Sonntag, 15. November 2015

Was man von Bob Dylan lernen kann

Konzert in Düsseldorf, 10.11.2015

 

Am Dienstag gab Bob Dylan sein einziges Zusatzkonzert in der Mitsubishi Electric Halle. Mein GöGa hatte im Vorfeld Karten besorgt, denn er hält Dylan für einen der größten Musiker aller Zeiten. Meins waren seine Songs bis dahin eher nicht, ich hab's nicht so mit dem ameriaknischen Folk. Ausserdem war mir die Musik immer zeitlich zu weit weg. Ich bin 1967 geboren und habe mich, wie die meisten, erst ab 14, 15 Jahren mit Musikkultur beschäftigt, da war Dylans große Zeit schon vorbei. Aber ich gehe gerne in Konzerte, vor allem, wenn sie von guten Musikern gegeben werden, deswegen freute ich mich über die Einladung und fuhr mit.


Wenn man in die Mitsubishi Electric Halle (früher Philipps Halle) zu einer Veranstaltung möchte, steht man erst einmal in Oberbilk im Stau, das hat einfach Tradition. Ich habe vor ein paar Jahren anderthalb Stunden in einem entfesselten Autocorso von Runrig- Fans verbracht, obwohl ich überhaupt nicht in das Konzert wollte. Am Dienstag abend ging es uns nicht anders. Mich beunruhigten allerdings die Leute, die man in den Autos sah: die Klientel schien aus Sozialpädadgogen, Deutschlehrern und evangelischen Pfarrern in ihrem letzten Lebensdrittel zu bestehen. Au Backe!, dachte ich, das musst du heute vielleicht eher als Kabarettveranstaltung wahrnehmen.
Vor der Halle klampfte ein Dylanepigone in bester Strassenmusikertradition vor sich hin, umgeben von Zuhörern, die in ihren Tabaksbeuteln kramten, um sich eine zu drehen und anschliessend die Fluppe hinters Ohr zu klemmen: man kennt dieses Bild aus dem 20. Jahrhundert.
Die Halle war bestuhlt, die Plätze numeriert, wenn auch die Zuteilung der Blocks ein wenig undurchsichtig war. Um diesem Mißstand abzuhelfen, liefen eine Menge freundlicher Ordner herum, die uns ältere Herrschaften sanft an die Hand nahmen. Plötzlich verkündete eine Lautsprecherstimme, dass Mr. Dylan pünktlich um 20.00 Uhr, also in fünf Minuten, beginnen wolle. Der erfahrene Konzertbesucher nimmt so etwas natürlich nicht ernst, denn Künstler lassen ihr Publikum ja gerne ein wenig zappeln! Folglich trödelte der eine oder andere noch ein bißchen herum, machte noch eine Stippvisite am Bierstand oder spielte mit seinem Smartphone herum. Aber da hatten sie nicht mit "His Bobness" gerechnet: Genau um 20.00 Uhr ging das Licht aus, Mr. Dylans Band begann zu spielen. Wer da nicht an seinem Platz war, stolperte im Stockdunkeln herum und verpaßte Bobs ersten Auftritt im Pflanzeranzug mit passender Weste und Rhett- Butler- Hut. Die Saalordner halfen so schnell es ging, konnten aber einige schmerzhafte Schienbein- Stuhlbein- Kollisionen nicht mehr verhindern.


