Samstag, 1. Juli 2017

Vom Zauber des Analogen

 

 

Als ich vor vielen Jahren (jetzt bitte nicht fragen, seit wie vielen!) ernsthaft mit der Fotografie begann, gab es noch keine digitalen Kameras. Nein, liebe Kinder, diese Zeit habe ich mir nicht ausgedacht, die gab es wirklich! Da ich wenig Geld hatte, konnte ich mir keine der damals aktuellen Spiegelreflexkameras mit Autofokus leisten, ich war auf den Gebrauchtmarkt angewiesen. Meine erste eigene Kamera war eine Canon AE-1 mit Blendenautomatik. Die Wechselobjektive konnte ich mir mit meinem Freund teilen, der auch eine Canon hatte. 


Da mir die Blendenautomatik nach einiger Zeit auf den Wecker ging, kratzte ich jeden Pfennig (!) zusammen und legte mir eine Canon F-1 zu, ein ehemaliges Profimodell. Die konnte Zeit- und Blendenautomatik, alles manuell ging sowieso. Mit diesem Schätzchen lernte ich fotografieren. Ich arbeitete hauptsächlich in Schwarzweiß, entwickelte die Filme selbst und machte eigene Abzüge. Das größte, was ich jemals selbst abzog, hatte ein Format von 50*70 cm. Ich mußte den Entwickler in einen Blumenkasten füllen und das Papier ständig darin hin und her rollen, die Wässerung machte ich in der Badwanne. Die F-1 habe ich heute noch.


Obwohl ich natürlich mittlerweile auch digital fotografiere, mag ich das Analoge immer noch. Ich besitze diverse Plastikkameras wie eine Diana F und eine Holga, eine Lomo LC-A; außerdem horte ich alte Fotoapparate, die in diversen Nachlässen auftauchen. Mein ganzer Stolz ist eine Mamiya-Mittelformatkamera, mit der ich richtig klassische Porträts meiner Familie aufgenommen habe. Alle haben eins gemeinsam: keine hat einen regulären Autofokus.

Wenn ich mit ihnen arbeite, dauert es eben einfach länger. Ich plane die Aufnahme anders als ich das mit dem Autofokus tue. Schnappschüsse mache ich entweder gar keine, oder ich nehme das wahrscheinlich Unscharfe bewußt in Kauf. Bei der F-1 weiß ich, dass ich eine Belichtungszeit von länger als 1/80 ohnehin nicht stabil halten kann, ich mich bei schlechten Lichtverhältnissen also vom Traum von knackiger Tiefenschärfe also verabschieden kann.

Dafür kann ich mit tollen Filmen experimentieren. Rotstichig, Türkis oder Violett mit passenden Fehlfarben dazu, körniges Schwarzweiß: einfach super! Diese Effekte sind mit digitaler Bildbearbeitung nicht zu erreichen. Ich zeige hier als Beispiel einen Film von Revolog. Die grünen Punkte sind auf dem Film schon vorhanden, je dunkler das Motiv ist, desto besser sieht man sie. Man weiß allerdings nicht, wo sie auftauchen werden und wie viele Punkte es pro Aufnahme sind. So etwas gibt es auch mit Regenbogen, die über das Foto laufen, oder kleine Elektroblitze in Rot oder Blau! Wie man auf den Bildern vielleicht sieht, versuche ich schon, eine gewisse Schärfe zu erreichen, aber das hat eben seine Grenzen.

Es ist eben eine ganz andere Art zu fotografieren. 


