Sonntag, 20. November 2016

Try and Error

WKSA 2016

Der erste Schritt ist getan: der Alltagskarl ist fertig. 


Das war keine leichte Geburt, wie meine Omma so schön sagt. Ihr erinnert euch vielleicht, daß ich mich auf den Weg ins Stoffgeschäft machen wollte. Mein Mann, der sich normalerweise aus meinen Hobbies heraushält, erklärte sich mit leuchtenden Augen bereit, mich zu begleiten. Warum er das tat? Ist mir bis heute ein Rätsel! Jedenfalls kam er mit, redete mir den dunkelgrauen Sweat aus, in dem ich vielleicht wirklich etwas Fräulein- Rottenmeieresk gewirkt hätte, verhinderte den Kauf eines schokoladenbraunen Stoffes ("Willst du aussehen wie Bruder William in der Name der Rose?") und entdeckte einen grauen French Terry, den ich dann auch kaufte. So weit, so gut.
Was ich nicht auf dem Schirm hatte: der French Terry fühlt sich zwar toll an, fällt schön und ist super zu verarbeiten, aber leider nicht sehr dehnbar. Als ich mit dem Zuschneiden anfing, stolperte ich in der Anleitung zu Karl über einen kleinen Passus, in dem etwas von 60 % Dehnung stand. Hmm, dachte ich, könnte knapp werden! Da ich aber Optimist bin und außerdem aufgrund meiner Erfahrung mit Statikern immer von Sicherheitszuschlägen astronomischen Ausmaßes ausgehe, schnitt ich meinen Stoff zu und begann zu nähen.

Es kam, wie es kommen musste: Der Rollkragen war zu eng und außerdem zu lang. Ich bekam den Kopf nicht durch das vermaledeite Ding. Wutentbrannt schnitt ich ca. 5 cm ab, würgte mich wieder durch den Schlauch und riß mir beinahe die Ohren ab. Nachdem ich mich unter Fluchen- wie- ein- Piratenpapagei wieder befreit hatte, schmiss ich den doofen Karl auf die Küchenbank und ging mit dem Hund spazieren, denn unser Hund weiß die Antwort auf alle Fragen. Als ich zurückkam, war mein Kampfgeist wieder erwacht. Ich reparierte den Kragen und vollendete mein Werk.

Alles in allem finde ich den Schnitt ganz gut. Der Kragen wäre auch mit einem elastischeren Stoff für mich zu eng, da ich offensichtlich einen ziemlichen dicken Kopf und einen Hals wie der amtierende schottische Meister im Baumstammwerfen habe. Ich habe zwei Taschen gemacht, das sieht auch gut aus. In der Länge kann man, wenn die Taschen schon auf dem Kleid sind (was man laut Anleitung zuerst machen soll) nicht mehr viel variieren, denn dann vermasselt man die Proportionen des Schnitts, da die Tasche(n) ziemlich tief sitzen. Also geht das Karlchen bei mir bis etwas unterhalb der Wade. Der Schnitt ist für eine durchschnittliche Körpergröße von 1,72 m geplant, ich bin 5 cm kleiner. Meiner Ansicht nach sieht man das.

Was die Weihnachtstauglichkeit angeht: bequem ist das Kleid auf jeden Fall. Ob ich damit Rad fahren kann, kann ich heute nicht testen, denn hier ist es so windig, daß ich auch in einer Sporthose vom Fahrrad geweht werden würde. Ich finde es eigentlich auch schön, meinem Mann gefällt's auch (muß er ja sagen, er hat den Stoff ausgesucht). Ich müßte auf jeden Fall den Kragen weiter und kürzer machen, eventuell kürze ich das Karlchen auch. Seiteneingrifftaschen wären dann ein Alternative. Bei der Farbe bin ich noch unentschlossen.
Ich hatte ja mal über einen Stoff wie die Tapete in der Baker Street 221 B nachgedacht (bei buttinette gibt es so etwas Ähnliches sogar), aber ich glaube, damit wirke ich noch exzentrischer als ich das ohnehin schon tue. Das beswingte Fräulein macht mir schon seit einiger Zeit den Hals mit den schönsten Kleidungsstücken in Lila lang... oder ich bleibe bei Schwarz?
 (Die Fotos von mir hat meine jüngere Tochter heute morgen gemacht, da mein Mann gerade 1,5 kg Äpfel für einen Kuchen in feine Scheiben schneidet und verständlicherweise nicht ansprechbar ist.)

