Dienstag, 7. März 2017

Das Amsterdamkleid

 

Das Amsterdamringelkleid

 Um den Namen dieses Else- Kleides zu erklären, muß ich ein wenig ausholen:

 

(Ich könnte natürlich auch kurz und knackig eine Funktionsbeschreibung liefern so wie: "Schnitt Else mit U- Boot- Ausschnitt, halblangen Ärmeln und Tunnel für ein Bindeband", aber ich bin Rheinländerin. Ich kann das gar nicht. Rein sachliche Berichte abgeben zu müssen verursacht mir körperliche Schmerzen. Das muß man sich so vorstellen, als nötige man einen Hamburger dazu, einen Orden anzunehmen. Wir Rheinländer lieben es, unsere Geschichten so richtig auszuschmücken. Im Gegenzug haben wir die Fähigkeit entwickelt, den weitschweifigen Erzählungen anderer Rheinländer nur halb zuzuhören, aber trotzdem das Wesentliche herauszufiltern. Wir sind dabei immer sehr freundlich, manchmal geradezu enthusiastisch, auch wenn wir uns eigentlich nur gegenseitig im Wortschwall herumstehen, wie Konrad Beikirchner das so schön nennt. Rheinländer sind sozusagen die Labradore unter den Menschen: fröhlich, kontaktfreudig, mit Aufmerksamkeitslücken und total distanzlos.)

Heute frostbeuligerweise mit Strickjacke

Um auf das Kleid zurückzukommen: letzten Sommer war ich mit meinen beiden Mädels in den Ferien für ein paar Tage in Amsterdam. Wir hatten richtig viel Spaß. Meine ältere Tochter formulierte es so: "Das ist so cool hier, die Leute sehen alle aus als hätten sie einen Blog auf Tumblr!" Als Highlight hatten wir einen Besuch im Van- Gogh- Museum gebucht. Als ich mit den beiden die Reise plante, war ich etwas überrascht, als sie unbedingt dahin wollte. Das Anne- Frank- Haus war klar, denn erstens kennen sie das aus dem Deutsch- und Geschichtsunterricht und zweitens kommt es in "Das Schicksal ist ein mieser Verräter" vor. Erst als wir wieder zu Hause waren, fand ich heraus, woher die Begeisterung kam. Es gibt eine Folge über Van Gogh bei "Dr. Who", die so schön und so traurig ist, dass man am Ende in Tränen aufgelöst auf dem Sofa sitzt.
Das Van- Gogh- Museum in Amsterdam ist allerdings auch ohne Tardis unbedingt sehenswert. Wir standen vollkommen überwältigt vor einigen der besten Bilder des Künstlers und kriegten uns über die Leuchtkraft der Farben im Original schier nicht wieder ein.
Unerreichbares Vorbild

Bei der zweiten Runde durch das Museum, als wir unsere Lieblingsbilder noch einmal ansehen wollten, stand auf einmal eine zierliche Japanerin in einem Ringelkleid neben mir. Die war so entzückend, dass es bei mir aussetzte: "Ich will genau so aussehen", schoß es mir durch den Kopf. Ich blendete einfach die Tatsache aus, dass sie und ich uns ungefähr so ähnlich waren wie Eddie Redmayne und Sigmar Gabriel; ich wollte ein Ringelkleid.
Daheim machte ich mich auf die Suche nach einem passenden Schnitt und noch passenderem Stoff. Bei Else war es der U- Boot- Ausschnitt, der mir gefiel. Die Entscheidung für den Stoff war deutlich schwieriger. Entweder die Ringel waren doof, der Jersey war zu dünn, zu elastisch oder nicht elastisch genug. Erst auf dem Stoffmarkt in Opladen wurde ich fündig. Das Material nannte sich Sommer- Sweat, ich weiß aber nicht mehr, wer ihn produziert hat. Ich schreibe mir so etwas nie auf und Etiketten schmeisse ich grundsätzlich weg. Dann ärgere ich mich, weil ich so einen Stoff nicht noch einmal bekomme- Logik geht anders!

(Ist aber auch so ein Rheinländerin- Phänomen: Kosequenz und schlüssiges Handeln sind nicht unbedingt unsere Stärken.)

