. 

6.

 



Ich habe eine kleine silberne Tasche ersteigert, die heute geliefert wird. Ich versuche, nicht allzu euphorisch im Büro herumzuhüpfen, nachdem ich sie ausgepackt habe.

7.

 


So, jetzt ist Schluss mit lustig, auch ich muß etwas tun für mein Gehalt. Also geht es über die Baustellen, um zu gucken, ob auch alle tun, was sie sollen. 

8.

 



Unterwegs sehe ich den Dauerläufer. Der ist hier in der Gegend eine lokale Berühmtheit, denn er läuft jeden Morgen ungefähr 30 Kilometer durch die angrenzenden Städte Solingen, Langenfeld, Monheim und Hilden. Das macht er erst, seit er in Rente ist; in seinem früheren Leben war er Kassierer bei einer Bank. Mittlerweile ist er so hager wie eine Mumie, hat sich ein Tatoo zugelegt und wird von örtlichen Sportgeschäften gesponsored. 

9.

 



Nach der Mittagspause fahre ich mit dem Rad in die Stadt, weil eine Versicherung uns eine Rückzahlung per Verrechnungsscheck zugeschickt hat. Das ist natürlich wunderbar old-school, aber ich muß tatsächlich zur Bank, um den Scheck einzureichen. Ich nutze die Gelegenheit, mir einen hellgelben Nagellack zu gönnen.

10.

 



Wo ich schon mal da bin, löse ich meinen Geburtstagsgutschein in der Buchhandlung ein. Meine Mutter schenkt mir das zu jedem Anlaß und hat jedes Mal ein schlechtes Gewissen, weil sie das eigentlich unpersönlich findet. Dabei ist es für mich ein Fest, mir so richtig viel Lesefutter aussuchen zu können.

11.

 


Es nutzt alles nichts, ich muß zum Friseur. Also rufe ich an und mache einen Termin. Meine Lieblingsfriseurin ist vor einem dreiviertel Jahr mit einem Schlaganfall im Laden umgekippt und mußte nach langer Krankheit ihren Laden aufgeben. Seither probiere ich andere Salons aus und bin regelmäßig enttäuscht. Vielleicht wird es dieses Mal der große Wurf.

12.

 



Es ist Fütterungszeit, deswegen wird der Hund aufdringlich. Ich werde das arme Tier jetzt vor dem Hungertod bewahren.




Freitag, 7. September 2018

 

Keule macht Beule

Tourismus im Neandert(h)al

Identitätsstiftendes Grafitti unter der Autobahnbrücke

Dieser Tage war ich noch einmal im Neandertal.
Nein, das ist natürlich keine Sensation, das weiß ich auch! 
Ich besuche das Neandertal eigentlich schon seit meiner Kindheit. Ich war mit meinen Großeltern da, ich war mit meinen Eltern da, ich war mit der Schule da, ich war mit meinem Mann da, ich war mit Kommolitonen da und ich war mit meinen Kindern da. So etwas nennt man wohl einen Tourismusdauerbrenner.
Das Neandertal ist der tatsächliche Fundort des Neandertalers, war aber vorher schon ein beliebtes Ziel für Naturfreunde aus Düsseldorf und Umgebung. Benannt ist es nach dem Reformtheologen Joachim Neander (eigentlich hieß er Neumann, 1650- 1680). Er war 1674 Rektor an der Lateinschule in Düsseldorf und schrieb und komponierte pietistische Kirchenlieder. Bekannt ist der Choral "Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren", ein Evergreen in protestantischen Gottesdiensten. Herr Neander predigte gern in einer Schlucht in der Nähe von Mettmann unter freiem Himmel: voilà, so kam das Neandertal zu seinem Namen. Den behielt es auch, als der Namensgeber 1679 nach Bremen verschwinden mußte, weil er ein bißchen zu enthusiastisch gepredigt hatte.