Verlinkt mit: Me Made Mittwoch


Sonntag, 13. November 2016

Gib Weihnachten eine Chance

oder auch: WKSA 2016




Dieses Jahr sind wir zum ersten Mal seit langer Zeit Weihnachten wieder zu Hause. Ein paar Jahre lang haben wir uns- und das mit voller Absicht- dem familiären Festagswahn entzogen, indem wir in die Schweiz oder nach Österrreich in den Skiferien verabschiedet haben. Ich mag Weihnachten eigentlich, aber was daraus entstanden ist seit wir Kinder haben, das kann ich gar nicht leiden. Jetzt liegt Heiligabend dieses Mal aber wirklich ungünstig, unsere übliche Hundebetreuung klappt nicht und meine jüngere Tochter lehnt es im Rahmen der Pubertät vehement ab, sich noch ein einziges Mal auf Skier zu stellen. Also gut, dachte ich mir: Gib Weihnachten eine neue Chance! 
Ich finde es schön, für diesen Anlass etwas Besonderes zu tragen. Allerdings sollte es zum Herumlümmeln geeignet sein, denn erstens isst man grundsätzlich unglaubliche Mengen, zweitens sitzt man ziemlich viel herum und drittens haut man sich, wenn die Gäste weg sind, aufs Sofa und guckt "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel". Ausserdem ist die Vorweihnachtszeit auch die Zeit der Musikschulvorspiele und diverser Weihnachtsfeiern- wer einmal mit zu engem Rockbund zwei Stunden Kindern verschiedenen Talents am Klavier zugehört hat, weiß was wahre Folter ist. Außerdem muß die Keidung fahrradtauglich sein, denn ich gehöre nicht zu den Wagemutigen, die in der Vorweihnachtszeit nach ein paar Gläsern Rotwein mit dem Auto fahren und hoffen, daß die Polizei nicht weiß, daß überall Firmenweihnachtsfeiern sind.

An dieser Stelle kommt das Schnittmuster Karl von schneidernmeistern ins Spiel. Ich habe es zufällig entdeckt, und ich finde, es könnte das gewisse Etwas haben. Es wirkt ein bißchen edgy und es sieht bequem aus. Ob ich damit Rad fahren kann, wird sich herausstellen. Außerdem scheint es möglich zu sein, in dem Kleid nicht zu frieren (unsere Kirche hier ist die reinste Eishölle). Ein weiterer, für mich nicht zu unterschätzender Vorteil ist die Tatsache, daß es einfach herzustellen ist. Ich bin nicht sehr geduldig, um es mal vorsichtig auszudrücken. Ich nähe zwar ab und zu gerne etwas für mich, das darf aber nicht zu aufwändig sein, sonst macht es mir keinen Spaß mehr.
Um zu testen, ob das Kleid tatsächlich auch festtauglich ist, habe ich mir einen Plan zurechtgelegt. Ich werde das Kleid einmal in einem Stoff nähen, den man im Alltag tragen kann. Ich dachte an einen dunkelgrauen Sweat oder so etwas. Wenn das alles so aussieht, wie ich mir das vorstelle (und ich damit auch nicht vom Rad kippe), kann es weitergehen. Der hohe Kragen könnte zum Problem werden, denn wenn der am Hals Engegefühl verursacht, hat es sich ausgekarlt. Mir schweben ebenfalls zwei Taschen statt einer vor, weil ich ja auch zwei Hände habe. Wenn die eine eine Tasche zum verstecken hat, wird die andere Hand neidisch und will auch eine. Außerdem möchte ich wissen, ob das Kleid wirklich edgy aussieht oder ob es eine Art jogginghosenartiger Schlauch ist. Ich stelle mir mich in dem ersten Kleid so wie auf der Zeichnung links vor, cool eben!
Sollte das alles so über die Bühne gehen, wie ich mir das hier so schön ausmale, suche ich mir eine richtig tollen, teuren Stoff aus und haue dann einen Festkarl raus. Ich dachte an Elektrischblau oder -lila, irgendwas sehr Schwarzes, weihnachtliches Dunkelrot oder Dunkelgrün könnte auch sein. Wenn mich richtig der Hafer sticht, käme sogar Silberglitzer in Betracht.
Der Rest ist dann nur noch eine Frage der Accessoires. Den Schnitt habe ich bereits gekauft und ich habe ihn ausplotten lassen, weil ich diese Kleberei von Einzelblättern verabscheue. Gleich mache ich mich auf zum Stoffladen, um den Sweat für das Testkleid zu besorgen. Wünscht mir Glück und Durchhaltevermögen (das wünsche ich euch auch)!