Ausschnitt mit Schrägband

Den Ausschnitt habe ich diesmal nicht mit Belegen versehen, sondern mit Schrägband. Ich dachte mir, wenn Armorlux und Muji das so machen, kann das ja nicht total verkehrt sein. Es funktioniert hier auch gut, der Ausschnitt ist weit genug und wird trotzdem ausreichend stabilisiert. Erst wollte ich das Kleid gerade lassen, bei der ersten Anprobe tendierte es optisch aber leider Richtung Nachthemd. Also zog ich auf Hüfthöhe ein Band ein. Das hat jetzt den Vorteil, daß ich es im Winter geschoppt als Hosenkleid tragen kann. Im Sommer darf es dann wieder knielang sein.
Wie zu erwarten war sehe ich damit nicht aus wie die japanische Elfe aus dem Van- Gogh- Museum, ich mag mich aber trotzdem sehr darin.

Wintervariante mit Jeans

Und damit ist auch erklärt, warum es auch ohne Tulpen oder Windmühlen das Amsterdam- Kleid heißt.

Stoff: Stoffmarkt
Link: Me Made Mittwoch

P.S.: Für mich ist die Auseinandersetzung mit dem Feminismus 35 Jahre alt. Immer wieder gibt es jemanden- auffällig häufig in der Presselandschaft der sogenannten Frauenmagazine-, der behauptet, unsere Kleidung sei ein Statement dafür, dass Frauen doch jetzt richtig Selbstbewußtsein haben. Kleidung kann ein Statement sein, aber das Tragen von High Heels bedeutet nicht, dass wir uns endlich emanzipiert haben. Das heißt nur, dass wir gerne hohe Schuhe tragen. Wenn wir aber den gleichen Lohn für gleiche Arbeit und einen adäquaten Anteil von Frauen in Führungspositionen erreicht haben, dann haben wir es geschafft. So leid es mir tut, das ist noch ein weiter Weg. 
 

Kommentare:

  1. Immer wieder amüsant, bei dir zu lesen.
    Gedanklich habe ich dich jetzt als japanische Elfe abgespeichert, egal wie originalgetreu das Nähergebnis ist... Viel Spaß am Ringelkleid!

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    1. Behalte mich bittebitte als Japanelfe im Hinterkopf: das eine so schöne Vorstellung, dass jemand das tut!

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  2. Danke für die hübsche Geschichte hinter Deinem Ringelkleid, ich habe sie voller Vergnügen gelesen (hilft mir jetzt vielleicht auch, Rheinländer in Zukunft besser zu verstehen...) Mir gefällt Deine Else sehr gut, sieht aus wie ein Kleid, das ganz oft und zu vielen Gelegenheiten getragen werden wird!
    LG Barbara

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    1. Dankeschön! Es freut mich, zum Verständnis der rheinischen Mentalität beigetragen zu haben.
      LG Susanne

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  3. Du siehst zwar nicht japanisch, aber sehr gut aus in dem Kleid! Schön lässig!
    LG Judy

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  4. Eine herrliche Geschichte!
    Du hast mir ein Lächeln aufs Gesicht gezaubert!
    Dein Kleid gefiel mir schon ohne Geschichte sehr gut, aber so noch mehr!
    Ist bestimmt ein Lieblingsteil geworden, oder?

    Liebe Grüße
    Ina

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    1. Ich mag dieses Kleid wirklich sehr gerne. Wenn ich es aus dem Schrank hole, denke ich ans Van-Gogh-Museum und habe direkt bessere Laune.
      LG Susanne

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  5. hahahaha!!! die charakterisierung DES RHEINLÄNDERS!!! ich bin gerade vor lachen fast vom sofa gefallen. wie sehr ich mich darin erkannt habe und wie recht du mit den hamburger menschen hast. irgendwie musste ich aber auch da feststellen, dass meine assimilation mittlerweile beide eigenschaften vermischt haben. schwallen wie eine rheinländerin kann ich immer noch, wenn ich lob oder dank bekomme, entfleucht mir aber auch gerne ein hamburgerisches: dafür nicht. großartig! und dein kleid natürlich auch. wunderbar, wenn echte menschen einen inspirieren.
    liebe grüße,
    jule*

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    1. Oh, du Arme lebst in der Diaspora, abseits des Gelobten Landes! Ohne Scherz: ich liebe Hamburg, und die Hamburger sowieso, trotz ihres Nicht- Rheinländer- Seins. Kontraste ziehen sich mitunter an.
      LG Susanne

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