Der Hund bewundert die Natur

Zu seiner Zeit sah es dort allerdings vollkommen anders aus. Die Landschaftsmaler der Düsseldorfer Schule haben wunderschöne Bilder einer weiten, sanften, bergigen Landschaft gemalt, aber die gab es seit 1849 nicht mehr. Man begann, in wirklich großem Stil Kalkstein abzubauen, schon nach zehn Jahren war das Tal nicht mehr wiederzuerkennen. Dieser Umweltskandal des 19. Jahrhunderts hatte nur einen positiven Nebeneffekt: 1856 fanden zwei italienische Steinbrucharbeiter in der Kleinen Feldhofer Grotte 16 Knochenfragmente, die sie erst verschwinden lassen wollten, aber als sie auch noch ein Schädelstück auftauchte, wurde ihnen mulmig. Der Betreiber des Steinbruchs war gebildet genug, um den Wuppertaler Naturforscher Johann Carl Fuhlrott zu Rate zu ziehen. Fuhlrott war nach seiner Untersuchung davon überzeugt, das Skelett eines Urzeitmenschen gefunden zu haben. Die Veröffentlichung seiner Theorie löste in Deutschland eine wüste Debatte aus, denn in der Wissenschaftswelt tobte gerade der Streit über Darwins Evolutionstheorie. Der arme Fuhlrott wurde diskreditiert und beschimpft; das hörte erst auf, als der Brite Charles Lyell Fuhlrotts Ergebnisse bestätigte.
Also hatte das Neandertal zwar seinen Ruf als Naturerlebnis verloren, war aber jetzt ein Ausflugsziel mit historischem Hintergrund. So kann's gehen mit dem Touismus!

Wisente sind nett und fluffig und immer von Bremsen umsaust, so ein bißchen wie der Saturn mit seinen Monden.

In meiner Kindheit gab es ein unfaßbar schnarchiges Neandertal- Museum, da wollte ich nie hinein. Aber das Wildgehege fand ich super. Seit 1935 werden hier rückgezüchtete Urtiere gehalten, und zwar Tarpane und Wisente. Früher durfte man die sogar streicheln, das gibt es heute selbstverständlich nicht mehr. Trotzdem lieben Kinder die "Auerochsen" mit den riesigen Schädeln und die nett guckenden "Urponys" immer noch. Meine Tochter wollte zu Weihnachten sogar eine Tierpatenschaft für einen Wisent haben: der Betreiber des Wildgeheges bietet so etwas an.

Kennt einer den Film "Hände weg von Mississippi"? Da wird ein Pferd mit einem Haarteil umgestylt, und genauso sehen Tarpane aus.

Das Neanderthal- Museum wurde nach einem Architektenwettbewerb 1993 neu gebaut. Der Entwurf der Architekten Kelp, Krauss und Brandlhuber bekam ein paar Preise -deswegen auch die Ausflüge mit den Architekturstudenten. Das Gebäude ist jetzt sozusagen eine Betonspirale mit Bauglas drum herum und hat eine tolle Atmosphäre. Der didaktische Teil ist vorbildlich und sehr beliebt bei Kindergeburtstagen und Schulausflügen, die Workshops richten sich aber an jüngere Besucher. Eine Klasse meiner Töchter war im sechsten Schuljahr da: sie fanden es langweilig, Schmuck aus Flintsteinen zu basteln. Das läßt übrigens auch Rückschlüsse darauf zu, mit wem man ins Neandertal fahren kann. Kleine Kinder und Erwachsene sind die Zielgruppe, Familienangehörige im Teenageralter schlurfen mit finsteren Minen herum und maulen, wenn das Handy keinen Empfang mehr hat. Ich weiß nicht einmal, ob es einen vernünftiges Snapchat-Logo für das Neandertal gibt.

Das Neanderthal- Museum in seiner ganzen Schönheit

Im und um das Neandertal gibt es ein ausgedehntes Netz an Wanderwegen, z.B. den Neandersteig, was hier in der Gegend ein Garant für vielfältige Wandermöglichkeiten ist. Man kann vom Spaziergang mit Omma und Oppa bis zur Sportwanderung alles machen. Die Wege sind gut ausgeschildert, wer es gerne anspruchsvoller mag, sollte sich trotzdem eine vernünftige Karte besorgen. Menschen mit unbezähmbarem Bewegungsdrang haben die Möglichkeit, hier bergauf und bergab Rad zu fahren, auch da gibt es tolle Wege (so sagt man).
Ich bin an einem sehr heißen Sommertag mit dem Hund im Neandertal unterwegs gewesen. Geparkt habe ich auf dem Parkplatz neben dem AWW- Seniorenheim (ist von der Ausfahrt der A 3 bis zum Neandertal gut ausgeschildert); man kann auch vor dem Museum parken, aber ich wollte ja ein wenig laufen. Von da aus geht es bergauf in Richtung einer kleinen Hofschaft, dann in den Wald und endlich wieder berab zum Wildgehege. Hinter dem Tarpanstall erschrak ich mich beinahe zu Tode: da lag ein Mensch im Mettmanner Bach! Erst als ich mich vorsichtig heranpirschte, konnte ich erkennen, dass es sich um eine Skulptur handelte. Hinter der Brücke klärte mich ein Schild auf: diese Skulptur ist Teil des Kunstweges Neandertal. Merke: wenn man sich von der falschen Seite nähert, muß man von alleine darauf kommen, dass es sich hier nicht um ein Verbrechen, sondern um Kunst handelt.