Kommentare:

  1. Wow. Ganz alte Schule. Ich gehöre (leider) zu einer Zwischengeneration. Kenne analog noch (mein Onkel hat mir mal seine Entwicklungssachen geschenkt) aber das dialoge war schon so im Kommen und Retro noch nicht "in", dass ich es selbst nie gemacht habe.
    Deswegen ist auch mein scheinbar analoges Arbeiten an einer automatischen Spiegelreflex nur ein "netter Versuch". Ich mag deinen Titel, denn es ist wie ein Zauber. Und eine Entschleunigung der anderen Art. Es funktioniert eben nicht, mal schnell einen Schnappschuss zu machen. Und ja, auch ich bekomme ab einer bestimmten Belichtungsdauer keine Schärfe mehr hin.
    Deine Bilder mit den grünen Punkten sind allesamt total spannend anzusehen. Sachen gibt's. Ich habe mich sehr über deinen Beitrag gefreut, denn er zeigt gleich noch mal andere Seiten der manuellen fokussierung und generell der Arbeit im manuellen/analogen Bereich.
    Dafür herzlich Danke.

    Janine

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    1. Liebe Janine,
      zunächst einmal finde ich Deine Idee, sich über das Fotografieren auszutauschen, sehr schön. Ich habe mich richtig darüber gefreut, als ich Deine Aktion letztens entdeckt habe, denn ich nehme immer gerne Anregungen von anderen auf. Jeder macht etwas anders und probiert Neues aus, das finde ich bei Lesen von Blogs so interessant.
      Manuelle Fokussierung ist eine der vielen Möglichkeiten, sein Bild zu gestalten. Da mittlerweile alle Kameras Autofokus anbieten, ist die Versuchung, einfach nur das zu nehmen, was die Kamera anbietet, eben groß. Das gleiche gilt übrigens auch bei der Belichtung. Wenn ich mich auf das verlasse, was der automatische Belichtungsmesser da so macht, wird das Foto ja auch gut. Aber eine bewusste Über- oder Unterbelichtung kann auch etwas haben. Das tolle beim Digitalen ist ja, dass man das Ergebnis sofort nachsehen kann. Mit 32 Bildern auf einem Film ist man vorsichtiger, und man muss auf die Entwicklung des Filmes warten.
      Ich freue mich auf weitere Beiträge zu Deiner Linkparty.
      LG Susanne

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  2. Liebe Susanne!
    Was für tolle Fotos! Vor allem das zweite finde ich klasse, als ob lauter kleine Glühwürmchen darum schwirren. Ich bin erst so richtig zum Fotografieren gekommen, als es schon Digitalkameras gab. Und die machen es einem ja auch wirklich „einfach“. Toll, das du auch noch Analog fotografierst und das es solche Filme mit Punkten drauf gibt, wusste ich gar nicht.
    Liebe Grüße
    Lilly

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    1. Hallo Lilly!
      Ich bin ehrlich gesagt auch immer wieder begeistert, was es an Filmen so gibt. Filmentwicklung ist mittlerweile auch nicht mehr so teuer bei den gängigen Drogeriemarktanbietern, wenn man nur 9*13 machen lässt. Ich liebe es, wenn meine Bilder fertig sind und ich von einem Film so drei oder vier Fotos finde, die richtig gut geworden sind.
      LG Susanne

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  3. Liebe Susanne,
    tolle Bilder, obwohl ich auch noch die vordigitale Zeit kenne und auch noch keine Computer in meinem Kinderzimmer standen, habe ich noch nie von solchen Filmen gehört. Allerdings beschäftige ich mich auch erst seit ungefähr einem Jahr mit dem Fotografieren. Klar hatte ich auch schon früher eine Kamera, aber das war immer nur draufhalten.

    Viele liebe Grüße
    Wolfgang

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    1. Hallo Wolfgang,
      diese Effektfilme sind relativ neu. Da analoges Fotografieren gerade so eine kleine Modewelle (neudeutsch: Hype) erlebt, wird viel mit dem Material herumexperimentiert. Die Filme mit dem Rotstich hat der Wagemutige vor langer Zeit selbst hergestellt, indem er den Film neu aufgespult und mit der falschen Seite nach oben in die Kamera eingelegt hat. Schöne Falschfarben bekam man durch Diafilme, die wie Negativfilme entwickelt wurden.
      Ich mag diese Verfremdungen manchmal sehr gern, weil man Motiven, die man schon oft fotografiert hat, etwas Neues abgewinnen kann.
      LG Susanne

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