Aber dann geschah das Wunder. Ich kann es nicht anders beschreiben. Dylan und seine Band bescherten mir einen der inspirierendsten Abende, die ich je erlebt habe. Sie spielte nicht einen Song, den ich kannte (bis auf eine Ausnahme, aber dazu später). Es gab ein paar Frank- Sinatra-Nummern, aber wenn Bob Dylan sie interpretiert, dann sind sie nicht Sinatra. Dylan nahm uns mit auf eine Reise durch die amerikanische Musikgeschichte, gespielt von seiner erstklassigen Band und gesungen mit seiner kratzigen, nölenden, intensiven Stimme. Ich hörte Lieder, in denen alles steckte, was an Amerika gut und bewundernswert ist. Wenn jemand in einer dieser dusseligen Casting- Shows unter Tränchen herausquetscht, daß er das alles "so berührend" findet, klappe ich in der Regel die Ohren nach hinten. Doch Dylan kann das: er berührt seine Zuhörer wirklich im Inneren.
Nach einer dreiviertel Stunde war Pause. Mr. Dylan kündigte 20 Minuten an. Aufgescheucht durch die Erfahrung mit dem Konzertbeginn sausten alle nach draußen, um ihre Selbstgedrehten zu rauchen. Beim zweiten Hinsehen in der Pause bestand das Publikum aus erstaunlich vielen Leuten Anfang Zwanzig. Weil die Tickets mit 70- 100 Euro nicht unbedingt ein Schnapper waren, muß man davon ausgehen, daß sie den Meister wirklich sehen wollten, zumal das Konzert ausverkauft war. Interessanterweise fanden diese jungen Besucher das Konzert toll, während die Älteren enttäuscht waren, daß Dylan ihnen nicht den erwarteten Soundtrack ihrer Jugend vorspielte. Sie setzten ihre Hoffungen noch auf den 2. Teil der Show.
Natürlich begann Dylan wieder pünktlichst nach 20 Minuten, was aber diesmal kein Problem darstellte, man war ja gewarnt. Nur mein GöGa geriet etwas unter Zeitdruck, weil er seine Pfandbecher noch abgeben musste.
Was soll ich sagen: der 2. Teil war noch besser als der erste! Wieder echte Musik, souverän vorgetragen! Dylan sang, spielte Mundharmonika oder Klavier. Die Gitarre fasst er nicht mehr an, er hat Athrose in der Hand. Er tat sogar so etwas ähnliches wie tanzen, was ein bißchen rührend aussah. Den Hut und die Anzugjacke legte er die ganze Zeit nicht ab, irgendwie wirkte das, als sei ihm kalt. Ich war mittlerweile total begeistert und klatschte mir die Handflächen taub. Es gab keine "anstelle-von-Feuerzeugen-Smartphone-Lichter", denn die Ordner fahndeten die ganze Zeit nach illegalen Videoaufnahmen. Vor mir wäre ein Besucher deswegen beinahe rausgeflogen.
Dylan gab drei Zugaben, eine davon war "Blowin' in the Wind" in einer grandiosen Jazz- Version. Dem Studienrat aus dem Sauerland neben mir entgleisten die Gesichtszüge, der Typ mit den Dreads schräg vor mir kriegte sich nicht mehr ein vor Begeisterung. Danach war Schluss, was ich nicht schlimm fand, denn Dylan schien ziemlich müde zu sein. Der Jüngste ist er ja auch wirklich nicht mehr. Ich für meinen Teil war so glücklich, daß ich auf dem Weg zu Auto entweder grinste wie besessen oder wild auf meinen GöGa einredete. Begeisterung pur!


Ja, was kann man denn nun von Bob Dylan lernen?

Dylan ist ein echter Künstler. Was er macht, das meint er auch so. Selbst mit über 70 Jahren ist er neugierig, probiert und entwickelt sich weiter, Irrtümer nimmt er dabei in Kauf. Er findet es unangemessen, dasselbe zu machen wie vor fünfzig Jahren, denn er akzeptiert, daß die Zeit nicht stehenbleibt. Wenn er einen Abend mit seinen alten Songs bestreiten würde, hätte er die Stadien voll. Doch er geht bewußt das Risiko ein, mehr Fans zu verlieren als neue dazu zu gewinnen, denn den Zeitgeist bedient er nicht. Keine Remixe oder Duette mit Taylor Swift zum Beispiel, Dylan spielt und erforscht die Musik, die ihn berührt. 
Angeblich suchen wir alle in unserer moderne Welt wieder das Echte und Wahre, Dylan hat es gefunden.

In diesem Sinne: Play fuckin' loud!

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