Der Horror im Bach!

Von da aus ist es nicht weit zum Museum. Am 1. Freitag im Monat kann man ab 14.00 Uhr mit Hund hinein, wenn man einem wissensdurstigen Hund etwas zur Evolution beibringen möchte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gibt es ein sehr schönes Café  mit Galerie und ein ebenso schönes Büdchen (woanders nennt man das wohl Imbiss mit Kiosk), je nachdem, ob man Kuchen oder Pommes auf die Hand möchte. Die eigentliche Fundstelle des Neandertalers ist etwas vom Museum entfernt und nicht ganz so super ausgeschildert. Man kann sich im Museum für den Besuch der wieder neu ausgegrabenen Kleinen Feldhofer Grotte Kopfhörer ausleihen, dann wird der Besuch interessanter. 
Dieser Service wird übrigens auch für den Kunstweg angeboten...

Früher waren Libellen ziemlich selten, bei diesem Spaziergang hat mich eine sogar beinahe umgeflogen.

Nach einer kleinen Pause habe ich den selben Weg zurück genommen. Es war wie schon gesagt ziemlich heiß, der Hund hatte keinen Bock mehr und zu Hause sollte es Gegrilltes geben, das dämpfte meinen Entdeckerdrang für diesen Tag. Ich habe insgesamt etwa zweieinhalb Stunden gebraucht. Für Kinderwagen und Rollatoren ist der Weg, den ich genommen habe, nicht zu empfehlen, dazu ist er teilweise zu steil und stufig, sonst gibt es keine Einschränkungen. 

Hohlweg mit motiviertem Hund

Man kann im Neandertal einen schönen Tag verbringen mit Bewegung für Körper und Geist. 
Was will man mehr?

Ist es noch Information oder schon Werbung?

Sonntag, 29. Juli 2018

 

Schöne neue Welt

Wenn sich ein Stadtviertel verändert



Wenn der Name Düsseldorf fällt, denkt man an Mode und an ein bisschen falschen Glamour- die Königsallee! An Politik natürlich, weil man ja Landeshauptstadt ist. An die Altstadt als längste Theke der Welt, gerade für Junggesellenabschiede ein Klassiker! An die Kunstakademie- Bernd und Hilla Becher, Gursky und die anderen Fotografen der deutschen Sachlichkeit; oder Lüpertz und Immendorf, die neuen alten Wilden. Die Bands Kraftwerk und die Toten Hosen sind beides Düsseldorfer Ikonen. Was einem nicht unbedingt als erstes in den Sinn kommt, ist das alte Hafengebiet.


Der Düsseldorfer Hafen war immer ein Industriestandort mit Anbindung an die Rheinschiffahrt. Die Wohnungen in der unmittelbaren Nähe bewohnten Menschen, die am Hafen arbeiteten. Aber so nach und nach mussten die Unternehmen im Hafen schliessen, denn wir Mitteleuropäer produzieren ja nichts mehr so kostengünstig selbst, dass wir es auch verkaufen könnten. Mit einem Mal hatte Düsseldorf in unmittelbarer Nähe des Zentrums einen riesigen verwahrlosten Schandfleck. Zur gleichen Zeit boomte die Werbebranche. Also kam man auf die Idee, nach und nach die Industriegebäude durch Büros zu ersetzen. So entstand der Medienhafen Düsseldorf rund um das erste Hafenbecken.


Zwar brach kurz danach die große Blase Werbung ächzend zusammen, aber die Düsseldorfer hatten Glück: Im Medienhafen waren in kurzer Zeit interessante Gebäude mit passender Gastronomie gebaut worden, die größte Attraktion waren und sind die drei Turmgebäude von Frank O. Gehry. Am Wochenende kommen scharenweise Hobbyfotografen nur für den Turm mit der Blechverkleidung. Statt der Belebung durch Menschen, die in den schicken Büros arbeiteten, kamen die Touristen, und das scharenweise. Der Medienhafen brummte so schön, dass sich Investoren für zwei riesige Hotels fanden.
In der Zwischenzeit hatten sich in den kleineren übriggebliebenen Industriegebäuden an den nächsten Hafenbecken Künstler und alternative Eventgastronomie angesiedelt, die ebenfalls ziemlich erfolgreich waren. Leider waren sie nicht finanzstark genug: der Medienhafen machte sich breiter und verdrängte sie. Das erste prominente Opfer war die Strandbar Monkey's Island auf der Landzunge gegenüber des Gehry- Gebäudes. Heute steht dort das Hyatt Regency.


