Freitag, 20. Januar 2017

Urbansketching

 

Frau am Fenster, Wupptertal- Vohwinkel, Januar 2017

Das Internet ist für mich eine immerwährende Quelle des Erstaunens. Es werden ständig neue Hypes erzeugt, und wahnsinnig häufig entpuppt sich der letzte heiße Sch... als ein ganz alte Kamelle. Der neuste Trend im künstlerischen Bereich ist Urbansketching. 
Das ist eigentlich nichts anderes als sich irgendwo ein interessantes Motiv in einer Stadt zu suchen und es zu zeichnen, also etwas, das ich im Architekturstudium vor fünfundzwanzig Jahren schon gemacht habe, um etwas über Proportionen bei Gebäuden zu lernen. Aus irgendeinem sich mir nicht erschließenden Grund ist diese Sache plötzlich im Hipsteruniversum angekommen. Auf Instagram gibt es zahlreiche Blogs dazu, es werden überall in Buchhhandlungen und Kunstläden Bücher zum Thema angeboten (in denen dem Leser erzählt wird, das sei total einfach, man müsse einfach nur damit anfangen) und in den Cafés der Städte hocken Menschen mit Skizzenblöcken stundenlang vor einem Latte und starren angestrengt aus dem Fenster.
Der Vorteil dieses Hypes ist, daß man zur Zeit richtig gute Materialien kaufen kann. Man bekommt mittlerweile auch in normalen Schreibwarenläden gute Skizzierstifte mit lichtechter Tusche, vernünftiges Papier und kleine Aquarellkästen zu genauso kleinem Preis, sogar mit diesen tollen Pinseln mit Wassertank. Die gab es vor fünfundzwanzig Jahren eher selten, man mußte immer eine Wasserflasche und einen Becher mitschleppen, wenn man mit Aquarell arbeiten wollte.
Eigentlich fände ich es schade, wenn dieser kleine Trend wieder verfliegen würde. Ich zeichne bei gutem Wetter gerne draußen. Allerdings mag ich es mittlerweile auch, wenn mich Leute dabei ansprechen. Sie fangen immer mit der Frage an: "Kann ich mal sehen?", und wenn man sich aufgeschlossen zeigt, erzählen sie einem ab und zu ihr ganzes Leben. Da sind tolle Geschichten dabei; manchmal lustig, manchmal traurig und manchmal einfach nur interessant. Früher konnte ich das nicht leiden, weil ich mir immer sicher war, daß meine Zeichnung Mist war und ich gar nicht wollte, dasß jemand sie sich ansieht. Das ist mir heute egal. Wenn die Zeichnung wirklich nicht funktioniert, dann sage ich das und schmeiße sie weg. Ein dickes Fell zu bekommen ist eine der wenigen positiven Altererscheinungen.
Also, wer Lust bekommt, im Sonnenschein herumzusitzen und den Künstler zu geben, jetzt ist die richtige Zeit dazu!

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