Sonntag, 18. Juni 2017

Vom Herumeiern

 

 

Neulich habe ich bei Kommst du hierher! eine Glosse mit dem Titel Lob des Dödelns gelesen. Da geht es darum, dass im Gegensatz zu dem, was zur Zeit in der Szene propagiert wird, nicht alle Hunde permanent beschäftigt werden wollen, sondern lieber ziellos herumschnüffeln und ihren ganz eigenen Hundekram machen. Am Beispiel meines Hundes kann ich das nur bestätigen.
Eine richtige kleine Industrie hat sich mittlerweile der Hundebespaßung gewidmet. Agility, Dogdancing, Hundefrisbee, Mantrailing und was nicht noch alles: vom Workshop bis zum abgefahrensten Accessoire wird angeboten, was der Geldbeutel von Herrchen und Frauchen hergibt. Es gibt mit Sicherheit Hunde, für die das ein oder andere genau richtig ist. Rosi, die Beste von allen, findet sich in keiner Zielgruppe wieder.


Rosi eiert für ihr Leben gern herum. Das ist meine Bezeichnung dafür. Sie verfällt in diesen spezifischen langsamen Hundetrab, die Nase ungefähr 15 cm über dem Erdboden. Die Schlappohren hängen ihr halb über den Augen, die Rute ist unternehmungslustig halb erhoben. Wenn sie etwas entdeckt, das sie interessiert, stoppt sie abrupt ab, um es zu untersuchen. Unglücklicherweise kann das auch auf der anderen Seite des Weges sein, deswegen torkelt sie an einem guten Tag von links nach rechts wie ein Besucher der Düsseldorfer Rheinkirmes nach zweiundzwanzig Uhr. Eine Alternative ist stehenbleiben, die Nase in die Luft recken und nach etwas schnüffeln, von dem ich stark annehme, dass es irgendjemandes Mittagessen ist. Sich in Blättern wälzen, flach wie ein Alligator in einem Bach liegen, Tannenzapfen mit der Schnauze hochschmeissen oder einfach nur abstrakt in der Landschaft herumstehen, um in einen Busch zu starren: auch das ist Herumeiern. Hauptsache, es hat absolut keinen Nutzen.  


Eine Grundvorraussetzung für erfolgreiches Herumeiern ist natürlich, dass der Hund ohne Leine laufen kann und abrufbar ist. Das muß man trainieren, und das kann dauern. Bei manchen klappt es nie. Aber die Mühe lohnt sich. Mit einem herumeiernden Hund spazieren zu gehen, gehört zu den entspannendsten Dingen überhaupt. Radfahrer muß ich natürlich im Auge behalten, weil die manchmal von den oben erwähnten Schlangenlinien stark überfordert sind. Also lasse ich Rosi sich hinsetzen, bis der Radler vorbei ist, und alles ist in Ordnung.
Mir geht es dabei richtig gut (sogar bei Regen). Ich kann abschalten und in Ruhe über Dinge nachdenken. Ich nehme meist noch nicht einmal das Smartphone mit, damit ich mich aufs Abschalten konzentrieren und meine Gedanken schweifen lassen kann. Heute zum Beispiel kam mir in den Sinn, dass wir eigentlich auch viel zu wenig herumeiern. 


Einfach mal stehenbleiben, um einer Hummel beim Pollensammeln zuzusehen, einen Lichtfleck im Wald entdecken, Wolken beobachten, das tun wir viel zu selten. Es ist ja nicht nur, dass Hundebesitzer ihre Hunde permanent zu irgendetwas animieren wollen. 
Leute gehen nicht spazieren, was ja eigentlich flanieren ist, sie wandern oder walken oder joggen. Seit neuestem sogar mit Fitneßarmband! Leute fahren nicht mit dem Fahrrad, sondern sie machen eine Fahrradtour mit GPS- Navi und Akku- Fahrrad. Alternativ fahren sie wie wild Mountainbike. Für Kinder muß statt Herumeiern gleich ein komplettes Naturerkundungserlebnis mit Bestimmungsbuch her. Manchmal tun  mir die Zwerge aus den Kindergartengruppen richtig leid, wenn sie in ihren Buddelsachen zu zweit sortiert hinter ihren Erzieherinnen herlaufen, die Augen konzentriert geradeaus gerichtet. Da bleibt keiner zurück, um mit einem Stock einen Käfer umzudrehen, dazu hat er gar keine Zeit.


Meine ältere Tochter hat in diesem Schulhalbjahr alle Klausuren der Jahrgangsstufe 11 und die Zentralprüfungen der Jahrgangsstufe 10 geschrieben, weil sie am sogenannten Drehtürmodell ihrer Schule teilnimmt. Außerdem hatte sie Tennis- und Volleyballtraining und am Wochenende ständig irgendwelche Mannschaftswettkämpfe. Als die Klausurenphase jetzt vor den Feiertagen vorbei war, wusste sie zwei Tage lang nicht, was sie machen sollte. Sie konnte mit sich selbst nichts mehr anfangen. Sie musste ganz dringend ein bißchen Herumeiern, um sich wiederzufinden.
Denn Herumeiern ist eine Grundvorraussetzung für Kreatitvität. Es ist eine sehr gute Methode, um eigene Gedanken und originelle Ideen zu finden. Die müssen noch nicht einmal funktionieren, man sollte ohnehin viel mehr scheitern. Es ist wichtig, ab und zu mit seiner Zeit verschwenderisch umzugehen. Eine ganz entscheidende Eigenschaft des Herumeierns ist nämlich die vollständige Ehrgeizlosigkeit.
Ich plädiere dafür,  nicht immer jeden noch so kleinen Moment mit Bedeutung zu füllen zu wollen. Das Leben besteht aus Gegensätzen: Augenblicke totaler Bedeutungslosigkeit müssen sein, denn wie soll man sonst die anderen schätzen lernen? 


Vielleicht probiert Ihr es einmal aus, das Herumeiern. 
Einen schönen Sonntag wünsche ich Euch allen!

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