Zur Zeit erlebt die Erweiterung des Medienhafens einen neuen Schub. Das zweite Hafenbecken wird umbaut, wieder mit Bürogebäuden, aber nicht mehr so bekannten Architekten. Dafür sind die Häuser größer. Traditionsreiche Firmen schliessen, ihre Werkshallen werden abgerissen. Heute habe ich gesehen, dass es die Papierfabrik Hermes nicht mehr gibt- als junge Architektin habe ich noch Pläne für die Sanierung einer Halle auf dem Gelände gezeichnet. Offensichtlich ist geplant, das dritte Hafenbecken anzugehen.


Was sich auch verändert hat, ist das Rheinufer an den Hafenbecken. Hier gibt es, man mag es kaum glauben, einen richtigen Sandstrand. Traditionell übernachteten hier im Sommer Leute von Samstag auf Sonntag mit viel Bier und wenig Zelt, das war schon immer so. Jeder Punk, der etwas auf sich hielt, hat sich schon einmal am Sandstrand so richtig die Kante gegeben. Mitunter ging es dabei etwas heftig zu, die Düsseldorfer Obdachlosen hatten eine Zeit lang eine Zeltstadt, an der konnte man nicht vorbei, ohne mit Flaschen beworfen zu werden. Die gibt es auch nicht mehr, da scheint die Stadtverwaltung die Geduld verloren zu haben.


Heute morgen war am Strand eine Yogaschule mit vierzig Teilnehmerinnen und drei Fotografen, die die Yogini beim Sonnengruss im weichen Morgenlicht fotografierten. Ein Beachvolleyballnetz habe ich auch entdeckt. Ich denke nicht, dass die Sylter-Fisch-Gosch-Strandkneipe lange auf sich warten lassen wird. 
Tja, und der Containerhafen? Der letzte Rest davon liegt noch eingebettet zwischen der Erweiterung des Medienhafens und dem öffentlichen Golfplatz an der Lausward, den es allerdings auch schon ewig lange gibt (ausnahmsweise kein Beweis für die fortschreitende Veränderung des Hafens: als der Platz eröffnet wurde, hat hierzulande noch kein Mensch Golf gespielt. Das lag eher an der großen japanischen Kolonie in Düsseldorf, die ihren Sport vermissten.)


Was ich mich allerdings frage: was wird aus den Bürogebäuden, wenn es die Firmen, für die sie errichtet werden, nicht mehr gibt? Und das geht schnell, der erste Bauabschnitt hat schon einen ordentlichen Leerstand. Kommt dann Wohnungsbau für die betuchteren Düsseldorfer? Das alte Wohnviertel am Medienhafen ist nicht nur pickepackevoll, sondern auch rasant teuer. Zum Ausgleich sind die Wohungen ziemlich veraltet. In Köln wird so etwas mit den Brückenhäusern in der Südstadt versucht, allerdings werden die wohl niemals fertig. Kölner mögen das: der Dom ist das beste Beispiel dafür.


Noch ist der Kontrast im Düsseldorfer Hafen zwischen Alt und Neu sichtbar und interessant. Vielleicht bleibt doch noch etwas davon übrig.

Wie man hinkommt: 
Zu Fuß oder mit dem Rad über die erste Fussgängerbrücke an Medienhafen, die mit der dreieckigen Stahlkonstruktion. Mit dem Auto immer Richtung Hamm/ Hafen fahren und nicht in den Medienhafen einbiegen, sondern elegant daran vorbeifahren. Danach muss ein bisschen aufpassen, sich nicht in den Sackgassen an den Hafenbecken zu verfransen. Auf der Bremer Strasse kann man am Wochenende direkt am Rheinstrand parken, da wo die etwas schrottigeren Wohnmobile stehen.




Donnerstag, 26. Juli 2018

 

Hot Town, Summer In The City

Urbansketching unter extremsten Bedingungen

 


Bei uns im Rheinland ist es zur Zeit 37° C heiss, das sind wir nicht gewöhnt. Man kann reden, mit wem man will, alle jammern und stöhnen. So richtig Lust, mich irgendwo hin zu setzen und was Nettes zu zeichnen, habe ich eigentlich nicht. Man klebt am Papier fest, der Hintern verbrennt auf den meisten Untergründen und im Schatten drängen sich die Leute schlimmer als im Freibad. Also sind wieder Gedächtnisleistungen gefragt.
Das hier ist für mich das Lustigste, was ich in diesem Jahr gesehen habe. Vor dem hiesigen Barber Shop warteten heute morgen um 10 vor 9 Uhr jede Menge bärtiger Männer, um sich den Gesichtspullover scheren zu lassen. Bei dieser Hitze ist es vorbei mit der Hipster- Attitüde, da geht's ums Überleben!

