Freitag, 7. April 2017

Archiflop

Alessandro Biamonti

 


Das ist ein Buch über das Scheitern. Weil es auch ein Buch über Architektur ist, geht es um das ganz grosse, grandiose, monumentale Scheitern. 
Der Autor Alessandro Biamonti ist Architekt und Dozent für Design in Mailand. Neben seiner praktischen Arbeit beschäftigt er sich mit der anthropologischen Dimension des Designs. In diesem Buch stellt er spektakuläre Ruinen moderner Architektur vor, die sich über die ganze Welt verteilt finden. Sie sind nach der ursprünglichen Intention ihrer Planer sortiert: "Es werden viele Tausende kommen", "Es wird riesige Gewinne bringen", "Sie werden es nicht bemerken" und "Sie werden sich bestens amüsieren". Nicht eine dieser Überlegungen war wirklich umsetzbar. Entweder die Lage des Objekts war falsch gewählt, das Geld fehlte, der Plan war schon überholt, als er zur Ausführung kam... : Gründe dafür, weshalb aus einem kühnen Traum eine verlassene Ruine wurde, gibt es viele.
Was aber alle Pläne gemeinsam haben, ist der überwältigende Optimismus, mit dem sie angegangen wurden. Darin liegt ihr Charme. Die Investoren und ihre Architekten begannen ihre Visionen mit gigantischem Aufwand zu verwirklichen, die Zeugen ihres Scheiterns sind entsprechend. 
Einige der Objekte sind heute aus dem Grund Sehenswürdigkeiten, weil sie verlassen sind. Viele dienten als Filmkulissen. Ein leerer Vergnügungspark in Japan, die Hauptattraktion eine 45 m lange liegende Gulliverfigur, im Hintergrund der Fuji, in unmittelbarer Nähe eines Waldes, der als zweitbeliebtester Ort für Selbstmörder auf der Welt nach der Golden Gate Bridge zweifelhafte Berühmtheit erlangt hat: das ist pure Poesie. Eine auf Stahlplattformen im  Kaspischen Meer errichtete Stadt zur Rohölgewinnung, die Strassen zwischen den den Gebäuden zum Teil nicht mehr passierbar: das ist Science Fiction. Ein niemals fertig gestellter Wohn- und Büroturm in Caracas, in dem sich nach und nach 4000 Menschen ansiedeln und eine eigene selbst organisierte Gemeinschaft gründen: das ist soziale Utopie.
Dem Autor geht es aber nicht nur um die pittoresken Bauten. Er beschreibt einen neuen Umgang mit dem Scheitern. Wie gehen wir mit unseren Fehlern und Niederlagen um? Biamonti stellt die These auf, dass wir heute Fehlschläge als Neuanfang und Chance begreifen. Als Beispiel führt er Steve Jobs an. Der hatte 2005 vor Studenten in Stanford in einer Rede darüber gehalten, dass er seinen Erfolg unter anderem auf der Basis seiner Misserfolge erreicht habe. "Bleibt hungrig! Bleibt verrückt!" war sein Fazit. 
Das Buch unterhält und regt zum Nachdenken an. Es macht Mut, etwas zu wagen. Selbst bei einem Scheitern in Dimensionen wie diesen hier ist die Welt nicht untergegangen. Ein italienischer Ingenieur, der in den Siebzigern einen eigenen Staat auf einer Plattform in der Adria mit dem schönen Namen "Rosenrepublik" gründete, die von der Marine geräumt werden musste, als es Italien zu bunt wurde, bezeichnete sein Vorhaben im nachhinein als "Naivitätsdelikt". Aber er hatte es gewagt! Yeah!
Das Design des Buches ist Geschmackssache, das formuliere ich mal vorsichtig. Ärgerlich finde ich allerdings die Qualität der Fotos. Sie sind ziemlich grauslich bearbeitet und viel zu pixelig für das Buchformat. Immerhin gibt man stolze 30 Euro für "Archiflop" aus. Trotzdem ist es nicht nur für Architekten und Designer empfehlenswert.


Alessandro Biamonti
Archiflop
DVA, 2017
ISBN 978-3-421-04053-4
29,90 €


P.S.: Wer sich für eher für Flops im Bereich Literatur interessiert, dem sei dieses Büchlein ans Herz gelegt:


Hier hat Frank T. Zumbach Stories weltbekannter Autoren versammelt, die besser nicht veröffentlicht worden wären. Auch das ist sehr unterhaltsam!
Leider gibt es dieses Büchlein nicht mehr neu zu kaufen, aber antiquarisch wird es immer noch angeboten.

Kommentare:

  1. Danke für den Tipp! Das muss ich gleich mal an den Architektur-verrückten Fast-Schwiegersohn und die Architektur studierende Nichte weiter leiten. Klingt richtig spannend!
    Liebe Grüße
    Katharina

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    1. Für Architekturafficionados besonders geeignet, weil es im Gegensatz zu den meisten Architekturbüchern nicht langweilig ist!
      LG Susanne

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