Dienstag, 10. September 2019


Perücke und Käppchen

 


Im vorletzten Post hatte ich über die Brustkrebserkrankung meiner Mutter erzählt, und wie sie nach der Operation damit konfrontiert wurde, dass sie entgegen der ersten Prognosen eine Chemotherapie machen sollte.
Der nächste Schritt war das Einsetzen eines Ports, durch den die Medikamente während der Behandlung fliessen sollen. Dieser Eingriff wurde ambulant gemacht und tat höllisch weh. Am nächsten Tag war die Wunde angeschwollen. Meine Mutter geriet in Panik und rief mich an, während ich im Supermarkt an der Kasse stand. Ich schmiß meine Einkäufe in die Packtaschen, radelte wie Jan Ullrich nach Hause, brüllte meinem Mann zu, dass er kochen müßte, wenn er etwas zu Essen haben wolle, sprang erst in das erste Auto, das keinen Sprit mehr hatte und dann in das zweite, dass wenigstens nur gerade auf Reserve stand, um zu meiner Mutter zu rasen. Die Wunde sah wirklich nicht schön aus, das fand ich auch. Also fuhren wir in die Ambulanz, denn beim letzten Mal - man erinnert sich vielleicht- endete eine ähnliche Situation mit einem blauen Auge und einer zweiten Operation.
Der Ambulanzarzt kannte meine Mutter noch aus der Chirurgie. Er sah sich das an und konnte sie beruhigen: die Wunde sah völlig o.k. aus. Er war sogar so taktvoll, uns beide nicht wie totale Hysterikerinnen aussehen zu lassen. 
Während ich in der nächsten Woche im Urlaub auf Rügen war, absolvierte meine Mutter noch zwei CTs und eine Knochenmarksuntersuchung. Zu der Besprechung der Chemo konnte sie sogar zum ersten Mal wieder mit ihrem Auto fahren. Dort unterschrieb sie eine solche Menge an Formularen, Einverständniserklärungen und Datenschutzbestimmungen, dass sie danach eine taube Hand hatte. Sie bekam einen Taxischein für die Behandlungen und - ein Rezept für eine Perücke.
Meine Mutter liebt ihre Haare, sie hegt und pflegt sie und gibt Unsummen beim Friseur aus. Die Gewißheit, dass sie ihre Haare tatsächlich verlieren würde, war wieder so ein Schlag.
Mittlerweile hat sie angefangen, ihren Freunden und Bekannten zu erzählen, was sie hat. Erstaunlich, wie viele ihr erzählen, dass sie genau die gleiche Krankheit überstanden haben. Außerdem bekommt sie wahnsinnig viel freundliche Unterstützung und Zuspruch. An dem Tag, als sie mit dem Perückenrezept nach Hause kam, stand zufällig eine Nachbarin spontan mit einem Sonnenblumenstrauß vor der Tür.
Letzten Freitag war ich mit Mama im Perückenladen und erweiterte meinen Horizont darüber, welche Perücken es gibt, wie teuer sie sind, wie sie geknüpft werden, dass Echthaar nicht unbedingt das Maß aller Dinge, weil unfaßbar pflegeintensiv ist, dass man einen Perückenständer und keinen Styroporkopf braucht, weil der "Fiffi" auslüften muss undsoweiterunsofort. Außerdem erfuhr ich, dass die Krankenkassen unterschiedliche Zuschüsse zu den Perücken geben. Bei meiner Mutter sind es 500 €, was wohl gutes Mittelmaß ist. Merke also: wenn du vorhast, dir Brustkrebs zuzulegen, sieh dir das Kleingedruckte bei deiner Kasse an.
Schließlich hatten wir (zwei nette Frauen im Perückenladen, meine Mutter und ich) uns für ein Modell entschieden. Das wird nun passend bestellt und dann noch passender zurechtfrisiert. Außerdem hat Mama jetzt ein nahtloses Baumwollkäppchen für daheim, standesgemäß in Schwarz, damit es zu ihren Sachen passt. Danach waren wir noch opulent italienisch Essen; meine Mutter muss noch ein bißchen zunehmen, weil damit zu rechnen ist, dass sie während der Behandlung abnimmt.

Nächste Woche geht es dann los mit der ersten Chemo. 

Kommentare:

Frau Jule hat gesagt…

huh, beste gedanken und gedrückte daumen für euch.
liebst,
jule*

susimakes hat gesagt…

Wir gehen da mit aller positiven Kraft dran, die wir haben, vor allem meine Mutter. Alles andere würde auch nichts bringen.
Vielen Dank
Susanne