Dienstag, 11. April 2017

Das Kleid, das ich einer Todsünde verdanke

 

Das sieht erstmal harmlos aus, aber...

 

Keine Angst, so schlimm wie es klingt, wird es nicht: ich habe einfach nur nach einem schmissigen Titel gesucht.

Da es ja so langsam wieder sonnig warm wird, habe ich in meinem Kleiderschrank die Sachen für die schönen Tage von hinten nach vorne geräumt. Dabei bin ich auf dieses Kleid gestossen, das allein für sich gesehen nicht besonders spektakulär ist, aber eine schöne Geschichte hat. Und die geht so:
Im letzten Sommer fand im Nachbarstädtchen ein Stoffmarkt statt. Eigentlich war es viel zu warm, um sich ins Getümmel der Nähbegeisterten zu stürzen, und außerdem war Sonntag... Gegen Mittag wurde es mir im Liegestuhl zu langweilig. Da ich keine Lust hatte, alleine zu fahren, lockte ich meinen Mann damit, dass ich einer Fahrradtour (hasse ich generell mehr als Warzen!) zustimmen würde, wenn ich ein Stoffmarktintermezzo einlegen dürfte. Kompromisse sind ja das Salz jeder Beziehung, daher machten wir uns auf den Weg.
Natürlich raste der Meinige wie ein antibiotikaabgefüllter Tour-de-France-Teilnehmer über unzählige vollkommen überflüssige Umwege Richtung Nachbarstädtchen, während ich mit meinem Nostalgieveloziped schnaufend hinterher strampelte, aber irgendwann hatte ich es überstanden und wir waren am Ziel. Der Stoffmarkt war erstaunlich leer, ich konnte tatsächlich ungestört herumsuchen. An einem Stand aus Holland sah ich bei den Kinderstoffballen ganz unten etwas Türkises. Interessiert pirschte ich näher. Gerade als ich die Hand ausstrecken wollte, um an dem Stoff herumzuzupfen, schnappte eine Frau neben mir zu. Sie zog an dem Ballen wie eine Amsel an einem bockigen Regenwurm. Tja, und ist es zu fassen: just diesen Moment wählte der Meinige, um den Gentleman zu geben! Er half der Frau, den Stoffballen mit dem Stoff, der nicht nur Türkis, sondern auch voller pinker Flamingos war, herauszuziehen.

Flamingos mit falschem Untergrund

Es blieb mir also nichts anderes übrig, als abzuwarten, was diese Andere mit dem Stoff anfangen würde. Natürlich guckte ich mich unauffällig um, aber es war der einzige Ballen mit diesem Muster. Ich hätte in irgendeinen x-beliebigen Jersey beißen können. Die Andere lief noch ein bißchen auf und ab, den Stoffballen unter dem Arm, während ich mir ausmalte, was ich aus diesem wunderbaren Flamingojersey machen würde, wenn ich ihn nur endlich in die Finger kriegen könnte. Und dann geschah es: Sie kaufte den ganzen gottverdammten Stoffballen!
Gemütszustand
Ich glaube, ich hatte selten an einem so sonnigen Tag solche Gewaltfantasien. In mir blubberte der Neid hoch wie ein Vanillepudding kurz vor dem Überkochen. Das ist übrigens eine der sieben Todsünden, Theologen nennen diese Invidia. Ich wollte schon den Rückzug antreten, da entdeckte ich den Flamingostoff noch einmal. Leider war der Hintergrund nicht türkis, sondern hellgrün. In einer echten Kurzschlusshandlung raffte ich den Ballen an mich und marschierte zur Standinhaberin. Ich wollte 1,70 m bis 2,00 m, das paßt eigentlich immer. Die Verkäuferin rollte den Stoff ab, maß nach und verkündete: "Das sind nur noch 1,40 m!" Ich war mittlerweile so dermaßen nicht mehr zurechnungsfähig, dass ich 1,40 m von einem Stoff kaufte, den ich eigentlich gar nicht haben wollte. Aber ich hatte jetzt Flamingos, so wie die Andere!
Breughel: Invidia
Auf die vorsichtige Frage des Meinigen, was ich denn damit machen wolle, konnte ich keine Antwort mehr geben. Ich nuschelte "Leggings!", und mein Mann, der mich lang genug kennt, um meinen Ausnahmezustand zu registrieren, war klug genug, nicht weiter zu bohren. Natürlich wollte ich keine Leggings nähen. Ich trage keine bunten Beinkleider, dafür habe ich gute Gründe. Vor ein paar Jahren waren Leggings mit Muster schon einmal der Hit. Ich hatte mich so in ein Modell mit der Andy- Warhol- Marylin verliebt, dass ich bereit war, sie trotz des exorbitanten Preises, der dafür aufgerufen wurde, kaufen zu wollen. Doch die Anprobe war eine einzige Ernüchterung: bis kurz unter dem Knie sah Marilyn super aus, aber danach mutierte sie durch die Querdehnung des Stoffes, bis sie am Oberschenkel aussah wie Mao-Tse-Tung. Diese Erfahrung wollte ich mir natürlich bei den Flamingos ersparen.
So sieht das Tier ungedehnt aus...