Mittwoch, 27. Juni 2018

Bruder Klaus und die Maare


Am letzten Wochenende war meine ganze Familie mit Tennis und seinen Nachwirkungen beschäftigt, also packte ich mir meinen Hund in den VW- Bus und machte mich auf den Weg in die Eifel. Das Wetter war trocken, aber nicht zu warm, geradezu ideal für eine nette Wanderung. Meine erste Station waren die Maare bei Gemünd. Wer davon noch nie gehört hat: die Eifel ist vulkanischen Ursprungs, sie gehört heute noch zu den erdbebengefährdeten Regionen in Europa. Die Maare sind Naturseen in den Kratern der erloschenen Vulkane. Sie sind z.T. bis zu achzig Metern tief, deshalb ist das Wasser auch dermaßen kalt, dass nur abgehärtete Wikingernachfahren darin schwimmen gehen. 


So wie die beiden oben. Am Gemündener Maar, das mit seinen siebenunddreißig Metern richtiggehend flach ist, gibt es ein kleines Freibad. Die beiden Frauen allerdings sind genau auf anderen Seite ins Wasser gegangen, diese Revoluzzerinnen! Die versammelte Touristenmeute war not amused. Wer da nicht alles zum engagierten Naturschützer wurde, nur weil er die beiden beim Überteten eines Verbotes erwischt hat, das hat mich schon ziemlich irritiert.



Zum Wandern war das toll hier. Es ging durch Wald und über Felder, ich bin z.B. zu meinem Erstaunen am Skilift des Skiclubs Daun vorbeigekommen. Mir war allerdings nicht klar, dass die Maare auf unterschiedlichen Höheneben liegen, Krater nebeneinanderliegender Vulkane eben. Um von einem zum anderen zu wandern, muss man gehörig klettern, was mein Hund und ich ziemlich schweißtreibend fanden. Da ich mich inmitten einer Ziegenherde (keine rühmliche Geschichte, daher erzähle ich sie auch nicht) nach allen Regeln der Kunst auf die Klappe gelegt hatte, war ich froh, als ich wieder zum Auto zurückgehumpelt war. 
Nach einem kurzen Mittagspäuschen machte ich mich auf den Weg nach Mechernich. Der Ort ist wahrscheinlich bekannter durch die Burg Satzvey und die dort stattfindenden Ritterspiele, ich wollte aber zu einem kleinen architektonischen Wunder in den Feldern von Wachendorf.
Vor ein paar Jahren baute der wirklich weltberühmte Architekt Peter Zumthor für das Erzbistum Köln das Diözesanmuseum um. Etwa in dieser Zeit wollte die in Mechernich ansässige Familie Scheidtweiler aus persönlichen Gründen für den Heiligen Nikolaus von Flüe (auch Bruder Klaus) eine Kapelle errichten lassen. Wie auch immer der Kontakt zustande kam und warum Zumthor den Auftrag annahm, auf jeden Fall entwarf er ein wunderbares, außergewöhnliches Gebäude, das mit Hilfe von ortsansässigen Handwerker realisiert werden konnte.


Die Konstruktion ist so einfach wie genial. Zuerst errichtete man aus 102 Fichtenstämmen eine Art Zelt als Innenraum, dann wurde die Hülle aus Stampfbeton außen herum hergestellt. Die Fichtenstämme und die Betonschalung waren durch Stahlrohre miteinander verbunden. Nachdem der Beton abgebunden hatte, zündete man die Holzstämme im Inneren wie bei einem Köhlerfeuer an, um sie drei Wochen durchglühen zu lassen. Danach ließen sie sich leicht vom Beton trennen. Die dadurch entstandene Struktur des Innenraumes sieht man bei dem Foto oben. Die Stahlrohre, die von außen nach innen durchgehen, wurden durch kugelrunde Glaspfropfen verschlossen. das wirkt wie unter dem Himmelszelt! Ich habe im Innenraum keine Bilder gemacht, denn schließlich ist die Kapelle eine Andachtsort, das sollte man respektieren.



Also Fremder, der du in die Eifel kommst: hier gibt es viel mehr zu sehen als den alles beherrschenden Nürburgring!

Bruder Klaus Kapelle
Iversheimer Strasse, 53894 Mechernich

Maarstraße, 54550 Daun- Gemünden