Verlinkt mit: Me Made Mittwoch


Freitag, 11. November 2016

All my friends are glorious,

tonight we are victorius

Vor ein paar Monaten kam mein ältestes Töchterchen ganz aufgeregt in die Küche gestürmt: "Ich habe auf Tumblr gelesen, daß Panic at the Disco nach Köln kommen! Mamma!" Panik in einer Disco? Und das grosse E. will dahin? Mein kleiner Büchernerd? 
Also wurde Überzeugungsarbeit geleistet. Jedes Mal, wenn ich sie zum Volleyball fuhr, wurde ich mit "Death of a Bachelor" beschallt. (Glaubt mir, wenn man die CD nicht kennt und nicht die Kontrolle über den Laustärkeregler des Autoradios hat, erschickt man am Anfang von "Victorious" so heftig, daß man beinahe in den Zaun des Nachbarn fährt.) Aber nach ein paar Mal Hören gefiel mir die Musik, vor allem "Crazy equs Genius" fand ich super. Ich mußte allerdings googlen, daß ein arsonist ein Brandstifter ist und nicht das, was ich mir in meinem verdorbenen Hirn so gedacht hatte. Also bestellte ich Karten für das Kölner Konzert.
Gestern war dann der große Tag. Wir fuhren zum Palladium, fanden einen Parkplatz (sic!) und mischten uns unters Partyvolk. Ich war nicht die einzige ältere Dame unter vielen Teenies, wie ich zunächst geargwöhnt hatte. Da waren eine Amerikanerin meines Alters mit ihren drei Töchtern, die alle vier entschlossene Fans waren, oder eine Mutter mit ihrer Tochter, die offentsichtlich den Auftrag hatte, so viel wie möglich vom Konzert mit dem Handy zu filmen. Die Frau muss vorher ihren kompletten Speicher gelöscht haben; so weit kann die Liebe einer Mama gehen!
Die Vorband mühte sich redlich, wie Vorbands das so tun; anschliessend gab es eine ziemlich lange Umbaupause. Aber als Panic at the Disco anfingen, ging praktisch ab der ersten Sekunde die Post ab. Es war laut, es war frenetisch, es war toll! Die Fans der Band kannten jeden Liedtext, und sie schmetterten mit als ob ihr Leben davon abhinge. Es wurde wie wild getanzt! Wenn Brendon Urie, der übrigens eine beeindruckend klare und laute Stimme hat, einen seiner hohen Schreie von sich gab, fielen alle beinahe in Ohnmacht. Für mich war ein echtes Highlight das Cover von "Bohemian Rhapsody", das für den Film Suicide Squat entstanden ist, "Golden Days" und "This is Gospel", das ich vorher noch nicht kannte. Aber der absolute Kracher kam zum Schluss: Der letzte Song war "Glorious" und als der Refrain zum letzte Mal gespielt wurde, krachten rechts und links der Bühne zwei Konfettikanonen mit Goldglitzerkram. Das muß man erst mal in einem doch recht kleinen Saal wie dem Palladium raushauen.
Mein vollkommen euphorisches Kind kaufte noch ein Bandshirt, liess sich von mir nach Hause fahren und bekam nachts die Augen nicht zu. Sie trägt heute Augenringe wie ein Waschbär zum Panic at the Disco- Shirt. Aber egal! Wie sagte schon der grosse R.W. Fassbinder:"Schlafen kann ich, wenn ich tot bin."
Es war ein richtig cooler Abend mit meiner Fünfzehnjährigen; zum nächsten Konzert wird sie wohl ohne mich fahren. Dann muss ich eben alleine kreischen!