...und so wäre die Oberschenkelsituation!

Infolgedessen wanderte der Stoff zunächst ins Fehlkaufregal. Drei bis vier Wochen vergingen, bis ich an einem Sonntag mal wieder Langeweile hatte. Irgendwie kratzte es mich, aus den Flamingos etwas zu machen. Plötzlich hatte ich eine Erleuchtung: Die Angabe zur Stoffmenge sind bei Rosa Pe immer recht üppig! Da könnte doch was gehen! Ich legte die Schnitteile so sparsam wie möglich auf meine 1,40 m Jersey. Voilà, es klappte. Ich konnte zwar nur kurze Ärmel machen, das fand ich aber für ein Sommerkleidchen ganz angemessen. Es gelang mir sogar, den Ausschnitt hochziehen, was ich immer gerne mag.

Kurze Ärmel= Sommermodell
Da ich diesen Schnitt schon zwei Mal genäht hatte, waren keine Überraschungen zu erwarten. Ich wußte, dass es passen würde, wenn der Stoff reichte. Die einzige echte Schwierigkeit hier sind die Brustabnäher. Wenn man da etwas zu übereifrig zu Werke geht oder das Material zu dick ist, entstehen Jayne- Mansfield- artige Spitzen. Alles andere ist einfach und gut durchdacht.  Weil ich kleiner Pfennigfuchser immer diese wunderbaren preiswerten dicken Garnrollen in allen möglichen Farben beim Stoffhändler meines Vertrauens erhamstere, hatte ich sogar das richtige Material daheim. Alles lief wie am Schnürchen, das Kleid war ratzfatz fertig.

Das hatte ich mir so was von verdient!

In der leidenschaftslosen Nachbetrachtung bleibt es dabei: Ich mag mein Kleid! Wenn ich wetterbedingt ein bißchen Farbe im Gesicht habe, steht mir das Grün ganz gut; im Winter bin ich zu blaß dafür. Die Flamingos und der dünne Jersey machen ohnehin ein Schönwetterkleid daraus.

 Da soll mal einer sagen, dass man immer für seine Sünden bestraft wird!

Ich geh jetzt Gemüse auf dem Markt kaufen!
Stoff: Mühsam auf dem Stoffmarkt erkämpft








Kommentare:

  1. Sehr erheiternd zu lesen! Vor allem das Flamingo-Experiment begeistert mich sehr! LG, Zuzsa

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  2. Schön geschrieben, sehr amüsant zu lesen! ;-) Und am Ende wird doch alles gut... ich mag den Rosa Pe Schnitt auch sehr gerne und brauche auch unbedingt mal eine Variante mit kurzen Ärmeln.

