Dienstag, 5. September 2017

Der glücklichste Moment dieses Sommers


Bretonischer Vorgarten


Wenn die Sommerferien beginnen, bin ich immer so euphorisch. Das ist eigentlich Unsinn, denn schließlich haben meine Töchter über sechs Wochen frei und nicht ich. Trotzdem breitet sich in mir so ein relaxtes karibikartiges Feeling aus, das ist bestimmt irgendwie psychologisch zu erklären (Freiwillige vor!) Außerdem wollten wir in diesem Jahr zwei Wochen in die Bretagne fahren, das war noch ein weiterer Grund zur Vorfreude.
Als Bretagnebesucher ist man praktisch gezwungen, Streifenshirts zu tragen. Also dachte ich mir, nähe ich doch zur Abwechslung eins. Ich wühlte mich durch die weite Welt des WWW, wo ich das Mandy Boat Tee entdeckte, das nicht nur mit einem schönen U-Boot- Ausschnitt, halblangen Ärmeln und einem lässigen Sitz punkten konnte: es war auch noch umsonst. Hah, da jubelte mein innerer Sparfuchs! Was ich am Schnitt zu sparen gedachte, wollte ich beim Stoff wieder drauflegen. Und weil ich für Optimismus nur eine Farbe kenne, nämlich ROSA, erwarb ich einen hübschen Jersey in Hellrosa mit feinen roten Streifen.

Rosa Inspirationen

Am nächsten freien Sonntag machte ich mich ans Werk. Beim Zuschnitt kam ich ein bißchen ins Grübeln, das war schon ziemlich viel Shirt! Doch ich glaube ja beim Nähen unterbewußt immer, dass ich keine Ahnung habe, deswegen werkelte ich unverdrossen weiter. Aber die Anprobe des fertigen Shirts war der Brüller: ich sah aus wie eine Figur aus dem Triadischen Ballett von Oskar Schlemmer. Die Ärmel waren eng wie geplant, aber Vorder- und Rückenteil waren viel zu weit. Ich war sehr geometrisch.  Ehrlich, wenn der Jersey nicht so teuer gewesen wäre, hätte ich das Ding direkt entsorgt.




Eigentlich hätte ich von selbst darauf kommen können, wo der Fehler liegt. Ich habe das oben mal illustriert. Wenn man so wie ich eher "fraulich" konstruiert ist (so ein Ausdruck meiner Omma, den ich vor dem Aussterben zu bewahren gedenke, so nett finde ich ihn)  und man etwas sehr Weites aus einem Stoff macht, der nicht vollkommen fliessend ist, steht das Kleidungsstück über den am stärksten hervortretendsten Punkten ab: vorne sind es die Brustspitzen, hinten ist es die Wölbung an den Schulterblättern. Das ergibt eine zeltartige Form, die -vorsichtig formuliert- nicht unbedingt jedem steht. Tja, das mußte ich ändern. Ich schnitt links und rechts 4 cm weg und rundete den Übergang zu den Ärmeln ab, in der Hoffnung, dass das alles so passen würde. Ich habe das Shirt also insgesamt um 16 cm schmaler gemacht, das ist mal eine Ansage! Ich hatte Glück, es funktionierte. Ich hatte mein Urlaubs- Optimismus- Streifenshirt für die Bretagne.


Aber dann ging alles schief. In unserer Firma jagte eine Katastrophe die nächste, die Wohnung, die wir renovieren mussten, wurde nicht fertig und meinem armen Mann splitterte ein Stück vom Meniskus ab. Ich wußte noch nicht einmal, dass Menikusse (oder Meniski?) so etwas Fieses überhaupt tun. Schweren Herzens mußte ich mit den Mädels alleine nach Frankreich fahren. Es war sehr schön in der Bretagne, ich habe darüber ausführlich geschrieben (wer es nachlesen mag, findet das hier). Wir hatten allerdings weder WLAN noch zuverlässigen Empfang, deswegen war es schwieriger als sonst, sich daheim zu melden. 

Und damit komme ich zum glücklichsten Moment des Sommers: als ich nach zwei Wochen zu Hause ankam, konnte endlich wieder meinen Mann küssen!

Schnitt: Mandy Boat Tee
Stoff: bei Karstadt in Köln gekauft

Kommentare:

  1. Ich musste am Anfang deiner Erzählung ein wenig Schmunzeln. Dann hab ich mich über deine wirklich tolle Zeichnung gefreut und darüber dass du den Begriff deiner Oma erhalten möchtest, getoppt dann aber von deinem schönsten Moment. Da hatte ich dann ein wirklich breites Lächeln auf dem Gesicht. Wirklich schöner Beitrag!
    Herzliche Grüße!!
    Melanie

    (Leider ist die Kommentarauswahlmöglichkeit sehr klein: könntest du "Name/URL" hinzufügen? Ich habe / verwende nichts der aufgezählten Möglichkeiten und nutze Google Plus jetzt nur äußerst ungern.)

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    1. Ich gelobe Kommentarbesserung.
      Vielen Dank für Deine netten Worte.
      LG Susanne

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  2. Sehr gut erklärt und ein fantastischer Schluss :-)
    Das Shirt wurde zum Glück gerettet.
    Lieber Gruß
    Elke

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  3. Nur gut, dass du erst mal eine lustige Zeichnung gemacht und dann das Shirt noch mal geändert hast. Ich grinse gerade noch vor mich hin. Was den schönsten Moment des Urlaubs angeht, sind wir uns in diesem Jahr einig - der Tag danach, dafür aber wieder mit kompletter Familie.
    Herzliche Grüße,
    Malou
    (Die Name/URL Option hätte ich übrigens auch gerne)

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    1. Ich muss wirklich mal an der Form meines Blogs herumschrauben...
      Vielen Dank!
      LG Susanne

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  4. Wunderbar zu lesen und anzuschauen:)
    Ich habe den Eindruck, dass du es verstehst, aus allem das Beste zu machen. Dein Shirt gefällt mir sehr und da ich jetzt doch sehr neugierig geworden bin, muss ich mir gleich mal ansehen, was so alles in der Bretagne los war ( da war ich nämlich auch schon mal mit meiner Familie)
    Ich hoffe, deinem Mann geht es wieder gut und ihr könnt bald gemeinsame Urlaubstage erleben.
    Viele Grüße
    Friedalene

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    1. Der BESTEMANNVONALLEN macht jetzt Physiotherapie und kann wieder Tennis spielen, also alles fast wieder gut. Im Herbst fahren wir auf jeden Fall noch einmal zusammen irgendwo hin, und wenn ich ihn an den Ohren hinschleppen muss!
      LG Susanne

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  5. Tolles Shirt, zauberhafte Geschichte! Das Shirt steht Dir ganz prima und gut, dass Du es mutig gerettet hast. Wäre zu schade! LG Kuestensocke

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