Freitag, 4. November 2016

Was sich in naher Zukunft ändern wird

Ich erlebe gerade nicht zum ersten Mal in meinem Erwachsenendasein, daß sich meine Lebensumstände grundlegend verändern. Wenn man jung ist, zur Schule geht, eine Ausbildung macht, studiert, irgendeinen Abschluss erwirbt, sich das erste, zweite, dritte Mal verliebt, sind Veränderungen an der Tagesordnung. Trotzdem scheint alles wahnsinnig langsam voranzugehen. Doch irgendwann ändert sich das. Man ergreift einen Beruf, den man längerfristig ausüben wird - bei mir war es Architektin; man bindet sich fest an jemanden mit dem Ziel, diese Beziehung zu bewahren- ich habe geheiratet. Dann kamen die beiden Kinder, ich gab meinen eigentlichen Beruf auf und arbeitete halbtags. Mein Mann gründete seine Firma, ich unterstützte ihn dabei. Ich wurde zu einer Mutter mit kleinen Töchtern. der Tagesablauf war von Arbeit, Kindergarten, Grundschule, Sport- und Musikunterricht für die Mädels und Hausarbeit bestimmt. Wir fuhren an die Nordsee in den Urlaub, weil das einfach und auch schön für uns als Familie war. Wir kauften uns einen Hund. Ich zeichnete und fotografierte nur noch so für mich, für Ausstellungen blieb keine Zeit mehr. Das hört sich jetzt irgendwie traurig an, doch so war es für mich nicht. Mir und den Meinen ging es gut so.
Seit Anfang dieses Jahres bemerke ich eine Veränderung. Meine Töchter sind 15 und 13 Jahre alt, die ältere besucht jetzt die Oberstufe. Sie sind keine Kinder mehr, das wird mir immer klarer. Natürlich freut es mich für sie, daß sie ihre Persönlichkeiten voll entfalten; gleichzeitig macht es mich ein bißchen wehmütig. Im Mai am Muttertag habe ich mir gewünscht, für einen Tag nach Greetsiel zu fahren, dem Inbegriff der Harmlosigkeit. Da habe ich von dem Kinderzeitabschnitt für mich Abschied genommen. Das habe ich natürlich keinem gesagt, meine Familie hält mich bei sentimentalen Aufwallungen gerne für peinlich. Doch ich hatte das Gefühl, genau das zu brauchen. An einem Souvenirstand habe ich mir so ein regenbogenbuntes Freundschatfsarmbändchen gekauft, das trage ich seitdem jeden Tag. 
Ich merke allerdings auch, daß ich mehr Freiraum habe für das, was ich mag. Fotografie, Zeichnen, Konzerte besuchen, ins Kino gehen und- mehr Zeit mit meinem Mann verbringen. Man verliert sich immer so ein bißchen über die Zeit, das bleibt nicht aus, denke ich. In diesem Sommer waren wir zum Beispiel ein paar Mal mit dem Motorrad unterwegs. Ich bin seit mehr als zehn Jahren nicht mehr gefahren, das war schon komisch nach der langen Zeit. 
Kurzum: es beginnt also ein neuer Lebensabschnitt für mich.