    LG
    Rock Gerda

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    1. Der Sommer und damit die Kurzärmelzeit naht in großen Schritten!
      LG Susanne

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  3. Nach so einer Aktion ist es doch schön so ein Kleid zu haben! Das mit den Flamingos kenne ich von Tatoos: Heute ein Gänseblümchen und in 20 Jahren eine Sonnenblume!
    LG Monika

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    1. Da möchte ich gar nicht so genau drüber nachdenken!
      LG Susanne

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  4. Das Kalkül ist aufgegangen: Ich habe ob des Titels, nicht wegen des Kleides hier vorbeigeschaut. Und mich hervorragend amüsiert - ich werde also öfter nachsehen, welche Tricks uns Schlichen andere Frauen so anwenden... (Ich kämpfe gerade mit mir, ob ich mir noch einen Waxprint leiste...)
    Pretty Flamingo!

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    1. Werbung wirkt!
      Für einen Waxprint wäre vielleicht irgendetwas wie "Ich hatte ein Kleid aus Afrika..." frei nach Tania Blixen ein schöner Titel. Ich bleibe neugierig auf das, was kommt!
      LG Susanne

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  5. Ich habe noch nie beim lesen eines Blogbeitrages so lachen müssen....einfach herrlich!
    Besonders klasse finde ich die MaoTseTung-Flamingos.
    Nach der abenteuerlichen Kaufstory und dem Titel hätte ich nun irgendwas groteskes erwartet, aber das Kleid ist hübsch und ganz sicher sehr gut tragbar geworden.

    Liebe Grüße
    Sabine

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  6. Ich habe noch nie beim lesen eines Blogbeitrages so lachen müssen....einfach herrlich!
    Besonders klasse finde ich die MaoTseTung-Flamingos.
    Nach der abenteuerlichen Kaufstory und dem Titel hätte ich nun irgendwas groteskes erwartet, aber das Kleid ist hübsch und ganz sicher sehr gut tragbar geworden.

    Liebe Grüße
    Sabine

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  7. Wundervoll! Tolles Kleid und ich finde das grün gibt den Flamingos einen leicht erwachsenen Hintergrund, das könnte bei türkis schon etwas anders sein. Sehr spannende Geschichte - ich weiß wieder einmal mehr warum ich Stoffmärkte meide - da kann man leicht aus der Spur geraten ;-) LG Kuestensocke

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    1. Im ersten Moment des Habenwollenrauschs dachte ich wirklich, türkis wäre das ultimative Ding. Jetzt bin ich mir eigentlich auch sicher, dass Grün besser ist.
      LG Susanne

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  8. Der Titel hat seinen Zweck erfüllt, seinetwegen bin ich hier gelandet und ich habe herzlich gelacht. Super Post und ein super Kleid!
    Liebe Grüße
    Teresa

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    1. Ich arbeite hier mit allen Mitteln! Dankesehr!
      LG Susanne

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  9. Bitte, bitte sündige bald mal wieder - wenn das Ergebis ein tolles Kleid und so ein wunderbarer Post ist, dann lohnt es sich auf jeden Fall.
    LG
    Friedalene

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  10. Sehr amüsante Geschichte zum Kleid und das Kleid selbst gefällt mir gut an dir.
    LG von Susanne

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  11. Herrlicher Text um ein schönes Kleid! Gefällt mir sehr.
    LG Dodo

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    1. Vielen Dank! Das Kompliment kann ich für Dein heutiges Outfit nur zurückgeben!
      LG Susanne

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  12. Liebe Susanne , ich hatte ebenso viel Spaß beim Lesen Deines Posts wie alle anderen Frauen davor . Ich habe so etwas auch schon erlebt , deshalb kann ich das gut nachempfinden. Weißt Du, was wirklich witzig ist ? Ich besitze Deinen Flamingostoff mit hellblauem Untergrund , habe diesen auch im letzten Sommer gekauft - allerdings in Holland. Ich bin also - zum Glück - nicht DIE ANDERE ;-))) Jetzt weiß ich aber, was ich damit veranstalten werde ! Das Kleid von Rosa P. muss damit genäht werden, denn Deins gefällt mir super .
    Wünsche Dir einen wunderbaren Abend - ganz liebe Grüße, Katrin

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    1. Das ist ja klasse! Ich hoffe, Du zeigst das Ergebnis auf Deinem Blog, dann kann ich mir ausmalen, wie ich darin ausgesehen hätte, und Dich tüchtig beneiden!
      LG Susanne

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  13. hallo Leidensgenossin, fahrradbesessene Männer - auch ich habe so einen - sollten beizeiten daran gewöhnt werden, daß die schönsten Fahrradtouren nur in vollständiger Einsamkeit oder männlicher Begleitung stattfinden.
    Frau darf sich dann zuhause im Liegestuhl auf die Rückkehr des Gelbe-Trikotträgers vorbereiten, kühle Getränke, kohlehydratreiche Nahrung und kalte Kompressen bereithalten.

    In diesem Fall hat es sich aber doch auch für dich gelohnt, allein das Gefühl, der übermächtigen Stoffrivalin eiskalt die Stirn geboten zu haben, ist doch eine tolle Erfahrung.


    Das Kleid ist übrigens klasse.

    LG Bella

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    1. Findest Du das auch so irgendwie unfeministisch, fünfzig Meter hinter Deinem Mann herzuradeln? Man kommt sich vor wie eine traditionelle japanische Ehefrau!
      Danke für die moralische Unterstützung und das Kompliment!
      LG Susanne

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  14. Ende gut, alles gut! Der Kampf um und mit diesem Stoff hat sich wirklich gelohnt.
    Grüßle Bellana

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  15. So eine schöne Geschichte (die beste beim heutigen MMM) und ein feines Kleid, das Dir sehr gut steht. Gut, dass ich ob des ungewöhnlichen Post-Titels angeklickt habe ;)
    Liebe Grüße von Ina

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    1. Sehr lieb von Dir! Ich finde Dein Meereskleid übrigens auch wunderschön!
      LG Susanne

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  16. Ein sehr amüsanter Text, ich konnte kaum auf das Kleid schauen. Ausserdem hab ich den Ausflug auf Wikipedia gemacht und bekam damit kopfschüttelndes Ärgern über katholische Lehren mitgeliefert. Was ich alerdings schon sehen konnte: Flamingos sind cool!
    Liebe Grüsse

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    1. Die katholische Kirche löst schon seit Hunderten von Jahren nicht nur Kopfschütteln aus, Flamingos dagegen sind einfach nur herrlich albern.
      LG Susanne

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  17. Als echte Protestantin kenne ich mich mit Todsünden natürlich nicht so aus, da lässt man sich doch gerne fortbilden, besonders wenn es so wunderbar geschrieben ist, wie bei Dir. Die Mao-Flamingos haben mir ebenfalls außerordentlich gut gefallen, Du beschreibst das Problem mit Jersey-Beinkleidern sehr treffend. Das Kleid ist sehr hübsch geworden, vielleicht kannst Du es ja mit einer Flamingofarbenen Jacke kältetauglich machen, wenn Dir das besser steht als Grün.
    Ansonsten gehe hinfort mein Kind und sündige recht bald wieder.
    LG, Stefanie

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    1. Das stimmt, eine flamingofarbige Jacke muss her!
      Ich freue mich übrigens sehr, dass mir hier mehrfach das Sündigen schmackhaft gemacht wird!
      Danke!
      LG Susanne

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  18. Oh, ich habe gerade so gelacht! Wie wunderbar Du Deinen Sündenfall beschreiben hast- herrlich! Und ich kann es so gut nachfühlen.
    Dein Flamingokleid ist super und die Vögel sind Dir ganz offensichtlich dankbar, dass der Stoff nicht nur für Leggin reichte.

    Liebe Grüße
    aus Flensburg
    Ute

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  19. Was für ein netter Bericht. Oh ja, wir Frauen auf dem Stoffmarkt. Das Kleid steht dir gut und hättest du nicht geschrieben, dass du lieber Türkis trägst, wäre ich nicht auf die Idee gekommen.

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